Die Kunst, richtig zu ticken

Mein Wissen über Sigmund Freuds Traumdeutungen befindet sich ungefähr auf dem selbigen Level, wie meine Kenntnisse über die Herstellung von Karl-May-Büsten aus Kupfer-Zink-Legierungen. Ich weiß nur, hatte ich einen feuchten Traum, dann kann ich diesen nur in soweit deuten, dass die äußeren Geschlechtsteile, welche mich im Schlafe überlebensgroß durch mir völlig unbekannte Schamhaarwälder jagten, wohl weiblich gewesen sein müssen.

Überhaupt halte ich nicht allzu viel davon, Träume immer deuten zu müssen, zu wollen, da die Fehlerquote im Auslesen von Traumsequenzen doch ungemein hoch sein muss, wenn man bedenkt, wie schwer es doch ist, des Menschen Tun allein schon am helllichten Tage auszulegen. Wie außerordentlich vermessen ist es also dann, zu behaupten, man könne im Dunkel der Nacht noch weitaus besser des Individuums Innerstes erkennen, und obendrein auch noch die entsprechenden Rückschlüsse daraus ziehen. Und da diesem aussichtslosen Unterfangen auch unsere Psychoklempner auf den beruflichen Leim gegangen sind, versuchen diese sich nun dadurch aus der Bredouille zu ziehen, indem sie alles Ge- und Erträumte auf den psychologisch kleinsten Nenner bringen, welcher da lautet, dass die Träumerin/der Träumer in ihrer Kindheit auf das Ärgste missbraucht worden sind. So sollte man sich jedes Gespräch zwischen Psychologen und Patienten über dessen Alpträume ungefähr wie folgt vorstellen.

Patient: “Letzte Nacht habe ich geträumt, ich wäre in einen purpurfarbenen Himbeersee gefallen, und man versuchte mich darin mit einem großen, im oberen Drittel gebogenen Strohhalm zu erstechen, was aber misslang, da mich kleine rosarote Himbeerseejungfrauen in ihre Höhlen auf dem Grunde des purpurfarbenen Himbeersees zogen, wo wir gemeinsam Fernschach gegen den Lokführer von Lummerland spielten, und 5:3 verloren. Was kann das nur bedeuten?”

Psychologe: “Sie sind im Alter von Fünf Jahren von ihrem Großvater auf das Ärgste missbraucht worden.”

Patient: “Aber ich bin doch erst 1964 geboren und meine Großväter sind beide im 2.Weltkrieg vor Stalingrad gefallen!”

Psychologe: “Ihr Bewusstsein errichtet Potemkinsche Dörfer, um die Wahrheit ihres Unterbewussten darin zu verstecken.

Patient: “Sie meinen… den 2. Weltkrieg hat es nie gegeben?”

Psychologe: “Genau. Macht 200 Euro. Wir sehen uns am nächsten Freitag wieder.”

Und so macht es sicher auch gar keinen Sinn, die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage der GfK Marktforschung hinterfragen zu wollen, welche Schwarz auf Weiß besagen, dass 37 Prozent aller Befragten in ihren Alpträumen in die Tiefe stürzen, 26 Prozent Fluchtfantasien haben, und jeder Fünfte im Traume nahestehende Menschen verliert. Denn jeder Psychologe wird uns diese Träumerein wieder mal so deuten, dass wir alle als Kinder massenvergewaltigt worden sind. Und streiten wir dieses weiterhin konsequent ab, da wir als Kinder nur die familiäre, nicht aber die körperliche Liebe kennen lernen durften, so gelten wir als psychisch durch und durch verstockt und somit reif für die Insel, auf welcher das ganze Jahr Rosenmontag ist.

Wer also unter heimtückischen Träume leidet, und finanziell nicht unbedingt so stark gepolstert ist, um sich allwöchentlich auf die Couch vom Psychiater zu legen, und außerdem um Gottes Willen ja nicht für bekloppt gehalten werden will, dem empfehle ich dringendst, schon bei der ersten Sitzung unter Tränen zuzugeben, dass Opa ihn als Kind in den Arsch gefickt hat.

Man nennt es die Kunst, richtig zu ticken.

4 Antworten zu “Die Kunst, richtig zu ticken”

  1. PenelopeSmith sagt:

    Ich hab nach der Geschichte drei Versuche gebraucht, meine Daten in die Kästchen einzutippen.
    Da ich meine Großeltern nie kennengelernt habe, darf ich wohl nie zum Psychiater gehen? Und was lese ich nun meinem Freund, der ganz sicher von seiner Großmutter mißbraucht wurde, als GuteNacht Geschichte vor? Freud, Fromm oder Dianetik?

  2. admin sagt:

    Werte PenelopeSmith,
    wie man vielleicht meinem Text entnehmen kann, bin ich kein großer Freund irgendwelcher Psychoklempnerein. Und mag es in meinem Unterbewusstsein auch zu gehen wie in Dantes Hölle: es ist meine Hölle. Zutritt nicht erlaubt. Laut Fromm ist die Familie die wichtigste Institution für den Fortbestand der Gesellschaft. Schaue ich mir die heutige Gesellschaft an, muss ich davon ausgehen, dass in vielen Familien so manches nicht stimmen kann. Erkennt man ohne Psychologen. Gute-Nacht-Geschichten? Die Welt ist voll guter Bücher. Eine Empfehlung wäre rein subjektiver Natur und somit mit dem Makel der Engstirnigkeit behaftet. Genau wie obiger Text.

  3. -m*sh- sagt:

    Hmmm, seltsam. Ich traeume immer von Flugzeugabstuerzen.

    Im Traum wate ich als Held durch die noch brennenden und schwelenden Trümmer der Maschine, die über die endlosen Weiten der norddeutschen Tiefebene verstreut liegen, und rette was zu retten ist.
    Sprich: Brieftaschen und angekokelte Pornohefte

    -m*sh-

  4. Johnzay sagt:

    Und das ist auch gut so!