Gevögeltes

Mit Verlaub: Es ist mitnichten so, dass das Gezwitscher der Vögel, welche uns am frühen Morgen auf unserem Wege zur Arbeit mit Auf-die-Schulter-und-den-Kopf-scheißen begrüßen, als Gesang bezeichnet werden darf. Denn Vögel singen eigentlich gar nicht. Das, was wir keck als ihren „Gesang“ charakterisieren, ist in Wirklichkeit nichts weiter, als ihre Art miteinander zu kommunizieren. Und wie schön der Vöglein Verständigungsversuche auch in unseren Ohren klingen mögen: Sie unterhalten sich einfach nur.

Selbst die quietschgelben Kanarien, die bevorzugt wegen ihres angeblichen „Gesanges“ in erbsensuppendosengroßen Käfigen gehalten werden, singen natürlich auch nicht, sondern klagen in Wahrheit nur in Kanariensprache ihr Leid. So heißt zum Beispiel „Tiri-Tiri-Tiri!“ wortwörtlich übersetzt nichts anderes als: Ich bin geil wie Nachbars Lumpi. Doch was macht Tante Magda in völlig falsch verstandener Fürsorge? Kippt 3 Kilo Kanarienfutter mit Hirse, Leinsaat, Haferkernen und Wildsamen ins vor Hormonen aufgeblähte Vogelverlies. Doch dieses hilft dem sowieso schon übergewichtigem Hansi keinesfalls dabei, seine Sexualität bis zum von der Stange fallen auszuleben. Er wird fett und jungfräulich sterben.

Wer aber dennoch steif und fest behauptet, Vögel sängen eben doch, der kann ja auch genauso gut beteuern, die Vögel, welche über uns im morgendlichen Geäst sitzen, würden sich gegenseitig zupfeifen, wie wunderschön wir Menschen doch sängen täten, sobald wir unter ihnen in Selbstgesprächen versunken zur Erwerbstätigkeit schleichen . Natürlich singen Menschen auch ab und an. Allerdings niemals in Selbstgesprächen. Sonst hießen Selbstgespräche ja schließlich Selbstgesänge. Doch das Wort „Selbstgesang“ ist nur in Sprachschätzen zu finden, welche hoffentlich niemals gehoben werden.

Und von Gesang kann man eigentlich auch nicht sprechen, wenn man die Kurve vom Thema Vögel zur Thematik Privatradio kriegen will. Muss man aber auch nicht. Denn was da so per Schallwelle durch den wehrlosen Äther geschickt wird, verlangt vom Hörer Trommelfelle, die so geduldsam sein müssen, wie die versammelte Schar der Logopäden beim Jahrestag des Deutschen Stottererverbandes. Denn die Privatradiosender haben scheinbar in einem deutschlandweiten Großversuch damit begonnen, Monotonie in Stereo zu senden. Leider erfolgreich. Nichts gegen leckere Schwedenhappen, aber fünfzig mal täglich ABBA, und das sieben mal in der Woche, da kann man schon irgendwann das übermächtige Bedürfnis verspüren, beim nächsten Ikea-Besuch ja keinen Brandbeschleuniger zu vergessen. (Auch wenn ich mit Schamesröte im Gesicht gestehe, dass die Agnetha in den feuchten Träumen eines jungen Mannes, welcher ich einstmals war, eine tragende Rolle spielte.) Und wenn sie nicht ABBA spielen, dann spielen sie eben Xavier Naidoo. Oder Herbert Grönemeyer. Okay, den versteht man wenigstens nicht. Und selbst wenn man ihn versteht, so versteht man ihn einfach nicht. Also den Sinn. Bei einem seiner ersten Hits namens „Currywurst“ war der Text ja noch allgemeinhirnkompatibel. Doch seitdem er wahrscheinlich eine Kreuzung aus Wolf Biermann und Hieroglyphen zum Textdichter erkoren hat, versteht der Durchschnittshörer nur noch Bahnhof.

Da lob ich mir Xavier Naidoo, von Berufs wegen Chartstürmer mit Atheistenphobie, denn dessen Texte verwirren nicht mit verbalen Konstrukten, sondern glänzen eher durch logische Stumpfheit. O-Ton Xavier Naidoo: „Wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.“ Lieber Bibelfreund, Zeit ist doch relativ. Denke ich an Agnetha, vergeht sie wie im Fluge. Höre ich dagegen deine Heilandschnulzen im Radio, scheinen mir die Uhrzeiger in Beton gegossen zu sein. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mir nicht großartig den Nüschel darüber zermattere, was denn überhaupt nicht mehr lange dauern mag. So wie es mir auch vollkommen gleich ist, ob die Priester in der Messe nun ein Weihrauchgefäß oder einen Teebeutel schwenken. Einzig und allein der Gedanke, dass Morgen oder Übermorgen vielleicht schon Auferstehung sein sollte, treibt mir Wuschigkeit ins Hirn. Denn der mir zur Verfügung stehende Wohnraum ist maßgeschneidert auf maximal 3 Personen. Und auch das finanzielles Kissen, auf welchem meine Familie recht hart zu sitzen pflegt, gleicht mehr einer leeren Kissenhülle. Kurz und knapp: Es wäre mir also gar nicht recht, wenn sämtliche Familienmitglieder, welche man doch schon vor längerer Zeit vertrauensvoll der Ewigen Ruh anvertraute, plötzlich wieder lauthals krakeelend vor der Haustüre stehen!

Aber dass es wohl kaum so kommen wird, das pfeifen die Vögel vom Dach. Nur singen, singen tun sie es eben nicht.

2 Antworten zu “Gevögeltes”

  1. Mulle sagt:

    Gut gezwitschert, du Vogel :-)
    Und gegen feuchte Träume mit Agnetha empfehle ich kalte Waschungen mit Rheumasalbe.

  2. kolumnistenschwein.de » Blog Archiv » Liebe/r D., sagt:

    [...] dabei doch soviel Positives am Wegesrande zusammenzuraffen und mitzunehmen! Da wären zum Beispiel der Gesang der Vögel am Morgen, die Liebe allein oder auch zu zweien, eventuell auch gleichgeschlechtlich, die maßlose Völlerei [...]