In Plakatfarbe veritas
Nun ist es ja bereits ein alter, bis in die letzte Falte des Schweißbandes abgewetzter Hut, dass die Menschen nicht nur immer länger, sondern auch immer breiter leben. Wobei letzteres sicherlich der Ernährung geschuldet sei, denn Burger, Coke und Omas hausbackener Pflaumenkuchen mit frisch geschlagener Sahne obenauf, hinterlassen nun einmal leider sehr fettige Fingerabdrücke an unseren Leibern. Und ich gestehe, manchmal, wenn die ernährungsphysiologischen Pferde auch mit mir durchgehen, da schmiere ich mir sogar Butter unter die Leberwurst. Doch nicht tränenreiche Eingeständnisse kulinarischer Verfehlungen sollen Gegenstand dieses Textes sein, und auch nicht der immer kräftiger werdende Bauchansatz unserer Gesellschaft, sondern deren äquivalente Ausdünnung ihrer Denkfähigkeit. So glaubte ich zum Beispiel noch bis vor Kurzem, dass Heiligendamm die Bezeichnung für die Region zwischen Anus und Vulva der Jungfrau Maria sei. Doch so wie Schnecken bei Regen fix ihre Stiefel schnüren, so erkannte ich Dank gedruckter, aber auch per Äther versendeter Medien, dass Heiligendamm ja reinweg gar nichts mit der Heiligen Dämme zu tun hat, sondern nur der älteste Seebadeort Deutschlands ist. Und den kann die Jungfrau Maria ja wohl unmöglich unterm Rock herum getragen haben.
Obgleich dieser gedankliche Fauxpas gleichwohl als mein persönlicher, intellektueller Offenbarungseid gewertet werden kann, so komme ich dennoch nicht umhin darauf zu verweisen, dass nicht nur ich im Zustande geistiger Untätigkeit dahin dämmere, sondern auch eine vermutlich nicht unbeachtliche Anzahl meiner Artgenossen. So glauben die Regierungschefs aus den acht stinkreichsten Industriestaaten dieses Planeten, die allerdings nur so verdammt reich sind, weil sie stets dafür Sorge tragen, dass die anderen 186 Staaten ja immer schön arm bleiben, sie könnten sich an jenem Ort, denn ich irrtümlich einst für die Region zwischen Vulva und After der Jungfrau Maria hielt, mal wieder ungestört die größten Stücke vom Wohlstandskuchen gegenseitig zuschieben. Doch Pustekuchen, denn es wird circa 100.000 das Haarbüschel in der Suppe suchende Gegendemonstranten geben, die ihrerseits glauben, den Kuchen weitaus besser verteilen zu können. Was natürlich auch nicht gerade preisverdächtig zu Ende gedacht ist, denn schließlich ist das Sprichwort von den Köchen, die, wenn zu viele davon in der Küche präsent, auch noch jeden Brei zu verderben verstehen, auch bedenkenlos auf die Zunft der Backwarenverkäuferrinnen und Backwarenverkäufer anzuwenden. Und außerdem sollte es sich doch längst auch bis zu jedem noch so vermummten Ich-bin-so-links-dass-es-fast-schon-wieder-rechts-ist-Demonstranten herumgesprochen haben, dass die dafür zuständige Organisation „Brot für die Welt“ , und nicht etwa „Kuchen für die Welt“ heißt. Doch es irrt das Volk, solang es denkt, und mich macht es schon ein wenig angst und bang, der Umstand, dass wir Menschen uns vor Spinnen fast zu Tode ekeln, aber um Nichts in der Welt vor den Spinnern, die hinterm Zaun und desgleichen davor lauern. Und sollte auch mich in den nächsten Tagen die Sehnsucht nach Wasserwerfern und Büchsenbier packen, dann nur mit einem großen Schild in meinen kleinen Händen, auf dem, wer grundsätzlich dazu befähigt ist, vor sich hin lesen kann:
“Lieber Hartz4 als US5!”
Denn auch ich bin nur ein Opfer der grassierenden Meinungsfreiheit.