Warum ich keinen Goldbrief schreibe

07. Februar 2010

Würde ein Irgendwer behaupten, ich wäre ein in Sachen Wirtschaft und Finanzen Wissender, so wäre diesem Irgendwer in punkto Menschenkenntnis ein ganz, ganz schlechtes Zeugnis auszustellen. Es ist nämlich eher so, dass mir viele Dinge der allgegenwärtigen Ökonomie – und deren dazugehörige Finanzströme – ein Buch sind, welches für mich mit weit mehr als nur Sieben Siegeln prangt. Einzig und allein, dass ich mich nicht als Einzelner weiß, was die Erklärbarkeit des gegenwärtigen Wirtschaftssystem betrifft, lässt mich die Wirtschaftsnachrichten meiner Tageszeitung mit ruhigem Auge und einem gleichmäßigen Atem aufnehmen.

Zum Beispiel die Tatsache, dass die Deutsche Bank in einem einzigen Krisenjahr 5 Milliarden Gewinn macht, ist mir genau so unerklärlich wie die Tatsache, warum die CIA eigentlich noch nie eine Terrorwarnung herausbrachte, wenn Mariah Carey mal wieder eine neue CD veröffentlicht. Sie säen nicht und sie ernten doch. Schließlich liegt das Hauptaugenmerk der Deutschen Bank nicht etwa darauf, mit der Hände Arbeit sich zu nähren, sondern auf dem sogenannten Investmentbanking. Und Investmentbanking hat recht wenig mit Blaumann und Stechkarte zu tun, denn es geht beim Investmentbanking explizit darum, mittels Wertpapiergeschäften und ähnlichem an jeglicher Moral kratzendem Tagewerk, aus viel Geld noch mehr Geld zu machen. Was natürlich wider die Natur ist, denn aus eigener leidvoller Erfahrung kann ich nur sagen, dass das Geld in meinem Portemonnaie immer und immer wieder nur weniger wird, ganz gleich wie gut die Bedingungen in meiner Geldbörse auch sein mögen. Also dunkel und warm, demnach Bedingungen, die mich selbst des öfteren dazu bringen, mich der Seite unseres Doppelbettes zuzuwenden, die meine Gattin als ihren Claim abgesteckt hat. Doch Libido bei Geldscheinen ist eine noch nie beobachtete Eigenschaft. Was eben nicht dazu führt, dass in meinem Portemonnaie irgendeine Wertzeugung stattfindet, so dass die Vermutung, dass, wenn ich einen 20-Euro- und einen 10-Euro-Schein nur ganz eng nebeneinander lege, daraus ein 5-Euro-Schein erwächst, direkt ins Leere greift.

Wie also aus einem Euro zwei Euro werden, wird für immer ein Geheimnis für mich bleiben. So wie ein Aktienpaket im Wert von 100 Euro nur wertvoller wird, weil ein anderer es unbedingt besitzen muss. So gesehen besteht also die Geschäftsgrundlage der Deutschen Bank darin, nur immer ja genug Trottel zu finden, die für ein Produkt mit dem Wert A den Betrag B zahlen, welcher natürlich über A liegen muss. Und die Differenz zwischen A und B ergibt bei genug Trotteln eben mal locker 5 Milliarden Gewinn im Jahr. Was natürlich für eine ziemliche hohe Zahl von Trotteln spricht. Das da natürlich schon wieder die nächste Krise um die Ecke schielt und mit den Hufen scharrt, braucht nicht weiter hier erwähnt werden, denn ein Produkt A, welches auf Grund eines zwielichtigen Handels einen nicht vorhandenen Wert vorgibt, dass nennt man eine Blase. Und das da etwas im Börsendunkel lauert, erkennt man unter anderem daran, dass an jeder Ecke und in jedem Medium plötzlich Goldaufkäufer lauern, die sich der Tatsache längst bewusst sind, dass Wertpapiere nicht die Tinte, mit der sie bedruckt wurden, wert sind. Und gleiches gilt für Geldscheine. Und wenn die Blase dann druckvoll platzt, dann bleiben eben nur die stehen, die ihre Taschen mit ausreichend Gold beschwert haben.

Aber wie gesagt: ich bin in diesen Sachen ein Unwissender. Der Berg des Finanzwissens wird von mir nie erfolgreich bestiegen werden. Für unsereins gilt ja schon ein Venushügel als ernsthafte Herausforderung.

Und allein für den letzten Satz bete ich jetzt 10 Ave Maria.

Schipp Schipp Hurra!

31. Januar 2010

Alles könnte so einfach sein. Nehmen wir das Schneeschippen. Ein loses Blatt Papier und auf diesem schriftlich festgehalten, dass mein Nachbar in der Zeit zwischen Oktober und März fürs Schippen verantwortlich ist, und ich zwischen April und September. Aber nein, mein übersorgfältiger Nachbar beharrt darauf, solch einen Vertrag anwaltlich überprüfen zu lassen, da er einen Haken vermutet. Soviel zum Thema Vertrauen. Vielleicht sollte ich beim nächsten Umzug einfach darauf achten, welchen Bildungsgrad die zukünftige Nachbarschaft inne hat. Dort, wo Kafka im Bücherregal steht und Cabernet Sauvignon zu Lamm gereicht wird, da heißt es Finger weg! vom angebotenem Mietdomizil. Selbst wenn der Quadratmeter nur um die 5 Cent kostet. Warm! Dort aber, wo Mario-Barth-DVD’s und geleerte Bierflaschen der Firma Oettinger ein diffuses Teppichmuster abgeben, da gilt es nebenan mietwohnungsmäßig zuzuschlagen, mit dem Gedanken im Hinterkopf, nun zwar gewiss in einem übel beleumdeten Viertel zu wohnen, aber nie wieder selbst Schnee schippen zu müssen.

Dies ist natürlich nur allzu vordergründig, denn 1.) ist es ja nicht so, dass, wer kein Geld hat, dieses zwangsläufig für Billigbier und Billigcomedy heraus wirft. Und 2.) sagt der finanzielle und soziale Status ja reinweg gar nichts über den intellektuellen Zustand der Nachbarschaft aus. Intellekt ist nämlich nicht immer mit Bildung gleichzusetzen. Hartz4 sorgt schon dafür, dass auch in sozialen Brennpunkten die Nachbarschaft in Sachen Bildung sehr heterogen durchsetzt ist. Denn am sozialen Abstieg üben sich längst schon auch Professoren und Ingeneure. Durchaus besteht also die Möglichkeit, dass mein neuer Nachbar meine eigennützige Denke durchschaut und mich mit dem gerolltem Schneeschippvertrag windelweich schlägt, obwohl in diesem Viertel der Besitz von Mario-Barth-DVD‘s überdurchschnittlich hoch ist! Und selbst wenn es anders wäre: wir als Deutsche haben ja schließlich auch eine geschichtliche Verantwortung, die es definitiv ausschließt, an Bahnsteigen solche Sätze wie “Alle Mario-Barth-DVD-Besitzer links raustreten!” zu rufen. Weit sind wir davon entfernt, die Leute, die Mario Barth witzig finden, sich bunte Sterne auf den Mantel nähen zu lassen. Und vielleicht ist ja gerade das Schneeschippen der Preis, welches einem die Geschichte Deutschlands als Nachgeborenem als Gebühr fürs gute Gewissen auferlegt. Womit man ja eigentlich noch ganz gut weggekommen ist. Und da schippt man doch gern. Sogar im Winter.

Alles könnte so einfach sein. Das mit den Zusatzbeiträgen der Krankenkassen zum Beispiel. Irgendwie bekommt man ja mittlerweile den Eindruck, als könnten Ärzteschaft und Medizin dafür sorgen, dass man ewig leben könne, sofern man nur gehörig Beiträge in den Topf ohne Boden buttert. Dies ist an sich aber vollkommen unlogisch, denn könnte man ewig leben, so bräuchte man ja gar nicht zum Arzt. Es ist also unsere Sterblichkeit, die uns in die Arme der Ärzte und Apotheker treiben, weil wir, wenn wir schon sterben müssen, dieses möglichst kerngesund tun möchten. Also im Alter von 98 Jahren mit einem Blutdruck von 120/80 und einem ähnlich guten Zuckerwert, umso den Tod zu verwirren, in der Hoffnung, dass er einem noch ein paar Jahre drauf gibt. Doch die Erfüllung dieses Ansinnen liegt nicht in den von Einweghandschuhen geschützten Händen der Doktoren, sondern ganz allein in den unsrigen. Mal als Tipp: je gesünder man lebt, umso größer die Wahrscheinlichkeit, Arztpraxen nicht von innen zu sehen. Und ohne Übergewicht und Raucherlunge macht man dann locker mit 80 Jahren vorm Schaufenster des Apothekers Kniebeuge mit einem 50-Kilo-Sack Kartoffeln auf den Schultern und dreht dem Pillendreher eine Nase. Und von den Zusatzbeiträgen, die man wegen nicht in Anspruch genommenen Leistungen selbstverständlich nicht zahlen muss, kauft man für seinen Nachbarn eine nagelneue vergoldete Schneeschippe.

Es könnte alles so einfach sein.

Ein Sonntag “Made in Bilderbuch”

24. Januar 2010

An einem Sonntagvormittag wie diesem gibt es erfahrungsgemäß nicht allzu viele Probleme zu klären, wobei ich hier an dieser Stelle selbstverständlich nur für mich sprechen kann. Die Wohnung ist warm, der Kühlschrank gefüllt, wäre es andersherum, erst dann hätte ich wohl einen guten Grund zu Jammern und Klage. Überhaupt scheint mir, dass gefüllte Gefrierkombinationen und beheizte Behausungen in unseren Breiten nicht mehr ausreichend gewürdigt werden. Nicht zu hungern und nicht zu frieren gelten hierzulande als Standard, der, hier lausche man älteren Generationen oder auch dem Nachrichtensprecher, anderswo der pure Luxus scheinen. Was nicht heißen soll, den Status Quo über aller Gebühr loben zu wollen, denn stets und immer gilt es für den Menschen Besseres zu erreichen. Stagnation heißt Untergang, was man besonders gut daran sieht, wenn man sich starr wie ein Fels auf ein gut befahrenes Gleis einer ICE-Strecke stellt. Doch momentan beharre ich darauf: wenn sich dann im Kreise von Wärme und Völlerei auch noch ein breites Sofa finden, so ist, wenn man nicht neidvoll in die Hochglanzausgaben von sogenannten Lifestyle-Magazinen schielt, der Sonntag nahezu perfekt.

Natürlich gibt es hie und da noch kleinere Übel, wie zum Beispiel die Frage, ob, wenn ich mir morgens Eiersalat einverleibe, ich mir nicht quasi abgetriebenes Brathuhn aufs Knäcke schmiere. Was mich wiederum zu der Frage führt, ob es denn für Hühner auch Babyklappen gibt, die dann selbstverständlich Eierklappen heißen müssten. Auch die Werbeblätter, welche selbst in allem Kommerz weit entfernten sonntäglichen Morgenstunden von fleißigen vergilbten Raucherfingern in die Briefkästen gedrängt werden, geben mehr Fragen als Antworten. So wird auf einer vor Reiseannoncen schier überlaufenden Seite eine Reise nach China angepriesen, nur um die Große Mauer einmal mit eigenen Augen gesehen zu haben, mit dem Hinweis, dass man die Große Mauer sogar vom Mond aus sehe. Was ich natürlich als Kofferpackargument nicht durchgehen lasse, denn es ist ja nichts besonderes daran, die Große Mauer vom Mond auszusehen, da man ja schließlich auch den Mond von der Großen Mauer aus sieht.

Desgleichen die zum Verkauf anstehenden Busreisen ins sächsische Nachbarland, die locken mich nicht wirklich, was jetzt nicht daran läge, dass ich Dresden nicht reizvoll befände. Sicherlich gibt es dort so manches Schmankerl fürs Auge zu entdecken, und ohne in Scham zu versinken gebe ich zu, dass ich vor Zeiten immer dachte, „globen“ wäre sächsicher Dialekt, dabei, es ist ja nur die Mehrzahl von Globus. Daneben die angebotenen Reisen ins verschneite Bayern, um dort auf Ski und Rodel durch die Kälte zu jauchzen, die machen mich keineswegs kribbelig in den Beinen. Skisport war noch nie das meinige, auch bei den Übertragungen im Fernsehen blicke ich regelmäßig darüber hinweg. Überhaupt: was ist das denn auch für ein horrender Blödsinn: Biathlon auf Schalke. Es kommt doch schließlich auch niemand auf die Idee, Fußball auf Ruhpolding zu spielen.

So esse und lese ich mich durch den Sonntagmorgen, stelle die Heizung auf 5 und lausche den Glocken, die fernab meiner atheistischen Gesinnung um Aufmerksamkeit buhlen. Und dessen ungeachtet: wenn ich getauft wäre und strengen Glaubens, so glaube ich nicht, dass ich ein guter Kirchgänger wäre. Denn immer, wenn ich den dürren Kerl am Kreuz sehen würde, bekäme ich angesichts meines vollen Kühlschranks ein ganz schlechtes Gewissen.

Ansonsten ist alles ganz prima. Wirklich.

PS: Dieser Text enthält zahlreiche meiner unter dem Pseudonym “Kobenkruemel” veröffentlichten Tweets. Diese Zweitverwertung lässt obigen Text nicht nur durch eine außerordentlich gute Wortwahl, sondern auch mit einer sehr guten Ökobilanz glänzen. Jede Zeile ein Beitrag zur Rettung des Planeten. Blumen und materielle Präsente als Zeichen des Dankes bitte an die im Impressum stehende Adresse.