Archiv für Dezember 2007

Oh’ Tannenbaum – als Volkslied okay, als Baum problematisch!

Sonntag, 30. Dezember 2007

Die einzig wahre und größte Herausforderung der Menschheit besteht meiner ungeschätzten Meinung nach nicht darin, die drohende globale Erderwärmung zu verhindern, den AIDS-Virus auszulöschen, oder den Hunger in der Welt zu stillen, sondern alleinig in der Beantwortung der Mutter aller berechtigten Fragen: wohin mit meinem Christbaum nach den Weihnachtsfeiertagen?

Ja, Tausende und Abertausende der abendländischen Tradition eines Weihnachtsbaumes anheim Gefallene stehen nach dem 26. Dezember hilflos mit einer verdursteten Baumleiche in der Hand in der Mitte der Gesellschaft wie auch ihres Wohnzimmers, und haben, neben der seit Tagen Gastfreundschaft schmarotzenden Schwiegermutter nun auch noch einen halben Nadelwald am feiertagsgemästeten Hals.

Und viele Heizungsinstallateure können am Ende jedes Jahres ein gar trauriges Lied von schweißstiftenden Sonderschichten anstimmen, denn immer wieder kommt es zu kompletten Totalausfällen von Heizungen in den Siedlungen überschuldeter Doppelhaushälftenbesitzer, da diese alljährlich vergeblich versuchen, ihre Baumkadaver in der Heizung zu verbrennen, was aber bei modernen Gas- und Ölheizungen nicht nur nach sehr seltenem Spezialwerkzeug schreit, sondern auch ein immenses Maß an Phantasie erfordert.

Gleichfalls beliebt, dass Entsorgen des nun sinnentleerten Baumes auf wegen Spardruckes schlecht ausgeleuchteten öffentlichen Plätzen, wobei auch hier Michael Gorbatschows Satz vom „zu spät kommen“ immer noch seine Gültigkeit hat, denn ab 27. Dezember 5 Uhr in der Früh, kann und muss man als Realist leider davon ausgehen, dass sich auf den schattigen Feldern der Allgemeinheit bereits haushoch Schwiegermütter türmen.

Auch wenn dem deutschen Endverbraucher seitens IKEA werbetechnisch vorgegaukelt wird, dass es im Heimatlande der Elche und Inbusschlüssel in Sachen Weihnachtsbaumentsorgung hochgradig robust und volkstümlich zugehe, so sollte der deutsche, des Baumes überdrüssige Familienvater doch ein gutes Kilogramm an Vorsicht walten lassen, denn egal wie schön geschmückt sein Christbaum auch sein mag: fliegt er aus dem Fenster eines dreizehnten Stockwerkes direkt auf den Schädel eines in frostiger Dezemberluft flanierenden Bürgers, so kann dieser Umstand ganz schön hässliche Narben namens Anwaltskosten auf dem eigenen Konto hinterlassen. Selbiges gilt übrigens auch, Sie können es sich sicherlich bereits denken, für aus dem Fenster geschmissene Schwiegermütter.

Doch muss der Wahrheitsliebe wegen unbedingt auch erwähnt werden: in Anbetracht meines maximal 2 Meter hohen Weihnachtsbäumchens, sind meine Entsorgungsprobleme doch weiß Gott keine einzige dieser höchstens mittelprächtigen Zeilen wert, wenn man sein noch vom Glühwein getrübtes Auge in Richtung Vatikanstadt lenkt. Denn das Oberhaupt der Katholiken hat vor seiner Bude zu jeder Weihnacht einen Christbaum stehen, der sage und schreibe weit über 30 Meter messen soll. Und um so einen Baum heimlich auf irgendeinem schlecht ausgeleuchtetem römischen Platze zu entsorgen, da braucht es schon ein verdammt großes Papa Mobile. Andererseits ist der Pabst damit doch noch reichlich gut bedient. Denn der hat wenigstens keine Schwiegermutter.

Wie ich beinahe ein schönes Geschenk erhielt

Samstag, 29. Dezember 2007

Die Tage zwischen Weihnacht und Silvester, die unter den meisten Dächern Deutschlands nur von süßem Nichtstun erfüllt sind, stoßen mir selbst arg bitter auf, weil, wenn man zu Recht seit Kindesbeinen an von verschiedenen Psychoanalytikern als hyperaktiv verschrien, auf der faulen Haut liegen der Seele ein arger Klotz am Bein ist.

Und so war ich, der seit Tagen zu Müßigsein und Dellen-ins-Sofa-liegen verurteilt war, bereit wie ein Panther zum Sprung, als ich in meiner Tageszeitung las, dass jeder zweite Deutsche sein Geschenk umtauschen wolle, um das von meiner Gattin am Heiligabend erhaltene gleichfalls von Wasser in Wein zu verwandeln. Denn mit Gattinnengeschenken ist es seit vielen Geburtstagen, Weihnachtsfesten und Frühjahrsputzen immer so eine Sache, weil wir, was Geschmack und dem Sinn in Allem suchen, bei Niemandem niemals als auch nur annähernd seelenverwandt durchgehen würden. Und dieses nicht auf gleicher Wellenlänge schwimmen beginnt beim Kulinarischen, zieht sich übers Sexuelle und hört beim Musischen noch lange nicht auf. Was on Detail bedeutet, ohne mich in diesen verlieren zu wollen, dass sie beispielsweise Fondue partout nur am Küchentisch servieren will, während ich diese wohlschmeckende aber zugegeben umständliche Speise durchaus auch ganz gerne einmal im Bett zu mir nehmen möchte. Doch hier stößt meine feinschmeckerische Libido auf allerhärtesten Granit, weil meine Gattin mit Bedacht stets darauf hinweist, dass so eine Sauerei erfahrungsgemäß immer Flecken im Laken hinterließe, was ich indessen immer unbeirrt damit kontere, dass es doch dann auf die paar Flecken mehr wohl auch nicht mehr ankäme. Indes kann ich mir ihr Grausen, was Nahrungsaufnahme im Schlafgemach betrifft, nur insoweit erklären, dass mein 97er Kredenzen von flambierten Vanilleeis im ehelichen Doppelbett, wohl doch so einige Brandnarben in ihrer empfindsamen Hausfrauenpsyche hinterließ, na ja, gebranntes Kind scheut halt das Feuer.

So war ich also ungemein froh darüber, endlich meinem zappeligem Geist und meinem unruhigen Körper Bewegung zu verschaffen, weil das Umtauschen des Geschenkes ein nicht kleines Quantum von zu lösenden Problemen mit sich brachte, denn meine Gattin hatte das Geschenk in der Erfurter Filiale einer großen Kaufhauskette erstanden, von der ich, um Schleichwerbung zu vermeiden, nur soviel verraten kann, dass ihr Name mit „Kar“ beginnt und mit „stadt“ endet.

Eines der Probleme bestand unter anderem darin, dass Erfurt von meinem Wohnort aus gut 30 Kilometer entfernt liegt, und wer wie ich auf einen 13jährigen Ford Fiesta zwecks persönlicher Mobilität angewiesen ist, der weiß auch, die Apollo11-Mission der Amerikaner inklusive Mondlandung ist gegen eine bemannte Fahrt mit meinem Ford Fiesta nur ein technologisches Kinderspiel gewesen. Auch wenn meine Gattin darauf beharrt, nicht das alte Fahrzeug wäre an den vielen meiner unglücklichen Versuche auch Örtlichkeiten außerhalb unserer Stadtgrenze zu erreichen schuld, sondern meine penetrante Ignoranz gegenüber roten Ampeln, Bremsscheiben, welche nur noch theoretisch vorhanden waren, und außerdem der Fahrphysik im Allgemeinen. Ich selbst bin allerdings der Meinung, dass an meinen sich über die Jahre hin häufenden Auffahr-, und Überfahrunfällen der alte Ford Fiesta sehr wohl Protagonist gewesen sei, da dieser, was seine Ausstattung betrifft, für Hyperaktive wie mich genauso gut geeignet ist, wie ein Staubsauger von Vorwerk für einen Obdachlosen. Denn die Konstruktion dieses Fahrzeuges erlaubt es eben nun einmal nicht, sich, sobald man mit der linken Hand damit beschäftigt ist im aktuellen „Katalog für den Friseurbedarf“ zu blättern und mit der rechten Hand das Aquarell für Omas 90zigsten zu vollenden, während man auf dem mobilen DVD-Player die Aufzeichnung der Eröffnung der letzten Karl-May-Festspiele verfolgt, sich mit diesem Fahrzeug auch nur halbwegs vernünftig und somit dem Artikel 1 der Straßenverkehrsordnung entsprechend auf der A4 einzufädeln. Unerwähnt möchte ich bei dieser Gelegenheit nicht lassen, dass ich diesbezüglich unzählige Briefe nach Detroit/Michigan geschickt habe, die allerdings nie beantwortet wurden, was, wie wiederum meine Gattin behauptet, wahrscheinlich daran gelegen haben könnte, dass Fotos von zerbeulten Kotflügeln und Fußgängern samt meiner beiliegenden Kontonummer nicht immer automatisch zu Brieffreundschaften führe.

Wie dem auch sei, ich kam dennoch fast unfallfrei im Parkhaus des Kaufhauses dessen Name mit „Kar“ beginnt und „stadt“ endet an und konnte auch innerhalb von nur wenigen Minuten und an Hand ihrer Ausweispapiere bei den Beamten glaubhaft nachweisen, dass die Dame, die quer über meiner Motorhaube lag und sich krampfhaft an den Scheibenwischern festhielt, sich höchstwahrscheinlich schon vor Fahrtbeginn auf diese gelegt haben musste, da diese Dame ja neben mir wohnte, und im Zweifel ja immer für den Angeklagten.

Ich gab der Dame ihre Papiere zurück und mich in die Hände der Rolltreppe, welche mich in einem unwahrscheinlichen Gewussel von Mitmenschen ausspuckte, einem Pulk von Kunden, getrieben von dem mächtigen Wunsch, ihre erhaltenen Geschenke in Willkommene umzutauschen. In Doppelreihen standen sie vor Kassen und Serviceständen und ich reihte mich, wenn auch nicht doppelt, so doch einfach ein und vertrieb mir die Zeit mit der Beantwortung der Frage, warum sie das große Kamel vor mir, welches mir beständig auf die Füße trampelte, herein gelassen haben, während Hunde aber draußen bleiben müssen.

45 Minuten später war ich, wenn auch der Beantwortung meiner im Geiste gestellten Frage um keinen Schritt näher, so doch aber Schritt um Schritt ans Kundencenter heran gerückt, und dennoch ziemlich erschrocken, als mein Denkgebäude infolge der Ansprache durch eine Kassierein laut krachend in sich zusammen brach.

„Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen“

„Äh, Guten Tag, äh, ich hätte gern mein Geschenk umgetauscht!“

„Gern. Um was handelt es sich denn und warum wollen Sie es denn umtauschen?“

Ich fummelte meine Geldbörse aus der Gesäßtasche, holte einen zerknitterten Zettel aus ihr heraus, legte ihn auf den Tresen, glättetet ihn mit der Handkante und sagte:

„Es ist mir zu klein!“

Die Kassiererin starrte auf den Zettel.

„Dies ist ein Gutschein …“

„Ja, ich weiß. Ein Gutschein über 50 Euro. Ich hätte ihn gern gegen einen Gutschein über 100 Euro eingetauscht!“

Es folgten intensive, sich in der Lautstärke steigernde Gespräche mit dem Abteilungsleiter, dem Geschäftstellenleiter und der hauseigenen Security, in deren Folge ich darüber aufgeklärt wurde, dass man mit dem Wort „Kulanz“ nicht ungestraft Schindluder treiben dürfe, was in meinem Falle ein Hausverbot auf Lebenszeit bedeute.

Nachdem die Herren Berufsraufbolde von der Security mich mittels Pfefferspray und Elektroschocker von der Kritikwürdigkeit meines Ansinnens überzeugt hatten, legte ich die Dame wieder auf die Kühlerhaube, startete meinen Ford Fiesta und fuhr, wenn auch denkbar schlecht gelaunt, so doch aber mit dem unumstößlichen Plan im Kopf, in der folgenden Nacht nochmals zurückzukehren, um mit der vom Weihnachtsfest übriggebliebenen Dose Kunstschnee an ein Schaufenster des Kaufhauses „Nieder mit dem Kapitalismus!“ zu sprühen, davon. Auch wenn ich mir keinesfalls sicher war, ob der Schuss nicht eventuell nach hinten losgehen könne, denn schließlich arbeitete ich schon seit mehr als 15 Jahren in diesem Kaufhaus als Verkäufer in der Technikabteilung, und mal ehrlich: wer sägt schon an dem Ast, auf welchem er sitzt?!

(Wen es interessiert: in der Geschichte “Wie ich nicht nach Düsseldorf kam” spielt der Ford Fiesta ebenfalls eine Nebenrolle. Und in der Story “Stätten des Grauens” erhalte ich gleichfalls ein Hausverbot.)

Durch den Magensaft gezogen (2)

Mittwoch, 26. Dezember 2007

So. Der Hase hat es ja nun anscheinend längst hinter sich gebracht, da ein Verdauungsvorgang in der Regel, also jetzt nicht nur bei menstruierenden Frauen, sondern auch bei uns Männern, wenn es sich um geschmortes Fleisch handelt, so um die 4 Stunden dauert. Natürlich möchte so ein mimosenhafter Hobbykoch wie ich es einer bin am liebsten seine nicht vorhandene Kochmütze zerknüllen und in die Ecke pfeffern (!), denn der Gedanke, dass die Speise, deretwegen man so viele Stunden in der dunstigen, rauchgeschwärzten Küche verbrachte, nur kurz darauf im Magen in Salzsäure landet, macht selbst gestandene Bahnhofskioskcurrywurstbrater weinend. Verständlich, denn ein Maler wirft sein gelungenes Gemälde nach Vollendung ja sicherlich auch nicht einfach in den Ganges oder die Ilm, oder was für ein Fluss auch an seinem Atelier vorbeitröpfeln mag. Auch wenn die Vorstellung von auf Flüssen treibenden Triptychons alter Meister durchaus seinen Liebreiz hat, denn schließlich halten sich an Flüssen weit mehr Menschen auf als in staubigen Museen, und ein Bild, dass von Niemandem bestaunt, ähnelt dem gelungenen Hase in der Pfanne, den keiner durch „Mmm!„ und „Ahh!„ zu würdigen bereit steht.

Ob der Hase allerdings mundete, den ich Dank schon in jungen Jahren erworbener Kochkenntnisse zuzubereiten verdammt war, entzieht sich meiner Kenntnis, da ja schon seit Tagen mein sensorischer Bereich wegen eines bösen Schnupfens wegen darniederlag. Sagen wir es aber einmal so: Frau und Kind sind noch wohlauf, ich, bis auf die immer noch von Keimen zu betonierte Nase, ebenso, und wenn der Notarzt schon übern Feiertag von gewissenlosen Mitbürgern aus Schlaf und Bett gerissen wurde; in meiner Küche war sicherlich kein Grund dafür zu finden. Doch sollte dieses von meiner Leserschaft ernsthaft in Zweifel gezogen werden: in einem Mastdarm kann das, was einmal Hase war, bis zu 5 Tage endgelagert werden. So bitte ich meine kulinarischen Kritiker bis spätestens 30. Dezember zu warten und mir gegebenenfalls schon mal ein kleines (im günstigsten Fall verschließbares!) Reagenzglas zu schicken, damit ich meine nach Gewürzen riechenden Hände wenigstens labortechnisch in kochkünstlerischer Unschuld waschen kann. Natürlich ist ein mit justiziablem Fäzces (nein, dies ist kein Ungarisch, dies ist Latein!) gefülltes Reagenzglas nicht gerade appetitlich, aber in einem Land, in welchem es gut ausgebildeten Sondereinsatzkommandos nicht einmal gelingt, einsame, kranke Senioren zu überwältigen, ohne diese übern Haufen und dazu auch noch tot zu schießen, sollte man doch stets darauf bedacht sein, dass, wenn einem schon die Scheiße bis zum Halse steht, auch wenn es nur die Kochkunst betrifft, es wenigstens nur die eigene ist. Weil, wenn man dann als alter Mann vom SEK erschossen wird, man dann wenigstens weiß, die machen ja nur ihren Job, die können nichts dafür, die können wahrscheinlich gar nichts. Aber mit Wumme in der Hand und Justitia an ihrer Seite ist die eigenen Unfähigkeit ja vollkommen legalisiert. Falsche Hasen, von Flensburg bis Freiburg. Mmm! Ahh!