Highway to Hell (Oder: Joggen bis der Arzt kommt)
Nie hätte ich geglaubt, dass die Sucht zu lesen solch fatale Folgen haben kann. Nicht nur der glibberigen Augen wegen. Auch der Rest des Körpers ist enormen Gefahr ausgesetzt. So erinnere ich mich nur ungern an jenen lauen Frühlingstag, in dessen Morgenstunden ich mit meinem Eheweib bei Karstadt weilte, da meine Frau mal wieder überhaupt nichts anzuziehen hatte. Frauen haben ja ständig überhaupt nichts anzuziehen. Und rafft man sich als Gatte einmal im Monat auf und will mit der Ollen mal auswärts spachteln gehen, so steht diese garantiert erst einmal in nichts weiter als Feinstrumpfhose mit Zwickel hysterisch vorm Spiegelschrank, der übrigens die Ausmaße eines Reihendoppelhauses hat, und kreischt sich die überaus zarte Kehle wund:
„ICH HAB’ JA ÜBERHAUPT NICHTS ANZUZIEHEN!“
Würden Männer ihren Ehefrauen stetig Glauben schenken, so müsste man als Mann ja vermuten, dass alle Frauen ständig splitterfasernackt herum laufen würden. Machen sie aber nicht. Jedenfalls waren die Damen bei Karstadt alle mehr oder weniger gut angezogen. Wofür ich so mancher Dame extrem dankbar war. Und so saß ich, jeder halbwegs vernünftig gewandeten Mitvierzigerin aufs Äußerste verbunden, meine Backen auf einer Bank breit, da meine Gute in einem Laden für Damenoberbekleidung weilte. Ich machte noch so in Gedanken einen Scherz, der da lautete, seit wann es denn Ober in Damenbekleidung gäbe, sortierte diesen aber unter “Vergiss ihn lieber” ein, als mein Blick verhängnisvoll in den angrenzenden Papierkorb fiel. Darin eine Apothekenumschau. Und da ich alles, wirklich alles, was aus Buchstaben bestand konsumierte, ja sogar einmal einen Teller Buchstabensuppe las, fischte ich die Broschüre heraus und begann darin zu schmökern. An und für sich hatte ich ja nicht viel mit der Pharmaindustrie am Hut. Denn schließlich waren dass ja alles irgendwie Pillendreher, und diese sind ja, wie man schon im “Kleinen Brehm” nachlesen konnte, nichts weiter als Mistkäfer. Doch ich blätterte wohlwollend im Magazin, als mein Blick auf eine ungesund dicke Schlagzeile fiel:
Körperliche Aktivität schützt vor geistigem Verfall.
Puh! Das saß. Denn vor zwanzig Minuten hatte ich in der Karstadt-Musikabteilung eine CD von Patrick Lindner erstanden. Und vor 15 Minuten mir an einem SPD-Stand ein Autogramm von Wowereit geholt. Und da ich mir ziemlich sicher war, nicht schwul zu sein, und Sport nur aus dem Fernseher kannte, konnte das Resümee dieser Aktionen nur lauten:
Hilfe! Ich verblöde!
Angstschweiß erklomm meine Stirn. Herzrasen. Ohrensausen. Anschließend Herzsausen und Ohrenrasen. Mein Intellekt bäumte sich auf. ‚Nein‚, schrie er, ‚ich will ich nicht enden wie Uschi Juhnke und Harald Glas! Jeden Abend ab 17 Uhr im vollgesabberten Schlafanzug aufs Glücksrad warten. Und die Mainzelmännchen für die Fußballnationalmannschaft halten.‘ ‚Du, Körper‚, schrie er weiter, ‚beweg’ deinen breiten Hintern, sonst zieh’ ich aus!‘
Diese Drohung trieb mich sofort in einen Laden, dem ich bis dahin konsequent aus dem von mir noch nie betretenen Wege gegangen war. Ein Sportgeschäft. Das aller erste Mal in meinem Leben betrat ich ein Sportgeschäft. Ich trat in ein Sportgeschäft. Es war sozusagen meine sportgeschäftliche Defloration. Mein sportgeschäftliches Jungfernhäutchen war definitiv zerstoßen, zerrissen, zerfetzt. Und meine Augen waren baff. Denn vor mir Wände, die statt mit Papier mit Schuhen tapeziert waren: Fußballschuhe. Crossschuhe. Laufschuhe. Berge von sportiven Shirts. Gebirge von Trilobalhosen, Jogginghosen, Radlerhosen.
Spontan entschied ich mich fürs Joggen. Denn vom Trilobalen hatte ich nicht die geringste Ahnung. Ich ließ mich atmungsaktiv einkleiden und mir eine Pulsfrequenzuhr aufschwatzen, und begab mich nochmals zur Fußballcrosslaufschuhwand, um mir ein paar solide Treter auszusuchen. Schnell fiel mein bereits laufendes Auge auf ein scheinbar sehr robustes Modell, sehr hoch geschnitten, aber da ich nicht gleich beim ersten Lauf Knöchel und die daran herum baumelnde Knochen riskieren wollte, griff ich selbstbewusst zu. Sicher, die Schuhe waren etwas schwer. Doch für knapp 250 Euro konnte man ja schließlich was fürs Bare erwarten. Der Verkäufer wollte zwar massiv Einwände formulieren, doch ich ließ es nicht so weit kommen. Ich verwies ihn darauf, dass es schließlich nicht mein erster Iron-Man-Wettbewerb wäre. Ich bezahlte, verließ den Laden und sammelte drei Etagen später meine Frau ein. Sie trug 3 Plastiktüten in jeder Hand. Voll mit nichts anzuziehen.
Drei Stunden später.
Ich stehe im Wald. Von Kopf bis Fuß auf Fitness eingestellt. Läufig. Ich habe mir eine anfängerkompatible Strecke ausgesucht. 37 Kilometer. 22 Prozent Steigung. Ein erster Blick auf die Pulsuhr. WAS IST DAS?! Ein Ruhepuls von 16 zu 12! Ich bin ja fast tot! Kurzes nachdenken. Dann Entwarnung. Es ist bloß die Uhrzeit. Puh! Noch mal Glück gehabt. Ich beginne zu laufen. Gar nicht übel. Die Schuhe drücken. Wohl gewöhnungsbedürftig. 5 Meter. Die Füße schmerzen. Doch ein erstes Erfolgserlebnis: ich überhole einen anderen Jogger. Er kam mir entgegen. 10 Meter. Ich werde kurzatmig. Ich beginne zu humpeln. 16 Meter. Ich bekomme kaum noch Luft. Die atmungsaktiven Klamotten ebenso. Die Füße schreien. 25 Meter. Seitenstechen. Überall. Bin kurz vorm ersticken. Zum Glück spüre meine Füße nicht mehr. 30 Meter. Ich spüre gar nichts mehr. Aus den Schuhen quillt Blut. 31 Meter. Ich liege. Alles wird schwarz …
… es wird wieder hell.
Über mir ein Gesicht. Es sagt: “Ich habe ja schon viel erlebt – aber noch nie Einen, der in Skistiefeln joggt.”
05. März 2008 um 20:15
[...] von solcher Art Unsinn für ein und allemal die dicken Finger zu lassen und statt dessen lieber für Olympia zu trainieren. Und so gilt ab heute für alle Angehörigen der Bundeswehr: STILLGESTANDEN! DIE FETTAUGEEEN – [...]
26. August 2008 um 20:11
[...] (Auch zum Thema: Highway to Hell – Oder: Joggen bis der Arzt kommt) [...]