Von nackten Füßen

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich bis zum heutigen Tage, wenn man mal von herbem Pils und jugendlichem Hang zu starken Zigaretten absieht, keinerlei Drogen konsumierte, was aber eben weniger meinem wie drei Wochen altem Brot harten Charakter geschuldet war, sondern eher der Tatsache, dass die Damen und Herren Dealer meinen Wohnort stets wie Leprastationen mieden, da dessen Einwohner auf Grund ihrer landestypisch zigfach auf- und abgetragenen Kleidung bei den Drogenhändlern wohl den Eindruck hinterließen, sie würden allesamt ihr Ein- und Auskommen auf zu finanzschwachem Fundament gebaut haben, um sich an den Wochenenden wahrhaft starke Räusche leisten zu können, und ich nun wahrscheinlich deshalb das Leben für so fade wie zu lang gekautes Hubba Bubba halte.

Auch wenn man hier einwerfen möge, dass man doch mit dem bis zur geschmacklichen Unkenntlichkeit zerkauten Bubblegum ganz prima Blasen machen könne, doch dem Menschen, der dem Glauben anheim gefallen ist, dass Kaugummiblasen machen dem Leben doch wenigstens einen gewissen Hauch von Sinn geben würde, dem hellsehe ich hiermit voraus, dass dereinst, wenn die Trauergemeinde an seinem offenen Sarg vorbei staksen wird, die Schwarzgekleideten hinter dem Witwenrücken einander zuflüstern werden, dass der arme Kerl doch ganz für umsonst gelebt hätte.

Nein, ich bleibe dabei: Das Leben ist ein dünnes Süppchen und die vereinzelt darauf schwimmenden Fettaugen (Maibaum setzen, eine neue CD von Tool, einen Diamanten statt eines Eigelb im hartgekochtem Frühstücksei finden, ect., ect.) machen sie noch lange nicht zu einem nahrhaften und abwechslungsreichen Festtagsmenü. Denn an sich besteht es nur aus lautlos diktierten Pflichten, die wir ohne murren und knurren zu erfüllen haben, während wir noch nicht einmal ansatzweise erahnen, wer uns dieses lebenslange Diktat mittels Geburtsurkunde überhaupt an des Daseins Türe genagelt hat. Nehmen wir beispielsweise mal das Atmen: Ein….. Aus….. Ein….. Aus….. Ein….. Aus. Versuchen Sie doch bitte nur einmal, sich diesem ernsthaft und gewillt zu widersetzen, zu entziehen, und nach spätestens zwei bis drei Minuten wird Ihnen das Leben was husten und röcheln, denn von wegen einfach mal so aus der Existenz aussteigen wollen, und sie werden kurzatmig und blau im Gesicht erkennen, Sie sind macht- und hilflos ans Weltliche gefesselt, bis es Ihro unsichtbaren Gnaden gefällt, Sie per Hirn-, Herz-, oder Baseballschlägerschlag in den endgültigen Ruhestand zu versetzen. (Erhängen u.ä. Methoden seien hierbei unbeachtet, da ich der Gewalt vor Langem schon den behaarten Rücken zuwandte, was natürlich auch dem Strangulieren des eigenen Halses einen starken Riegel vorschob, denn dem Sprichwort, dass Ausnahmen die Regel bestätigen würden, habe ich des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes wegen gleichfalls ein lebenslanges Platzverbot erteilt.)

Natürlich ist der von mir ins Auge gefasste Gedankengang, dass Drogen diesem grauen Einerlei, dieser ach so penetranten Aneinanderreihung des Alltäglichen, welche sich in purer Langeweile manifestiert, ein paar satte Farbspritzer verpassen würden, auf Grund fehlender Erfahrungen natürlich nur hypothetisch, und was ich selbst nur vom Hören und Sagen weiß, darf ja schließlich niemals Pflaster gedanklicher Strassen sein, da diese, um einer subjektiven Beurteilung willen, persönlich auf ihre reale Trittfestigkeit überprüft werden sollten.

Doch wenn ich an die Drogenabhängigen denke, die auf Bahnhöfen und anderen Stätten der Begegnung rappeldürr und fetthaarig mit großen Augen im glanzlosen Gesicht der Luft Löcher in den luftigen Leib starren, so habe ich den Eindruck, dass sie eigentlich nicht gerade sehr glücklich, sondern mehr so aussehen, als wären sie 25-Watt-Glühbirnen und man hätte ihnen schon vor Monaten den Strom abgestellt.

Doch im Angesicht dieser gescheiterten und aschfahlen Glückssucher, da bin ich ehrlich geschrieben schon mehr als nur verdammt froh darüber, dass, statt der Dealer mit ihren gestreckten Aushilfstraumwelten, nur die Männer von der Firma, die die Kaugummiautomaten an graue, putzkotzende Mauern hängen, in mein Heimatstädtchen gefunden haben. Maibäume lassen sich schließlich auch im Oktober, Februar oder gar im Juli setzen, vorausgesetzt, sofern man nur will. Und es muss ja nicht immer gleich eine neue Tool sein, denn auch Opeth verstehen es vortrefflich, das mühsame Sein musikalisch zu umrahmen. Und desgleichen muss das Eigelb notwendigerweise nicht unbedingt immer ein Diamant sein, denn schließlich enthält das Eigelb weit mehr Eiweiß als das Eiweiß selbst, was ungemein begrüßenswert ist, denn so oder so sind die Proteine die Grundbausteine aller Zellen, und Zellen, die massiv und gut gebaut, sind nun mal eines jeden Staates Unterpfand. Und wer nun entrüstet den großen Demokraten aus dem vom Schreien trockenem Halse heraus hängen lässt, dem möchte ich gern sagen, wir sind nun einmal allesamt leider keine Hobbits. Und die Welt ist nicht Auenland.

3 Antworten zu “Von nackten Füßen”

  1. Bobby Fletcher sagt:

    Otto-Normalverbraucher wie ich müssen nicht persönlich einen Drogenabhängigen kennen, denn Filme wie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ oder „Trainspotting“ beweisen eindrücklich: Ist der Drogenabhängige auch nicht glücklich, langweilig ist solch ein Leben sicherlich nicht – und beides muss ja schließlich nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen. Ein ständig präsentes Ziel vor Augen, nämlich der nächste Kick zum kleinen Glück (also vielleicht doch glücklich, zumindest manchmal?) wird zum alles bestimmenden Lebensinhalt. Somit hätte ein Drogenabhängiger vielen Mitmenschen einiges voraus: Ziele, kleines Glück, Lebensinhalt. Das wirklich Dumme an der Sache ist der hohe Preis, der dafür zu zahlen ist. Doch wie heißt es sinngemäß so schön: „Umsonst gibt es nichts, noch nicht einmal den Tod, denn der kostet das Leben.“

    Eine der sinnlosesten „lautlos diktierten Pflichten“ überhaupt ist für mich das allwöchentliche Einkaufsprozedere. Mal ehrlich, gibt es sinnfreiere Tätigkeiten als dieses ständige Ein- und Ausgepacke, dass neben Geld auch reichlich Zeit kostet? Zum Supermarkt fahren, im Supermarkt an den Regalen vorbei, das meistens sowieso immer Gleiche in den Einkaufswagen packen, zur Kasse, Einkaufswagen zum ersten Mal auspacken um ihn kurze Zeit später das zweite Mal einzuräumen, zum Auto, Einkaufswagen zum zweiten Mal auspacken, nach Hause, Sachen zum dritten Mal auspacken und ins Haus bringen. Hallo, wir leben im 21. Jahrhundert, es wird an Herzen operiert, zum Mond geflogen eine Frau als Kanzlerin gewählt und ich muss jede Woche aufs Neue primitiv einkaufen gehen! Mein Kühlschrank soll sich gefälligst von selbst füllen und außerdem wird es Zeit für die standardmäßige dritte Leitung an jedem Wasserhahn in Deutschlands Haushalten: Warmes Wasser, kaltes Wasser, kühles Bier.

  2. HinRichter sagt:

    Faszinierend finde ich, daß es im großen Bild der Öffentlichkeit keine Abstufung unter den Drugusern gibt. Es gibt anscheinend nur die kleinen Zigarettentuner und die halbleichenartigen Junkies vom Bahnhof.
    Fast so, als würde man sagen:”Also, hier ist der Anfang vom Weg, aber der nächste Schritt führt schon ans Ende der Fahnenstange.”
    Sicherlich wäre man schockiert, wenn man den Menschen ihre kleinen Sünden ansehen würde, welche Unmengen sich schon des “Harten Drogenkonsums” schuldig gemacht, aber den Weg zum Bahnhof nicht gefunden haben.

  3. Name sagt:

    “Mal ehrlich, gibt es sinnfreiere Tätigkeiten als dieses ständige Ein- und Ausgepacke, dass neben Geld auch reichlich Zeit kostet?”

    Wie wahr – ich warte immer noch auf Astronautennahrung. Ovomaltine ist eklig.