Im Würgegriff der Blauen Bänder (2)
Samstag, 31. März 2007Oder: Märzenbecher und andere Lümmel
Nun lässt der Frühling also dass, was ihm einst ein über die Norm begabter Poet an den lauen Hals poetete, durch die angenehm klimatisierten Lüfte flattern: seine berühmt berüchtigt blauen Bänder. Soll er doch, denke ich. Solange sie mir nicht zwischen den etwas zu kurzen Beinen herumfuhrwerken, sind sie mir äquivalent zur Bundesliga so ziemlich egal. Auch wenn meine Angetraute durch die sperrangelweit geöffnete Türe vom Hofe herein ruft:
”Oooch, die Krokusse gucken schon!”
Was alles mir als wenig glaubwürdig erscheint. Denn ich wandle ja nun schon seit fast 43 Jahren im sogenannten Frühjahr an sogenannten Frühblühern vorbei, doch noch nie habe ich Krokusse mit Augen gesehen.
Überhaupt ist meine Vorfreude auf Pulloverärmelhochkrempeln und 7 bis 8 Bier im Freien genau wie der schmutzige Schnee am Straßenrand, den es in diesem Winter ja gar nicht gab, weitgehendst zusammen geschmolzen. Denn jede Vorfreude geht doch sofort den Schmelzwasserbach herunter, wenn sich ein Ereignis schon Monate vorher ankündigt. Im Supermarkt: auch im November Milram Frühlingsquark. Beim Chinesen: ganzjährig Frühlingsrollen. In der Waschmaschine: stetig Lenor mit Aprilfrische.
Wenn mir Prinz Charles und seine Camilla heute Abend telefonisch androhen würden, sie kämen mich im Jahre 2027 auf Kaffee und Frühlingsquark besuchen, so kann ich mich doch nun nicht 21 Jahre lang vor Freude in die Luft springend fortbewegen! Das ist weder gut für’s Laminat, noch für die Gelenke. Vorfreude sollte sich auf wenige Tage beschränken. Wegen des körperlichen Wohlbefindens wegen. Hoher Blutdruck macht nämlich nur den Apotheker überglücklich. Und allzu viele Glückshormone im Blut nehmen den roten Blutkörperchen nur den Platz weg. Sieht man doch an den pickligen, aber unkritischen Teenagern: freuen sich voll 3 Monate auf das Konzert Tokio-Hotel, und kaum stehen diese Singsangspargel auf der Bühne, schon fallen die angehenden Aldi- und Sparkassenazubis beim ersten Ton wegen Sauerstoffmangel wegen fehlender roter Blutkörperchen wegen zuviel Glückshormonen im Blut einfach klitschklatsch um! Da könnte man die 36 Euro für die Konzertkarte doch lieber gleich ins wie der tokiohotelsängermagere Sparschwein stecken. Sparschweine lassen einen nämlich auch vorfreudig sein. Aber eben nur gemäßigt. Wenn man sie wöchentlich schüttelt und rüttelt, doch nie richtig weiß, lohnt es denn schon, das Schwein an die Wand zu werfen?! Und noch nie habe ich von einem Fall gehört, dass, wenn man das Schwein dann mit dem Hammer schlachtete, ein Teenager dabei in Ohnmacht fiel. Außer der Teenie stand zwischen Schwein und Hammer.
Und noch eine andere Last legt der Frühling auf des Frühjahrsmüden Schultern: dass geerbte Gefühl des ”Nun muss ich aber spazieren gehen!” Das ist natürlich Quatsch. Fernsehen aus der Sitzkuhle des Sofas heraus, verliert keineswegs an Gemütlichkeit, nur weil die Sonne draußen Amok läuft. Auch wenn es auf den lichtgepinselten Flaniermeilen nun viel Wunderliches zu entdecken gibt. In den Straßenkaffees sind jetzt sogar die ungemütlichsten aller Plastikstühle besetzt. Touristen stecken ihre ausländischen Hälse aus ollen Kirchen und Museen, um endlich am eigenen Ohr herauszufinden, was denn nun dass ”original deutsche” in deutschen Flaniermeilen darstellt: pöbelnde Skinheads. Und rumänische Straßen”musikanten“.
Mich allerdings interessiert mehr, warum die Sicherheitsdienste, die nun mehr vor der Türe des Schleckerdrogeriemarktes stehen, als winterbedingt immer nur dahinter, stets eine Glatze als Frisur haben. Führt nachtschichtbedingtes Kreise drehen und an Türgriffen rütteln wie an einem Sparschwein zu kreisrundem Haarausfall? Noch nie habe ich einen Wachmann mit Haaren wie Günther Netzer gesehen! Dabei, Wachmänner sind wichtig. In meinem Geburtsort Erfurt hat die Kriminalität so drastische Formen angenommen, da schließt man Laternen an Fahrräder, damit, so glaube ich zu glauben, die Laternen nicht gestohlen werden.
Doch was mir im Frühjahr stets ein besonders schmerzhafter Dorn im immer wachsamen Auge ist, ist das Umstellen der Uhren wegen der Sommerzeit. Denn jedes mal, wenn ich alle Uhren im Haus umgestellt habe, verbringe ich die nächsten 14 Tage damit, diese wieder zu suchen.
”Oooch”, höre ich da gerade mein Eheweib stöhnen, ”die Märzenbecher gucken ja auch schon!”
Könnten Märzenbecher wirklich ”gucken”, so sinniere ich vor mich hin, dann wäre ich wohl auch gerne einer. Da würde ich der jungen Nachbarin unter den Rock ”gucken”, wenn die mit meiner Frau zusammen mich Blume begafft. Ach ja. Der Frühling.
