Warum der Harald im Neuen Jahr kein Wort mehr mit mir spricht
Harald ist, was man einen Stoiker nennt. Harald ist außerdem Vater meiner Gattin und somit Schwiegervater meiner selbst, ein Kerl mit unkompliziertem Gemüt, Blutdruck und Gewicht, beides für sich genommen ungefähr doppelt so hoch wie es schon einzeln nicht mehr gesund wäre, und einer enormen Affinität zu Ruhe und Ordnung, was, so jedenfalls die Familienlegende, irgendetwas mit den Kriegserlebnissen seiner Kindheit zutun haben soll und somit als Zielscheibe des Spottes nur an den Wänden von mit Geschmacklosigkeiten gefüllten Kellern hängen dürfte.
Und dieses Ruhebedürfnis meines Schwiegervaters führte nun unter anderem dazu, dass für ihn, was die Böllerei um Silvester herum angeht, das Maximum an in seinem Hause zulässigen pyrotechnischen Effekten nur Luftschlangen, Konfetti und mit leisem Puffen in die Luft gehendes Tischfeuerwerk ist. Alles, was laut und Funken sprühend im Freien explodiert, hasste er noch mehr wie die Donnerstage einer jeden Woche, an denen es in seinem Hause zu Mittag immer irgendeiner bescheuerten Tradition folgend Lungenhaschee zu essen gab, schließlich hatte er ja auch so schon immer über jede Menge Luft im Darm zu klagen.
Nun lässt sich aber von seinem Schwiegersohn, der ja nun einmal ich geworden worden bin (ja, Zwangsehe ist keineswegs nur ein muslimisches Problem!), sagen, dass, was meine Neigungen diesbezüglich Feuerwerk, und was meinen donnerstagtäglichen Speiseplan betrifft, ich geradewegs gegenteilig veranlagt bin, bzw. mir jeden Donnerstag Mittag regelrecht die kulinarische Sonne aus dem Hintern scheint, denn, Tradition hin – Tradition her, donnerstags gehe ich regelmäßig zum Griechen oder Italiener, weil, an Lunge würde ich nicht mal mit Asthma im Endstadium gehen.
Meine Lust an Böllern und Knallerei hingegen kann ich mir auch nicht recht erklären, denke aber, es könnte eventuell damit zusammen hängen, dass ich die ersten meiner Lebensjahre in der Nähe eines Bergwerkes aufwuchs und somit regelmäßigen Sprengungen ausgesetzt war und nun an jedem Silvester durch die Knallerei an die Stunden glücklicher Kindstage erinnert wurde, was meiner sentimentalen Seele natürlich stets wie Öl runtergeht. Auch wenn ich natürlich nicht, im Gegensatz zu unseren Urahnen, daran glaube, dass der Lärm um Silvester herum die bösen Geister vertreiben könnte, denn schließlich haben wir im Januar 2007 noch immer die selbe Regierung gehabt, die wir auch noch im Dezember 2006 hatten.
Und so zog es mich also auch in den letzten Tagen des vergangenen Jahres wieder in die Lagerräume eines Bekannten, welcher einen sogenannten 99-Cent-Laden betrieb und dort mit allem handelte, was nach höchstens zweimaligem Tragen oder Benutzen in seine Bestandteile zerfiel, Lebensmitteln, die mit einem Fuß schon weit überm Mindestens-haltbar-Datum standen und Ende Dezember eben auch mit Böllern und Raketen.
„Hallo Torsten“, grüßte ich ihn, „was haste denn dies Jahr an Böllern für mich, aber was mit Schmackes!“
„Hier“, sagte Torsten und stellte eine circa 30 mal 30 mal 30 Zentimeter große Feuerwerksbatterie auf den Tisch.
„25 Kometen in schmaragdgrün, Verwandlung zu goldenem Flimmer mit roten Sternen in 30 Metern Höhe!“
„Mm“, so ich, „und was sonst?“
Torsten drehte sich um, ging ins Lager, kam zurück und wuchtete eine neue, deutlich größere Batterie auf den Tresen.
„50schüssig, bis zu 50 Meter hoch! Brillantleuchtsterne, Cracklingbuketts, Sirenenheulen mit abschließendem Knall!“
Ich: „Haste nich‘ was richtig Dolles?!“
Torsten ging wiederum in den Lagerraum, kam samt Lehrling zurück und beide stemmten unter Mühe eine ungefähr einen ein Kubikmeter großen Karton auf den Verkaufstisch.
„200 Schuss! Multieffekte! Blinksterne plus Knattersterne! Brillantleuchtsternbuketts! Dreifach-Verwandlungsfontäne mit abschließendem Doppelschlagböller! Und das alles in 80 Meter Höhe!“
„Mensch Torsten“, wieder ich, „haste denn wirklich nichts richtig Dolles!?“
Torsten schickte den Lehrling wieder nach hinten, schaute sich um, wir waren allein im Laden, bückte sich und holte unterm Tresen einen Feuerwerkskörper hervor, kaum größer als eine geschlossene Faust.
Ich: „Willst Du mich verarschen?!“
Torsten grinste.
„Das ist der Detonator 5000!!! Aus Tschechien! ILLEGAL! Und weißte warum?“
Ich: „Nee, sag mal!“
Torsten: „1000schüssig!!! Crackling-Palmen und Dreifach-Brokat-Bombetten in Atompilzoptik!!! 500 Meter hohe Riesenfontänen in Silber und Gold mit abschließendem Soundgewitter!!! Crackling-Effekte und Überraschungseffekt nach jedem 10 Schuss über die ganze Brenndauer und mit einer finalen 50er Kanonenschlagserie in über 230 Dezibel!!! Wenn Du das angezündet hast, Junge, dann heißt es laufen, Du hast genau 5 Sekunden!“
Ich schaute auf den Tresen, mein Speichel tropfte darauf, danach mit glänzenden Augen auf Torsten und sagte: „Okay, pack mir 5 Stück ein! Und dann gib mir noch `ne Tüte Zimmerfeuerwerk für meinen Schwiegervater. Weißt doch, der Harald, der hat‘s nich‘ so mit‘n Geknalle!“
Ich nahm die zwei Tüten und verließ den 99-Cent-Laden mit dem wunderbaren Gefühl, dass erste Mal in diesem Geschäft etwas erstanden zu haben, dessen schneller Zerfall mich glücklich grinsen lassen würde.
31.Dezember. 23.59 Uhr. Ich stand auf der Strasse und zitterte, teils vor Kälte, teils vor Erwartung, ein Sturmfeuerzeug in der Hand. Ich stellte den Feuerwerkskörper in die Mitte der Strasse, winkte nochmals Gattin und Kind zu, die aus Gründen der auch weiterhin benötigten körperlichen Unversehrtheit wegen beschlossen hatten, mein Feuerwerk lieber vom Inneren des Hauses heraus zu betrachten, hielt die Flamme des Feuerzeuges an die Lunte und lief, als diese Feuer fing, um mich hinter einer Mülltonne in Sicherheit zu bringen. Ich sah vorsichtig an dieser vorbei und zählte: „ …, 3 …, 2 …, 1 …“
Puff …
Aus dem Feuerwerkskörper sprangen drei oder vier bunte Pappmascheekugeln heraus, vielleicht 10 Zentimeter hoch, und dazu ein paar wenige Konfettis. Ich schaute ungläubig auf die Strasse, dann zu meiner Familie, dann in meinen Beutel mit dem restlichen Feuerwerk. Und wie ich gerade dabei war im Ansatz zu begreifen, gab es plötzlich in Richtung benachbarter Schubertstrasse, in der übrigens auch mein Schwiegervater wohnt, einen gewaltigen Schlag, und zwischen Crackling-Palmen und Dreifach-Brokat-Bombetten in Atompilzoptik und 500 Meter hohen Riesenfontänen in Silber und Gold sah ich Fenster- sowie Türrahmen durch die Luft fliegen, und zwischen Crackling- und Überraschungseffekten auch meinen Schwiegervater, und der schrie und schrie und schrie, doch ich konnte ihn ja nicht verstehen, wegen einer mindestens 230 Dezibel lauten 50er Kanonenschlagserie.
Na ja. Darum jedenfalls spricht der Harald im Neuen Jahr kein Wort mehr mit mir.
06. Januar 2008 um 20:56
Gut, dann wissen wir das jetzt auch ^^
06. Januar 2008 um 21:16
Ja, ich bin wie ein offenes Buch. Und mit verdammt vielen Seiten.
06. Januar 2008 um 23:44
Hm .
Und was hat Deine Gattin dazu gesagt?Ich meine,ist die jetzt etwa sauer oder was?..höhö
07. Januar 2008 um 7:40
Naja, er spricht zwar nicht mehr mit Ihnen, aber mit dem Zuhören würde es ja auch nix mehr werden. Von daher…
07. Januar 2008 um 15:55
@Mo
Keine Ahnung. Sie wohnt ja seitdem nicht mehr bei mir …
@Walther
Ein Blogger braucht doch keine Zuhörer, sondern Leser!
11. Januar 2008 um 4:58
genauso WIE,oder anders(mehr) ALS…
11. Januar 2008 um 15:55
Mensch, besser-ossi, hast Du schon mal ‘nen Blog mit eigenem Lektorat gesehen!?
26. März 2008 um 20:42
[...] kniehoch häufte, sei angeblich, so die geballten Fachmeinungen meines Nachbarn und meines Schwiegervaters und eines Herren, der gerade die Gasuhr ablesen kam, eindeutig Lehm. Ich hatte mir bis dahin Lehm [...]
29. März 2008 um 21:16
Ganz großes Kino, hab immer noch Tränen in den Augen von der Lacherei. Bombenstory, im wahrsten Sinne des Wortes.
30. März 2008 um 11:20
Ja, eine gewisse Explosivität des Stoffes ist gegeben, sogar eine Exklusivität, was ja wohl der I-Tüpfel auf der Sahnetorte ist. Oder so.