Archiv für Oktober 2007

Werter Herr Luther,

Mittwoch, 31. Oktober 2007

natürlich gilt Ihnen in erster Linie mein Dank, denn auf Grund Ihrer Wahnsinnsidee, Ihre Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg zu nageln, konnte ich heute, wie man so sagt, bis in die Puppen ausschlafen. Schließlich: es ist ja Feiertag. Und wer könnte wohl leugnen, dass bis gegen Mittag im körpereigenen Dunste in den Federn zu liegen, sicherlich weitaus angenehmer ist, als, im Lärm und Dreck einer Produktionshalle für den sprichwörtlichen Apfel und ein Ei, den Berg unnutzer Konsumprodukte um weiteren Schnickschnack zu erhöhen. Doch, mein lieber Herr Luther, komme ich nicht umhin, Ihnen auch ein paar kritische Worte in die Ewigkeit hinterher zuwerfen, da Thesen an die Tür nageln mir nicht als die effektivste aller Mitteilungsarten scheint. Man stelle sich nur vor, unsereins rennt nächtens mit Plakaten und Nagel zum Bäcker an der Ecke, nur weil man seinem Brötchenkneter wortreich aber möglichst heimlich mitteilen möchte, dass man in seinem Gebäck einen meterlangen Mehlwurm fand. Von der Problematik mal ganz abgesehen, dass wahrscheinlich die meisten aller Bäckertüren aus Glas bestehen. Und auch mein Nachbar wäre sicherlich nicht gerade sehr erfreut darüber, wenn ich ihm per Anschlag kundtun würde, dass ich die Titten seiner Tochter so was von nur geil finde. Denn mein Nachbar ist schon 33 und somit einer Herzsuffizienz so nah, wie der 23.Dezember dem Heiligabend. Des weiteren sollte man auch davon ausgehen, dass, wenn jeder Bundesbürger mit berechtigter Kritik, diese in Form eines Briefes an die Tür des Bundestages hämmern würde, diese Tür inzwischen wohl eine Blattstärke von ungefähr 500 Meter aufzuweisen hätte. Was aber an und für sich auch nur eine Verschwendung von Hoffnung wäre, denn ist Papier auch geduldig, so wird diese papierne Gelassenheit ja bekannter weise noch von der Ignoranz und dem Aussitzungsvermögen deutscher Abgeordneter weit übertroffen. Und schlussendlich wäre Plakate an Kirchetore nageln heutzutage allemal für die Katz, weil ja so gut wie keiner mehr in die Kirche geht. Da scheinen die Tore der Deutschen Tafeln doch allemal lohnender. Denn die haben dank immer größerer Armut im Lande Zulauf wie ein Hamburger Puff beim Einlaufen einer großen Tankerarmada. Aber wie gesagt, werter Herr Luther, in erster Linie bin ich Ihnen dankbar. Darum nichts für ungut. Und wo sie auch sein mögen: trinken Sie einen großen Schoppen Roten, lassen Sie sich einen blasen und den Herrgott einen guten Mann sein. Schließlich: es ist ja Feiertag.

Antwort auf die Frage des jungen Herrn Tobias B.

Freitag, 19. Oktober 2007

Bloggen ist die Kunst, in der Öffentlichkeit die Hose herunter zu lassen, aber ohne dafür belangt werden zu können, und zu schreiben, als ob man von Niemandem gelesen wird, aber mit entgegengesetzten Ziel.

Gedanken zwischen Tür und Teig

Donnerstag, 18. Oktober 2007

Wenn ihr Leib- und Magen-Bäcker auf einem Plakat für seine “Torte der Woche” wirbt, so sollte man als Kunde nicht unbedingt davon ausgehen, dass man nun im mehlstaubigen Laden den Wowereit oder gar den Westerwelle über den Tresen geschoben bekommt. Und genauso gut darf man das Schild mit der Aufschrift “Nur Heute im Angebot!”, welches seit über drei Wochen im Schaufenster eines Erfurter Mobiltelefonhändlers hängt, nicht für einfallslosen, vom Himmel samt Blau gelogenen Kundennepp halten. Denn Zeit ist bekanntermaßen relativ, was auch der umtriebige Verkäufer drahtloser Kommunikation zu seinem Grundwissen zählen dürfte. Und weil Zeit nun einmal relativ, kann dieses “Heute” natürlich auch locker mal mindestens über zig Dekaden lang sein. Besonders, wenn man wie ich an jedem einzelnen Tage der letzten drei Wochen ungläubig vor dem “Nur Heute im Angebot” – Schild in Reglosigkeit verharrte. Denn dann kommt der physikalische Grundsatz zum tragen, welcher da ungefähr lautet, dass die bewegte Uhr des hektisch hantierenden Handy-Verkäufers nun einmal um einiges langsamer geht, als der vorm Laden an meinem Handgelenk zu Bewegungslosigkeit verurteilte Casio-Digital-Zeitmesser. Theoretisch könnte man sogar soweit gehen und behaupten, dass, wenn der Verkäufer sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen würde, sein Werbeplakat für ihn für alle Ewigkeit Gültigkeit hätte. Denn wo die Zeit auf Grund der Geschwindigkeit des Subjektes nicht vergeht, da ist das “Nur Heute im Angebot” so gut wie unvergänglich, eine Art permanentes Schlaraffenland für Schnäppchenjäger. Oder, um die Problematik der Relativität der Zeit einmal ganz, ganz simpel darzustellen: wenn meine Gattin Sonntags dreigängig für mich kocht, dann meint sie stets, die Zeit laufe ihr davon, während sie für mich, der so hungrig wie ein Wolf auf dem wohnzimmerlichen Sofa danieder liegt, stillzustehen scheint. Auch wenn dieses Beispiel natürlich äußerst schlecht gewählt. Denn der bereits erwähnten Einsteinschen Behauptung nach, wonach bewegte Uhren langsamer gehen als ruhende, müsste ja eigentlich der Fluss der Zeit, an dessen Ufer mein Kanapee felsenfest wurzelt, ein reißender sein, während er bei meiner ruhelos agierenden Gattin doch wohl eher einem stehenden Gewässer entsprechenden sollte. Aber unsere Küche scheint ja sowieso ein eigenes Universum, mit einer Physik, deren Gesetze offenbar leider noch im tiefsten Dunkel liegen, was schon allein an der Tatsache erkennbar ist, dass auf meinem Herde langes Kochen Eier hart, Kartoffeln dagegen aber weich werden lässt. Und wer sollte bei solch verzwicktem Relativitätsschnickschnack bitteschön noch durchsehen? Und deshalb bleiben ja auch solch fragile Denkgebäude zumeist unbewohnt, da sich durchweg nur wenige Mieter finden lassen, die sich in solch komplizierter Architektur jemals heimisch fühlen könnten.

Doch nicht nur die Zeit ist relativ, auch Begeisterungsstürme neigen dazu, obwohl die Anlässe so gut wie äquivalent, nicht gleichmäßig übers Land zu blasen. Nehmen wir das Beispiel Fußballweltmeisterschaften. Da bildeten sich bei der Weltmeisterschaft der Herren schon bei geringsten Ballkontakten der deutschen Mannschaft kilometerlange Autokorsos auf Deutschlands Straßen, deretwegen Senioren zu Dutzenden ums Leben kamen, weil sie der Autoschlangen wegen nicht in die Apotheke auf der anderen Straßenseite kamen, um dort für sich neues Insulin zu ordern. Bei den Damen hingegen, selbst als diese den güldenen Weltmeisterschaftspokal endlich in ihren herben Händen hielten, glichen die Strassen Deutschlands allesamt Spielstrassen, Sonntags, gegen 23 Uhr. Der einzige Autokorso, denn ich da gesehen habe, der fuhr in Richtung Hauptfriedhof. Doch da hat keiner gejubelt. Und von Fähnchen keine Spur. Nicht mal gehupt haben sie. Wie also lässt sich das Verhalten von Männern erklären, denen ein Tor von Podolkski mindestens 4 Punkte und einen Monat Fahrverbot wert waren, denn ein Autokorso, der hirnlos durch bundesdeutsche Straßen freudentaumelt, der hält nicht einfach so bei Rot. Doch als die Birgit Prinz ein Ding nach dem andern reintat, da kam kein deutscher Mann auf den Gedanken, der Dame goldenen Fuß durch kilometerweites Schleichen im 1.Gang zu ehren. Wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn alle Ampeln dieser Republik für Tage auf Grün gestanden hätten. Friedhofsstille, soweit die Ohren reichten. Doch ich will nicht unfair sein, denn auf dem Römer in Frankfurt, da waren schon ein paar Tausend Menschen beim Empfang der erfolgreichen Damenmannschaft zugegen, um fähnchenschwenkend „We are the Champions“ falsch zu singen, aber, so vermute ich jetzt einfach mal, die waren schlussendlich nur vom Empfang der Herrenhandballmannschaft übriggeblieben. Weltmeister – Deutscher Meister – Vizemeister. Die Macht der Gewohnheit eben. Diese Leute stehen wahrscheinlich schon seit Jahren auf dem Römerplatz, scheißegal, wen es zu beweihräuchern gilt. Und wenn sie sich doch einmal fortbewegen, dann zumeist nur in Form einer Laola-Welle. Die haben wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, dass die Geschlechter auf dem Balkone wechselten. Was man aber in Anbetracht doch eher mager gefüllter Damenfußball-Nationalmannschaftstrikots fürwahr nicht ankreiden sollte. Und vielleicht liegt ja auch gerade hier der Hase des männlichen Interesses im Pfeffer, denn es ist leider zu vermuten, dass sich die Herrenwelt sicherlich weitaus mehr für Damenfußball erwärmen würde, ständen alle Evastöchter der Frauennationalmannschaft äußerlich einer gewissen Dolly Buster sehr nah. Doch muss ich diesem sinnlichen, mir überaus verständlichen Wunsche schweren Herzens die Rote Karte zeigen. Denn es ist doch logischerweise anzunehmen, dass es allein der Schwerkraft wegen fast unmöglich ist, mit randvoll gefüllten Körbchen der Größe 80 Doppel D über den Rasen zu sprinten, dabei auch noch die Spielerinnen der Gegenmannschaft möglichst kunstvoll zu umtrippeln, ohne, von dem in enorme Schwingungen geratenen Drüsengewebe, von den eigenen Beinen gerissen zu werden. Ob allerdings das Auflaufen von 22 fast nur aus Brust bestehenden Damen mich dazu bringen würde, eine Dauerkarte für ein x-beliebiges Stadion der recht wenig beachteten Frauenfußballbundesliga zu erwerben, mag ich dennoch recht energisch bezweifeln. Was unter Umständen mit der Tatsache erklärbar ist, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, ein Techtelmechtel mit einer Fußballerin zu haben, denn gehöre ich auch nicht zu jenen Männern, die von ihrer Lebensabschnittspartnerin repressiv verlangen, bei all ihren haushaltstechnischen Tätigkeiten Strapse zu tragen, so macht mich der Gedanke an Stutzen aber auch nicht gerade geiler. Oder, um in Sachen sexueller Erregbarkeit mal vollkommen die Hose herunter zu lassen: ich müsste beim spendieren oraler Freuden höchstwahrscheinlich immer unwillkürlich an das bärtige Gesicht von Paul Breitner denken. Fußballerinnen werden deshalb wohl nie eine tragende Rolle in meiner Sammlung erotischer Filme spielen. Summa Summarum lässt sich also sagen: betreten fußballspielende Damen den Sportplatz meiner nächtlichen sexuellen Fantasien, so bleiben meine Träume stets furztrocken. Selbst wenn die Weibsbilder scheckheftgepflegt sind.

Und an dieser Stelle beißt sich, wie man so schön sagt, der Hund in den eigenen Schwanz, denn auch den Begriff „scheckheftgepflegt“ kann man getrost mit hinter der Karteikarte mit der Aufschrift „RELATIV!“ endlagern, in der schon das Abstraktum „Zeit“ und das „Nur Heute im Angebot“ – Plakat seit Längerem verstauben. Denn Scheckheft ist nicht gleich Scheckheft. So war auch ich einst stolzer Besitzer eines solchen, welches mir die örtliche Sparkasse wohl ob meines stets solventen Gesichtsausdruckes kurz nach der Wende überreichte, worauf ich dieses Heft nun Tag für Tag mit mir führte, dem Wahn verfallen, die flugs ausgefüllten Zettelchen gegen den Tand und den Glitter einzutauschen, welcher seit der Grenzöffnung aus Richtung West über die Spezies der östlichen, materiell bis auf die Konsumknochen ausgelaugten Homo saphiens stoffbeutelus schwappte. Doch schon nach wenigen Tagen bemerkte ich, dass es da unter Umständen eventuell irgendeinen mir unerklärlichen Zusammenhang zwischen dem Ausfüllen der Schecks und meinem Kontostand geben musste, denn je größer der Betrag auf meinem Scheck, umso kleiner wurde der Sparbetrag auf meinem Konto. Das zur Rede stellen des Sparkassendirektors, welches diesen zornesrot und mich leichenblass werden ließ, brachte mir allerdings die Erkenntnis, dass im Westen zwar Milch und Honig fließen mögen, dieses aber einem wenig nützt, wenn man selbst keine Schöpfkelle sein eigen nennt. Und ein Minus auf dem Konto ist nicht nur ein finanzielles Fiasko, ein Bankrott auf ganzer spartechnischer Linie, der komplette Konkurs der Haushaltskasse, nein, man hat auch urplötzlich überhaupt gar kein Geld mehr! Und ich machte außerdem die wahrhaft unbezahlbare Erfahrung, dass ein Dispokredit der einzige weltweit erfolgreiche Versuch ist, einem nackten Mann in die Tasche zu greifen.

Und für mein Scheckheft, welches ich für mein damaliges fiskalisches Desaster unbarmherzig und zu großen Teilen mit verantwortlich machte, begann nun eine lange, unstete Reise, gegen die Odysseus zehnjährige Heimfahrt nur ein Wochendausflug ins Radebeuler Karl-May-Museum war. So landete das nun ungeliebte Heft beispielsweise über Monate hinweg in der mysteriösen Küchenschublade, in welcher man immer das ganze Zeugs aufbewahrt, welches selbst bei optimistischster Betrachtung nur als Müll bezeichnet werden kann, von dem man sich aber aus Gründen krankhafter Sparsamkeit und fehlinterpretierter Ressourcenschonung um nichts in der Welt trennen will. Also in meinem speziellen Fall drei Brillen mit je nur noch einem Glas, eine Dose eingetrockneter blauer Schuhcreme, eine halbvolle Tube Sekundenkleber, ebenfalls eingetrocknet, eine Handvoll, fast vollständig herunter gebrannter, von den kleinen Kerzen, mit denen man immer misslungene Geburtstagskuchen aufhübscht, eine Unmenge abgebrochener Stifte, vier verschiedene, aber identisch stumpfe Büchsenöffner, ein Taschenkalender von 1997, ein Fläschchen scharlachroten Autolackes, obwohl ich schon seit über 6 Jahren einen Dunkelblauen fahre, eine kaputte Mausefalle, Augentropfen von 1979 (nicht eingetrocknet!), ein Vorhängeschloss ohne Schlüssel, drei Vorhängeschlossschlüssel ohne Vorhängeschloss, ein kleiner Stapel Hanuta-Sammelbilder von der Fußball-WM 2002, fünf leere Kugelschreiber, eine Hirsestange für Kanarien, dabei haben wir nur einen Kater, ein Tischfeuerwerk des VEB Pyrotechnik Silberhütte, drei Haselnüsse, eine Paranuss, fünf Ü-Eier-Puzzles, eine noch original verschweißte Dose schwedischen Schnupftabaks, ein Diadem von einem Prinzessinnenkostüm, dreizehn oder vierzehn von den Düngertütchen, die ich immer zu den Hochzeitstagsblumensträußen mitbekam, aber stets vergaß in die Vase zu kippen, und den Henkel einer kobaltblauen Sammeltasse, welchen ich seit über drei Jahren wieder ankleben wollte, aber der verdammte Sekundenkleber, welcher bekanntermaßen auch in dieser obskuren Schublade sein Obdach fand, war schon damals rettungslos verdorrt.

Auch überwinterte das Heft schon gemeinsam mit den Blumenzwiebeln, welche ich im Herbst auf väterlichen Rat hin immer ausgrub und im Frühjahr wieder ein, in unserem Keller, was mir viele Stunden des Grübelns einbrachte, ich aber dennoch keine Antwort darauf fand, wer die Blumenzwiebeln wohl den Winter über in den Keller tragen würde, wenn es uns kleingärtnerisch veranlagten Menschen nicht gäbe, und ob die Evolution ihnen dann vielleicht Beine geschenkt hätte.

Des weiteren wurde das Scheckheft von einem Monteur einer von mir wegen eines durchgerosteten Endschalldämpfers aufgesuchten Fachwerkstatt unter der linken vorderen Fußmatte meines dunkelblauen Pkws wieder gefunden, was einerseits ja für die überaus große Gründlichkeit des überaus jungen Mechanikers sprach, andererseits aber auch für dessen zweifelsohne noch größeren fachlichen Wissenslücken. Denn Endschalldämpfer befinden sich ja nun einmal bekanntlich, wie ihr Name selbst solchen Laien wie mir verrät, nicht unter einer vorderen Fußmatte, sondern am anderen Ende des Fahrzeuges. Sonst hießen sie ja auch höchstwahrscheinlich nicht End- sondern Vorderfußmattenschalldämpfer. Auch die Tatsache, dass ich Anfang 2004 ins hauptstädtische Berlin reisen musste, um dort mein Scheckheft aus den Händen des bolivianischen Botschafters entgegenzunehmen, da man es angeblich in einer Hutschachtel in der Hütte eines Koka-Bauern aus der Nähe von Quillacollo gefunden habe, stürzte mich ebenfalls in eine Phase tiefster Nachdenklichkeit, mit dem mageren Ergebnis, dass dieses wohl irgendwie mit der schwedischen Schnupftabakdose aus der Küchenschublade zusammenhängen musste. Auch wenn meine Gattin an dieser Stelle dieses Textes lauthals brandmarkt, dass ich ja wohl wieder einmal phänomenal übertreibe, die Pferde der Fantasie neuerlich mit mir durchgingen, da es sich bei dem bolivianischen Botschafter in Berlin ja eigentlich nur um den Wirt meiner Stammkneipe in Erfurt handelte, welcher mein Checkheft auch nicht in der Hutschachtel eines Koka-Bauern aus der Nähe von Quillacollo wiederfand, sondern auf der Herrentoilette seines doch etwas in letzter Zeit in Verruf gekommenen Bumslokales. Doch, so wand ich ein, ist es denn schändlich, wenn man sein eigenes bescheidenes Leben, welches eigentlich nur wie ein kleines dünnblütiges Rinnsal vor sich hin plätschert, ein ganz klein wenig aufhübscht, so wie die kleinen Kerzen in der Schublade einstmals den missratenen Geburtstagskuchen, bis es einem reißendem Fluss gleicht, mit Stromschnellen und Fällen, mit Untiefen und Wellen, die sich an den Ufern meines Daseins brechen, und aus deren Gischt sich ein Nebel aus feinsten Wassertröpfchen erhebt, in welchem sich das Sonnenlicht bricht und darauf hin einen Regenbogen gebärt, so farbenfroh und leuchtend, auf dass sich der Leser höchstvergnügt daran ergötzen mag. Auch wenn dieses Gleichnis mit den Flüssen in diesem Text schon einmal Verwendung fand, was aber in Anbetracht dessen, dass Wasser nun einmal der Marktführer in punkto Elemente auf diesem Planten ist, mir überaus entschuldbar scheint.

Doch wie dem auch sei, das Scheckheft zeigte mit den Jahren seiner Wanderschaft beharrlich mehr und mehr Anzeichen äußerlichen Verfalles, womit es sich ja eigentlich nur seinen inneren Werten aufs Tausendstel anglich. Doch was ich an und für sich nur damit gesagt haben will, ist, dass, wenn es sich um Gebrauchtwagen oder auch Gebrauchtfrauen mit dem Attribut „scheckheftgepflegt“ handelt, ich über alle Maßen auf der Hut bin. Denn Vorsicht ist in diesem Falle nicht nur die Mutter der Porzellan-, sondern auch die der Beziehungskiste.

So betrachtet sollte man also, jedenfalls wenn es um die Relativität geht, folglich nicht nur Ort und Zeit einbeziehen, sondern auch die „Nur Heute im Angebot“ – Schilder und ebenso schwindsüchtige Scheckhefte. Aber die Relativität bringt ja nicht nur Unbill ins Haus des gemeinen Verbrauchers, nein, mitunter ermöglicht sie auch ein famoses Reibach machen, welches ja besonders in Zeiten von Hartz4 nicht mehr nur allgemeines Hobby, sondern mehr denn je purer Lebenserhalt ist. So fand ich letztes auf der Verpackung einer Mini-Salami den Hinweis, dass „100 Gramm dieses Produktes aus 124 Gramm Schweinefleisch hergestellt worden“. Kinder! Da bekommt man doch noch was fürs Geld! Und zwar relativ viel. Auch wenn ich mir schwerlich vorstellen kann, wie man wohl 124 Gramm Schwein in 100 Gramm Salami hinein bekommt. Oder bedeutet das in etwa, dass eine Sau mit einem Lebendgewicht von 130 Kilo ein gefühltes Gewicht von ungefähr 165 Kilo haben muss? Man stelle sich vor, dieses Faktum des unerklärlichen Mehr-bekommen-als-man-denkt würde auch auf andere Produktpaletten abfärben! Denn dann könnte man vielleicht bald auf den Etiketten von Seltersflaschen lesen, dass „1 Liter dieses Mineralwassers aus 2 Litern Quellwasser gepresst“ worden. Oder auf den Schachteln von freizeitfressenden Puzzles die Information, dass „dieses 100teilige Puzzle aus 124 Teilen hergestellt wurde.“ Möglicherweise würden dann vielleicht sogar Sportberichterstattungen mit dem Satz „Liebe Sportfreunde, wir übertragen nun das 100-Meter-Weltmeisterschaftsfinale, welches dank Sponsoren über die Distanz von 124 Meter geht“ angekündigt. Natürlich ist auch hier selbstverständlich nur wieder der Wunsch überforderter Vater des missratenen Gedanken, denn die gerade angekündigten Preiserhöhungen der großen Stromdiktatoren zeigen indes, dass der Fall der ominösen 124-Gramm-Fleisch-in-100-Gramm-Salami nur die Ausnahme scheint, welche die Regel der Abzocke bestätigt. Und die Realität ist nun mal ein überaus unangenehmer Zeitgenosse, welcher keinesfalls davor zurückschreckt, mich auf postalem Wege darauf hinzuweisen, dass 100 Kilowattstunden Strom mich demnächst soviel wie 124 Kilowattstunden kosten werden. Und das ist wiederum relativ unverschämt. Relativ schön dagegen ist, dass mein Bäcker nicht nur eine „Torte der Woche“, sondern auch Liebesknochen im Angebot hat. Und zwar nur heute! Und da nehme ich doch mal lieber gleich 300 Stück. Meine Beziehung krankt nämlich leider schon seit geraumer Zeit an akutem Knochenschwund.