Halbgötter in Schwarz
Glaubensfreiheit ist eine grandiose staatliche Einrichtung, denn ganz gleich wie undurchsichtig und fragwürdig die Rolle des einzelnen Subjektes auf der Bühne des Lebens auch sein mag: Es darf sich nach Belieben im Kopfe dazu ein äußerst feudales Bühnenbild zimmern, selbst wenn es zur eigenen Statistenrolle passen sollte, wie Speiseeis nach Pückler Art zu Sardellen.
Cho Seung Hui (wir erinnern uns: der Studienabbrecher von der Virginia-Tech in Blacksburg) glaubte beispielsweise, er wäre wohl so etwas wie ein zweiter Jesus. Dr. Helmut Kohl dagegen glaubt, er wäre prädestiniert für den Friedensnobelpreis. Doch bekäme er diesen wirklich um den feisten Stiernacken gehangen, dann wäre dieses ungefähr so, als würde die UNESCO beschließen, die Sendung „Vera am Mittag“ zum Weltkulturerbe zu erklären. Womit aus meiner subjektiven Sicht gesagt sein soll, dass beide Entscheidungen garantiert ein ziemlich tiefer Griff in die weiche Masse wären. Denn schließlich hat sich doch Big Helmut nur die Kastanien ans Revers geheftet, die die Stoffbeutel- und Anorakträger im damaligen grauen Leipzig aus dem Stasifeuer holten. Doch die gingen nicht für Friedensnobelpreise oder bleikristallene Kelche auf die maroden Strassen – die wollten einfach nur Bananen und grießfreies Westfernsehen. Die einzige Großtat Dr. Helmut Kohls, an die ich mich nebelhaft erinnere, war, dass er den Eierwerfer von Halle persönlich am Juso-Schlafittchen packte, was mir zu jener Zeit auch sehr lobenswert erschien, denn selten bedenken unbedachte Eierwerfer, wie sehr sich doch so ein kleines Huhn den Arsch und angrenzende Körperöffnungen für nur ein einziges Ei aufreißen muss.
Doch wer von uns sich jemals die geistige Blöße gab, einer Sendung von „Vera am Mittag“, die leider erst nach der letzten statt vor ihrer ersten Ausstrahlung abgesetzt wurde, als Zuschauer beizuwohnen, der weiß natürlich auch, dass dieses Sendeformat niemals von der UNESCO ausgezeichnet wurde, nicht einmal mit dem Unter-aller-Sau-Pokal, selbst wenn es so einen wirklich irgendwann einmal gegeben haben sollte. Denn „Vera am Mittag“ war stets nur eine Zurschaustellung von einfachen Charakteren, die zusammen ungefähr einen IQ von 36 auf die intellektuelle Waage brachten, und sich während der ganzen Sendung gegenseitig giftspuckend und wutschnaubend vorwarfen, wer mit wem wann und wie oft kopulierte, auch wenn dem kritischen Zuschauer beim Anblick dieser menschlichen B-Ware längst unheilvoll schwante: wer mit denen das Bett teilt, der legt sich auch zu Tieren.
Und da auch bei Sat1 Glaubensfreiheit durch die Studios wehte, glaubte vielleicht Vera Int-Veen, sie würde moderieren, dabei bestand ihr Aufgabe nur darin, sobald sich die Wogen im Studio zu glätten drohten, neues Öl ins Feuer der Zwistigkeit zu gießen, auf das die Studiogäste einander ans Gekröse gingen. Doch um solch mediale Aufwiegler und Unterste-Schublade-Demagogen, da macht die Friedenstaube stetig große weite Bögen, was für Vera in Betreff auf Nobelpreise in Sachen Frieden auf Essig deutet.
Doch auch ich bin eifriger Nutznießer der Glaubensfreiheit, da ich mir die Freiheit erlaube zu glauben, dass man im staubigen Irak weitaus sicherer lebt als im teilsanierten Deutschland, da im Irak 2006 durchschnittlich nur 120 Menschen pro Monat gewaltsam umkamen, während in Deutschland laut Expertenmeinung des Aktionsbündnis Patientensicherheit pro Jahr 17.000, also monatlich über 1400 Patienten wegen vermeidbarer Behandlungsfehler über den Jordan gehen, womit, wer möchte, schlussfolgern kann: Die Ärztekammer ist die Al Kaida des Deutschen Gesundheitswesen.
Und seitdem ich dieses Wissen dingfest machte, sind in meinem Hause Doktorspiele ein für und allemal passé.
26. April 2007 um 21:51
Mann, habe ich diesen Text, Genossen!
PS: Das Kolumnistenschwein muss im Fernseh’n!
27. April 2007 um 8:49
Neee, Internetradio. Regelmäßige Lesung? Biddeeeee…*bettel*
27. April 2007 um 9:26
[...]Dieses köstliche Zitat stammt aus dem lesenswerten Post “Halbgötter in Schwarz” vom kolumnistenschwein.[...]
heute auf zerrspiegel.
Klasse!!
27. April 2007 um 15:20
Immer wieder geil, hier zu stöbern!!
Der Mann spricht mir aus der Seele – er kann sich nur besser artikulieren!!