Die Zukunft ist gebührenpflichtig (Update)
Nie war es einfacher kein Geld zu haben als heute. Denn dazu bedarf es nur eines Full-Time-Jobs in der Thüringer Industrie, sowie dem Bedürfnis, alle 4 Tage warm zu essen und einmal im Monat ein Kino von innen zu sehen. Dann ist die Kohle nämlich futsch. Hartz-4 ist eben kein finanzielles Zuckerschlecken. Doch selbst eine Arbeit zu haben, ist in der Bratwurst Heimatland kein Indiz auf prall gefüllte Geldbörsen. Denn Monatslöhne von 900 Euro, die locken selbst einen Polen schon lange nicht mehr hinter der Wodkaflasche hervor. Wobei hier natürlich von Brutto die Rede ist. Netto also 600 auf die Hand. Davon mag man in Kalkutta ganz gut leben können. Doch Pendlerpauschale hin, Pendlerpauschale her, allein des Jetlags wegen ist das tägliche nach Indien jetten eine arge Schinderei. Und unbequem ist es außerdem, seitdem die Lufthansa dazu übergegangen ist, wegen des Preisdruckes mit offenen Hängern zu fliegen.
Weil, Gefrierbrand ist ein Makel, der einer Roulade bei weitem besser steht, als dem fleischlosen Gesicht darbender Thüringer.
Und doch, in Indien, da ist der Euro noch mindestens 100 Cent wert. Und Kino, welches dort in Bolywood hausgemacht wird, ist da für den Notstandspendler aus Eastgermany an jedem Abend erschwinglich. Wenn denn nicht sein Hänger immer vor Vorstellungsbeginn wieder Richtung Heimat abheben würde. Und dann heißt es erneut: „Wir starten in wenigen Minuten. Bitte stellen Sie das Rauchen ein. Unter ihren Holzbänken finden Sie einen Eierkocher und einen Band herzerwärmender Rilke-Gedichte. Wir wünschen einen angenehmen Flug.“
Ja, Thüringen ist eben immer eine Reise wert. Wenn diese hinaus führt. So jedenfalls ganz, ganz böse Zungen, gegen die die meine so sanft wie eine Pfauenfeder ist. Dabei, allein der Erfurter Dom ist doch schon ein Augenschmaus. Was man in Erfurt allerdings nicht von allen alten Häusern sagen kann. Zum Beispiel vom Althaus. Der sieht so aus wie er redet. Ja, Langeweile hat ein Gesicht. Es ist das seine.
Mehr als verwundert guckte dagegen mein Gesicht aus der Schlussverkaufswäsche, als ich in der Tageszeitung meines Vertrauens lesen musste, die „Gesellschaft für Ernährung“ hat heraus gefunden, die dicksten Deutschen leben in Thüringen. Und die dünnsten in der Hansestadt Hamburg. Auf den ersten Blick ein Fall für „Lenßen & Partner“. Auf den zweiten doch kognitiv erklärbar: Kummerspeck ist eben kein Mythos.
So kann ich jeden Hamburger Touristen nur inständig bitten, sollte er auf dem Erfurter Anger eine 3 Zentner schwere Eingeborene leichten Fußes überholen, so sollte nicht plattdeutscher Spott und Hohn seine Lippen hurtig überwinden. Nein, er sollte seine Geldbörse zücken, einen 100-Euro-Schein herausfischen und diesen der Thüringer Ureinwohnerin mit folgendem Wortlaut in die von Korpulenz gezeichnete Hand drücken: „Hier, Du Opfer der gefallenen Mauer. Esse Dich satt und kaufe Dir für deine vom Gewicht geknechteten Füße Birkenstock-Sandalen.“
Natürlich kann es nun passieren, dass die Thüringerin ziemlich verständnislos mit heruntergeklappten Kinn und Stumpfsinn in den Augen aus den selbigen heraus schaut. Denn kein Thüringer hat je einen livehaftigen 100-Euro-Schein mit eigenen Augen gesehen.
PS: Oft sehe ich mir im Fernseher einen Sender namens „Primetime“ an. Auf diesem sind eine Menge obskurer Leute damit beschäftigt, Karten zu legen, in Kristallkugeln zu starren und mit Verstorbenen und Engeln zu reden. Und auch ich war gestern Abend nur einen Telefonanruf weit entfernt, die 0900er-Hotline anzuwählen. So hätte ich die Dame zwischen 70 und tot, die mit dem Haar wie mit Ziegenblut gefärbten Teppichfransen und einer Brille, die mindestens 7 Dioptrien zu groß, furchtbar gerne gefragt: „Liebe Indira, warst Du als Kind schon so hässlich? Und sage mir, wann werden die Schwachsinnigen, die Euch mit ihren Anrufen die krumme Nase vergolden, endlich zwangssterilisiert?!“
Allein, mir fehlte das Geld.
08. Juli 2007 um 20:46
Wo kann man spenden? ; )
08. Juli 2007 um 20:59
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