Übers Leben (2)

Mal Hand auf das mit Adern aus Kalk verzierte Herz: Sind unsere Ängste angesichts der Kürze des menschlichen Lebens nicht geradezu lächerlich lächerlich, sobald man sein vom Grauen Star angepicktes Auge in Richtung der wirklich verdammt langen Zeitspanne des unausweichlichen Todes lenkt!? Man wird, wenn man wirklich sehr großes Pech hat, vielleicht 100 Jahre alt. Aber tot, tot ist man auf ewig. Und welcher verheiratete Mann kennt nicht folgende Situation, welche nicht nur Berufsmelancholiker massiv Abendschulkurse im Fach “Stricke selber drehen” belegen lässt:

Ihre Frau will nur mal kurz in die Boutique, um das kleine Schwarze anzuprobieren. Und Sie müssen vorm Laden stehen bleiben, wie der eiserne Feuerwehrhydrant in der kinderlosen Spielstrasse. Neben Ihnen glaubt ein Straßenmusikant, in seinem Akkordeon wäre Musik versteckt. Nach circa 60 Minuten wissen Sie: er wird sie niemals finden. Sie drücken Ihre Nase am Schaufenster platt – keine Frau in Sicht. Jedenfalls keine eigene. Stand die Sonne soeben noch im Zenith, so ist sie nun im Begriff am Horizont den Verschwindekowsky zu machen. Langsam bereuen Sie es nicht mehr, Ihren Hochzeitstag mal wieder vergessen zu haben. Denn zum Akkordeonspieler gesellt sich ein Geiger. Und Sie sind sich nach nur wenigen Takten so was von sicher, das Duett, welches nun erklingt, trägt garantiert den Titel “Angefahrene Katzenfamilie im Jutesack”.

Sie haben das Gefühl, wenn Ihre Frau nicht augenblicklich mit oder ohne kleinem Schwarzen den Laden verlässt, werden Sie den Sammelteller der beiden Musikterroristen eigenhändig, dafür aber doppelfüßig zerstampfen. Und mit den Scherben ganz genüsslich die Halsschlagadern der Trommelfellfolterer öffnen. Sie sind gerade auf dem Sprung, da erscheint, wenn auch lang erwartet, so doch völlig unerwartet, Ihre Gattin und fragt: “Hat’s lang gedauert, Schatz?”. Mittels enormer geistiger Gewalt gelingt es Ihnen, Ihren Blutdruck auf 250/160 herunter zu kurbeln. Und überaus süßlich säuseln Sie zurück: “Nein, Schatz. Nur eine halbe Ewigkeit!”.

Und jetzt, jetzt kommt es knüppeldick! Denn tot, tot ist man mindestens doppelt so lang! Wenn nicht sogar dreimal solang! Also, was ist der Wimpernschlag Leben schon dagegen? Nur ein Wimpernschlag. Und sich wegen eines Wimpernschlages verrückt zu machen, das wäre doch nun wahrlich verrückt. Denn dieser Wimpernschlag ist von so kurzer existenzieller Dauer, dass in dieser gar kein Platz für Ängste irgendwelcher Art sein sollte. Und trotzdem ist unser kurzes Leben von Ängsten erfüllt. Zum Beispiel der Angst, nicht mehr konsumieren zu können.

Man hat also Angst, verliere ich meinen Job, kann ich mir diesen Wahnsinnsfernseher mit 104-cm-Flachbildschirm nicht mehr leisten. Lächerlich. Denn was nützt mir denn der König unter den Fernsehern, wenn das Programm noch viel flacher ist, als der Bildschirm selbst? Habe ich dieses erst einmal erkannt, stelle ich mit weit herunter geklappten Kiefer fest, wenn ich diesen Apparat doch gar nicht brauche, brauche ich ja dafür auch nicht malochen zu gehen. Freizeit! Und schließlich muss man sich doch auch eingestehen: Arbeit ist in erster Linie nur Arbeit. Schließlich erfand der Mensch doch die Maschinen, damit sie dem Menschen die Arbeit abnehmen. Sollen sie doch! Das Leben ist nämlich auch viel zu kurz, um sich mit blöden Maschinen zu streiten.

Natürlich sind solche Gedanken nicht gerade systemkonform. Schließlich, solang der Mensch rabotet und kauft, solange zahlt er auch Steuern und finanziert damit eine gewisse Oberschicht, die dem Glauben verfallen scheint, einen Mercedes zu fahren wäre Gottes Art Ausbeuter zu belohnen!

Oder die Angst des Mannes, ihn im Alter nicht mehr hoch zu kriegen. Äquivalent dazu die Furcht der Frau, im Alter keinen mehr drauf zu kriegen. Kinder! Jeder Kelch geht doch mal zur Neige! Mutter Natur hat uns doch in ihrer grenzenlosen Spaßhaftigkeit den Orgasmus nur gegeben, damit wir wenigstens EINEN vernünftigen Grund haben, um uns fortzupflanzen. Und dies sollten wir doch bitte tun, bevor die Gebärmutter in den Frauen herum hängt, wie ein zu heiß gewaschener Turnbeutel. Was nicht heißen soll, ich hätte etwas gegen Sex im hohen Alter. Selbst mit 43 fühle ich mich durchaus in der Lage, unter der Vorraussetzung, ich frühstücke täglich nur Kalk, Sand und so’n Zeug, den Westflügel des Kölner Doms allein durch onanieren frisch zu verputzen! Aber ich würde den Auftrag nicht annehmen. Was soll ich mit so einem riesigen Fernsehapparat?

Oder die Angst zu erkranken. Sicher, krank zu sein und dazu auch noch am Leben, das ist ganz schön doof. Aber wir rennen ja sogar in die Apotheke, wenn wir im Kern und drum herum kerngesund sind! Als würden diverse Pülverchen und Pillen dafür sorgen, dass wir (Gott behüte!), 200 Jahre alt werden können. Was keine gute Aussicht ist. Denn dann müsste man ja mindestens bis 160 arbeiten. Andererseits würde aber kein Schwein mehr über die Rente mit 67 meckern. Und außerdem, ab 80 hat doch jeder Mann eine Prostata so groß wie Kokosnüsse! Tolle Aussicht! 120 Jahre nicht pissen können! Na darauf kann ich aber nun genauso gut verzichten, wie auf den bescheuerten Fernseher!

Abgesehen davon, dass das doch alles nichts an der einzig wirklichen Tatsache ändert: Egal ob Vegetarier oder auch nicht. Wir beißen alle ins Gras. Egal, ob mit 100 oder 200. Wir beißen.

Also, Leute. Macht Euch bloß nicht verrückt wegen dem bisschen Leben. Oder besser gesagt, lasst Euch nicht verrückt machen. Denn ohne Schweiß kein Preis. Und ohne Leben kein Sterben. Und es ist, ich habe es glaube schon erwähnt, zu kurz, um sich darüber aufzuregen. Und das Leben ist verdammt reichhaltig. Ein guter Grund, um es zu verschwenden.

Eine Antwort zu “Übers Leben (2)”

  1. lahnix sagt:

    Das Einzige wovor ich in meinem Leben wirklich Angst habe, ist die Zeit, nachdem du ins Grass gebissen hast und keiner mehr solch großen Texte wie diesen hier schreibt.