Archiv für August 2007

Dem Horizont gehen die Silberstreifen aus

Mittwoch, 29. August 2007

Da sitze ich nun von allen guten Geistern verlassen auf dem Giebel meines Daches und genieße die schlechten Aussichten. Aus Richtung Berlin treiben mal wieder kunterbunte Versuchsballons heran, gefüllt mit dem Dunst aus wirren Köpfen. Und beschriftet mit laut Gedachtem wie ”Frühverrentungspflicht für Langzeitarbeitslose” und damit vorprogrammierter Altersarmut.

War auch nie die Mathematik ein Steckenpferd welches ich unbändig gerne ritt, so glaube ich doch aber fest daran, es muss wohl ein mathematisches Gesetz in diesem Universum geben, eine eherne Formel, die besagt, dass die Renten und die Sozialausgaben stets im gleichen Prozentsatz fallen müssen, wie die Abgeordnetendiäten und Managergehälter steigen. Was doch auch irgendwie logisch ist. So wie die Energie laut Energieerhaltungsgesetz nie verloren geht, so schwindet auch niemals die Geldmasse. Sie wird halt nur aus abgewetzten Geldbörsen und ebensolchen Hosentaschen auf Schweizer Konten und in Villen transferiert, die der normale Hans Wurst nur von innen sieht, wenn er als 1-Euro-Jobber in deren marmorverkleideten Bädern goldene Wasserhähne installiert.

Ich stehe auf und sehe in der ach so nahen Ferne, großen wackligen Schrittes gespenstert die Zukunft auf mich zu. In ihren knochigen Händen ein Transparent, welches die Gegenwart für’s Lumpenproletariat multimedial beschriftet hat:

”Maloche bis 90. Habe 12 Kinder. Und zahle 95 Jahre ein.”

Da hat Derjenige, welcher langzeitarbeitslos und zeugungsunfähig, wegen zuviel röntgen oder engen Unterhosen, gezogen, was der Volksmund lapidar die große Arschkarte nennt. Und so prophezeie ich jenem Wissenschaftler, welchem es endlich gelingt, die Weltformel zu finden, welche auch nur halbwegs logisch erklärt, warum Der, der sich 8 Jahre in Parlamenten nur bemerkbar machte, wenn er bei Abstimmungen seine Hand gegen das Volk erhob, auf ewig ausgesorgt hat, ohne auch nur einen Cent je dafür locker gemacht zu haben, Nobelpreise in sämtlichen Kategorien.

Und wenn der Forscher schon mal dabei ist, kann er ja auch gleich klären, warum Der, welcher Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, sich Schwielen an Händen und Seele holte, in Berg- oder Stahlwerken, in Sonderschicht und Überstunden, für ein Bruttogehalt, dass der Staat solange rupft, bis man es ein Netto nennt, als Rentner am Hungertuch nagen soll, obwohl er doch soviel an Abgaben leistete, dass es eigentlich Damast und Seide für ihn geben müsste.

Da sitze ich nun auf dem Giebel meines Daches und schaue nach Frankreich, wo der Mensch sich dann und wann der Stärke seiner Beine noch bewusst, denn sie tragen ihn dorthin, wo der Bürger vereint vertreiben kann, was Raffgier und Macht so gern im Herzen der Gesellschaft verankern würde: die Kälte, an der sich nur die Eiskalten erwärmen.

Liegt es am Deutschen Biere, das uns Deutsche so träge macht, dass man uns nur auf der Strasse findet, wenn wir erst auf diese fliegen?

Ist es hier wirklich der Demokratie einzigster Vorteil, dass man sich in ihr aussuchen kann, von wem man gefleddert wird?

Und ich erinnere mich an Edmund Stoiber Aschermittwochsrede, an dessen Morgen er wohl glaubte, Weisheit mit einem großen Löffel zu fressen. Denn er verkündete, dass in Deutschland das Grundgesetz gelte. Und nicht etwa die Scharia. Und das ist auch gut so. Nicht auszudenken, wenn das Volk, neben Abgeordnetenbezügen und Managergehältern, auch noch für so manchen Politiker und Vorstandsvorsitzenden eine Invalidenrente finanzieren müsste. Wegen ihrer abgeschlagenen Hände.

Ich blicke nach unten und sehe Versicherungsvertreter in Viererkette, mit gerollten Vorsorgeplänen an Laternenpfähle schlageng, machen sie Treibjagd auf die Sparstrümpfe der Ängstlichen.

War es nicht Martin Luther, der einst sagte, würde die Welt morgen untergehen, so würde er noch heute einen Apfelbaum pflanzen. Ja, auch ich täte dieses wohl. Doch was, wenn die Welt dann morgen nicht untergeht? Hätte ich den Baum dann nicht für ganz umsonst gepflanzt?

Und war es nicht Helmut Kohl, der einst von der Gnade der späten Geburt sprach? Doch, so mag ich Angesicht von Wahl zu Wahl subjektiv vermuten, kann nicht auch totgeboren werden, unwahrscheinlich gnädig sein?

”Komm herunter”, ruft meine Frau, ”dein Gnadenbrot wird sonst ganz hart.”

‘Ja ja’, denke ich beim hinunter steigen. Und: ist doch auch irgendwie egal, denn man schafft es ja doch nie, soviel zu essen, wie man eigentlich kotzen möchte. Ich werfe eine letzten Blick zum Horizont. Blau bröckelt ab. Dahinter ist es schwarz.

Rabenschwarz.

Spannungsbögen, so flach wie das Land hinterm Deich

Sonntag, 26. August 2007

Nun, wir sitzen gespannt vor den Rundfunkempfängern und lauern auf brandheiße News aus dem Reich der Mitte, darauf, wie das ehemalige FDJ-Mitglied, die Diplom-Physikerin, das Beast from the East, unsere Schwere-Geburt-Kanzlerin, der Gelben Gefahr den Hintern aufreißt. Natürlich ist dies nur eine ziemlich vage Hypothese meinerseits, da man sicherlich davon ausgehen muss, es interessiert weitaus mehr Deutsche, wer bei Günther Jauch nicht Millionär wird, oder, wer sich bei Oliver Geissen für `nen Appel und ein Ei zum Ei macht, als auf einem butterweichen Nachrichtensender zu verfolgen, wie die Merkel dem bösen, bösen Chinesen mit dem Finger droht. Wirklich gute Einschaltquoten hat NTV doch wahrscheinlich nur, wenn Flugzeuge in Häuser stürzen. Oder Häuser in Flugzeuge. Wobei Letzteres natürlich aus rein physikalischen Gründen so was von nur selten ist, dass es selbst Bildleserreporter noch nie gelang, dieses zu handyfotografieren.

Und so richtig weiß ich auch gar nicht, was unsere Kanzlerin den Chinesen vorwerfen soll. Okay, angeblich haben sie die Rechner des Kanzleramtes per Trojaner filzen wollen. Aber was sollte da schon groß zu finden sein, außer vielleicht ein paar barttragende Kurt-Beck-Witze. Denn ihr ideelles Pulver hat die Große Koalition doch längst schon verschossen. Auch wenn das Trefferbild mehr als kärglich scheint. Jetzt wird nur noch gemeinsam gepuderzuckert, um all das Saure von Mehrwertsteuer bis Armutsanstieg zur nächsten Bundestagswahl noch halbwegs appetitlich ausschauen zu lassen. Wer behauptet, diese Koalition wäre für den momentanen wirtschaftlichen Aufschwung verantwortlich, der kann auch ruhigen Gewissens den SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck verdächtigen, er wäre wegen seiner Pfeifenraucherei schuld am Abschmelzen der Polkappen.

Oder sollte Angela Merkel eventuell ein polemisches Fass aufmachen, weil die Chinesen giftiges Kinderspielzeug auf die deutschen, raffgierigen Märkte warfen. HALLO!, da geht es um KINDERSPIELZEUG! Und seid wann werden sich denn um Kinder in Deutschland Gedanken gemacht?! Würde es sich um giftige Beathe-Uhse-Aufblaspuppen handeln, und deren Benutzern würde der Schwanz nach dem Puppenspielen abfallen, das wäre natürlich schon schwerwiegender. Wir haben schließlich schon genug Probleme mit all den Eierlosen in der Umweltpolitik. Mir selbst allerdings wäre es ziemlich egal, da ich solch ein Liebesspielzeug nicht über die Schwelle meines Schlafzimmers kommen lassen würde. Ich mag es nämlich nicht, wenn sich im Ehebett jemand noch weniger bewegt als ich. Und vergessen wollen wir doch auch bei aller Engstirnigkeit nicht, dass die Gelbe Gefahr keineswegs nur in China sitzt. Sie sitzt in den deutschen Firmenzentralen, wo das bleihaltige Spielzeug nämlich en masse bestellt wird. Das kommt natürlich auch recht selten im Deutschen Fernsehen. Da kann man noch so gespannt davor sitzen. Ich empfehle übrigens vorbehaltlos den MDR. Dieses Schlafmittel hat wenigstens keine Nebenwirkungen.

Das Wort zum Sonntag

Samstag, 25. August 2007

pfaffe.JPGEs ist eine Illusion, der Blogger frei sei. Ein Aushängeschild der Demokratie. Das hohe Zeichen der Meinungsvielfalt. Es ist nur eine Wunschvorstellung. Ein Traum, der, sobald er den Köpfen der Idealisten entfleucht, im Stacheldraht der Realität verblutet. Jeder Suffkopf in irgendeiner klebrigen Kneipe Deutschlands ist weitaus freier. Denn er trägt das Schild der Trunkenheit vor sich her, welches von Justitia Pfeilen zwar gespickt, aber selten durchdrungen wird. Einem Blogger dagegen wird es verdammt schwer fallen zu beweisen, dass er, als er in Sherlock Holmesscher Manier in seinem Blog wortreich offenbarte, dass der Sender XY augenscheinlich dummdreist betrügerisch dreistdumme Menschen abzockt, bis übern Rand voll war. Denn in extenso sein verträgt keinen Alkohol. Und wenn dann dazu sein Portemonnaie eben sowenig voll ist, steht er ohne den löchrigen Schirm seiner Leserschaft im Abmahnregen und wird mächtig nass dabei. Denn Recht haben ist uns zwar recht und billig. Recht bekommen dagegen allzu oft recht teuer. Wie schon Hoffmann Fallersleben goldrichtig dichtete, sind nur die Gedanken wirklich frei. Doch Gedanken sind nur Gedanken, solange sie den Schädel nicht verlassen, um sich auf Tontafeln, Papier, oder eben im WWW öffentlichkeitswirksam zu manifestieren. Denn kaum sind die Gedanken dem Dunst der Allgemeinheit ausgesetzt, mutieren sie zu Nägeln, mit denen man der Gedanken Wirtstiere ans Kreuz der Verantwortung schlägt. Selbst wenn die Gedanken so wahr sind wie die Erkenntnis, dass auf einen Mittwoch immer ein Donnerstag folgt: es findet sich garantiert immer einer, der sich auf die Füße getreten fühlt. Und sicher auch ein Richter, der ihm die die schwer zu tragenden Last der Wahrheit vom Fuße kickt.

Blogger sind der feuchte Traum aller Schlapphüte. Denn die muss man nicht abhören. Nicht beschatten. Nicht observieren. Denn Blogger sind die Plaudertaschen der Nation. Und Gedankengut wird schnell zum Gedankenschlecht, wenn es erst in die Hände der Inquisitoren des Kapitals fällt. Denn selbst das wahre Wort ist nur eine Ware. Und das Verrückte daran ist, immer öfter bezahlt, wer sie feilbietet. Es ist eine Illusion, der Blogger sei frei. Er ist der Sklave seiner Schwatzhaftigkeit.

Guten Abend.