Stätten des Grauens
Es gibt zwei Orte, die ich tunlichst mehr zu meiden suche, als der Nachbarn fetter Perser chinesische Rheumadeckenweberein. Das wären zum einen Zimmer 161 im örtlichen Kreiskrankenhaus. Und zum zweiten Baumärkte, die mit orangefarbenen Überbissträgern werben.
Das Unbehagen, welches ich an jenen dunklen Stätten verspüre, ist Endprodukt persönlicher Erfahrungen, die selbst der weltfremdeste Optimist als bis in die Wurzeln verdorben bezeichnen würde.
Denn in Zimmer 161 werden Darmspiegelungen gemacht. Und Baumärkte, deren Werbeträger ein lispelnder Baumfäller ist, finde ich auch ziemlich für’n Arsch. Doch wie kommt ein Mann jenseits von Sodom und Gomorrha, ein Mensch, dem man nachsagt, man könne nur mit stark getönter Sonnenbrille hinter ihm her laufen, so sehr scheine ihm die Sonne aus dem Hintern, ein Mann von dem behauptet wird, er hätte noch weit mehr Endorphine als Alkohol im Blut, zu so einer, dass Herz in Frührente drängende Erkenntnis?
Es geschah im Sommer ‘04.
Es war ein typisch deutscher Julitag. Im Kalender stand zwar Sommer, doch das Wetter war wahrscheinlich Analphabet. Und so saß ich an jenem freien Montagmorgen mit Grog und Pudelmütze auf der Veranda, und hörte dem Nussbaum beim Schütteln seiner Früchte zu. Beide Hände hatte ich aus Angst vor Erfrierungen in die Weite meiner Hosentaschen gesteckt. Und wie meine Finger um sich zu erwärmen allerlei jugendlicher Fummeleien erinnerten, stießen sie zwischen einem Tempotaschentuch (welches inzwischen einen Aggregatszustand zwischen Knäckebrot und Dachpappe eingenommen hatte) und pechschwarzen Tic-Tac’s auf etwas, was meine Frau bei ihren wöchentlichen Taschenkontrollgängen wohl überfühlt hatte. Einen 10-Euro-Schein. Ganz, ganz langsam stieg ein Grinsen von meinen Fußsohlen, über den Bauchnabel, um sich in meinem feisten Gesicht festzubeißen. 10 Euro! Was könnte man damit nicht alles anfangen!
An den Innenseiten meiner Stirn erschienen in flammenden Buchstaben die drei großen “K”: Kneipe. Kino. Hausarzt.
Ich entschied mich für den Äskulapstabschwinger in Weiß. Denn im direkten Vergleich dazu, hatte das Kino verdammt schlechte Karten. Für 10 Euro kann man beim Arzt nämlich viel länger sitzen. Und die Verletzungen sind wenigstens echt. Und in der Kneipe bekommt man ja heutzutage für 10 Euro nicht einmal mehr ein Glas von dem Wasser, mit dem der extrem wirtschaftlich denkende Wirt seine Spirituosen streckt.
Also wusch ich alle meine Körperteile, welche über 3 Zentimeter aus meinem frierenden Leib herausragten. Und alle Körperöffnungen, die tiefer als 3 Zentimeter in ihn hinein reichten. Ich bestieg den Motorschlitten und beschloss, während der Fahrtwind mir die Nase putzte, nach dem Besuch beim Arzt noch kurz bei Obi inne zu halten, um dort mit Hämmern aus dem Sonderangebot ein wenig Zeit totzuschlagen. Denn ich war ja als Besitzer eines maroden Hauses geradezu zum wöchentlichen Besuches eines Baumarktes regelrecht verpflichtet. Auch wenn ich mit dem Geburtsfehler zweier linker Hände auf diese absurde Welt geworfen wurde und jedes Werkzeug mir so ungelenk in den Händen lag, wie dem Alkoholiker die Limonadenflasche. Doch das Haus bettelte regelrecht nach substanzerhaltenden Liebkosungen. Selbst wenn ich statt zu Heimwerken doch weitaus lieber ein Buch lese. Oder noch lieber Bier trinke. Oder am allerliebsten meine Frau nackig durch die renovierungsbedürftige Hütte jage. Ersteres weil, es macht nicht so viel Dreck wie Heimwerken. Zweites weil, es macht lustiger als Heimwerken. Und Drittens weil meine Frau meint, es muss ja nicht immer der Handwerker sein.
Unter solchen und ähnlichen Gedanken verflogen die 5 1/2 Stunden im Wartezimmer, zwischen Kranken und Leuten, die 10 Euro in ihrer Hosentasche fanden, wie im Telekom-Aktien-Sturzflug. Und es kam zu jenem folgenschweren, zweiminütigen Gespräch zwischen dem Doktor und mir, indem wir uns gegenseitig bestätigten, wie gesund wir doch im Kern und auch drum herum wären. Doch um der Sache wenigstens einen Hauch von Sinn zu geben, schickte der Doktor mich zur Blutentnahme, um sich vom Blut ein Bild zu machen.
Also suchte ich den Funktionalen Bereich im Klinikum auf. Ein langer, langer Flur. Und für mich all zu üppig gefüllt. Denn die Hämmer im Baumarkt lockten mich, wie die 13jährigen Mädchen die sparsamen, deutschen Familienväter an die tschechische Grenze. Denn Geil macht Geiz. Und so schritt ich, mit den vor knapp 6 Stunden gewaschenen Ellbogen schubsend, großen Schrittes an Rollstuhlfahrern, Ein-, und wieder Ausgegipsten vorbei, um in jenes Zimmer zu gelangen, aus dem eine Frauenstimme, welche aber auch Ivan Rebroff zu Ehren gereichen würde, tönte: “DER NÄCHSTE BITTE!”
Es war Zimmer 161.
Natürlich wunderte ich mich anfangs, warum ich wegen 10 ml Blut meine Hose ausziehen und auf einer Art Stuhl Platz nehmen sollte, den ich bis dato nur für Legende hielt. Doch bevor ich meiner Verwunderung geräuschvoll Ausdruck geben konnte, hatte ich eine Kanüle im Arm. Und einen Schlauch im Arsch. Durch die Kanüle rollten Beruhigungstropfen. Und durch den Schlauch pumpten sie Luft bis ich annahm, sie wollten wohl unbedingt eine Luftaufnahme meines Frühstücksflockenberges machen. Zu allem Übel hatte ich Ridley Scott’s “ALIEN I” zu oft gesehen und die Beule, die mal da und mal dort aus meinem Bauch wuchs, ließ mich befürchten, meine Bauchdecke gebäre jeden Moment ein furchtbares Monster, so schrecklich wie Hartz 4. Und bissig wie brünstige Zwiebelringe. Der Rest der Geschichte ist Geschichte.
Im Beruhigungsmittelrausch und den Hosen in den Kniekehlen, versuchte ich im Baumarkt breitbeinig stelzend einen Fachverkäufer für Hämmer zu finden, fiel im Ausgangsbereich über den Schwanz eines zwei Meter hohen, orangefarbenen Plüschbibers auf meinen unter Überdruck stehenden Bauch, und die darauf folgende Flatulenz ließ nicht nur alle Hämmer aus den Regalen, sondern auch alle Kassiererinnen der Kassen 1 bis 16 in tiefe Ohnmacht fallen. Ich bekam Hausverbot. Weltweit. Lebenslang.
Es gibt zwei Orte, die ich tunlichst mehr zu meiden suche, als der Nachbarn fetter Perser chinesiche Rheumadeckenweberein. Das wären zum ersten Zimmer 161 im örtlichen Kreiskrankenhaus. Und zum zweiten Baumärkte, die mit orangefarbenen Überbissträgern werben.
22. Juni 2007 um 0:06
Feinstlieb!
Ich habe gerade so gelacht, daß mir immer noch die Tränen aus den Augen kullern. So ein Leseerlebnis hatte ich lange nicht mehr. Danke!!!
22. Juni 2007 um 8:22
Das Vergnügen war ganz meinerseits!
22. Juni 2007 um 23:17
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29. Juni 2007 um 15:27
Nee, das Vergnügen war meinerseits.