Archiv für Januar 2008

Regen und Traufen

Montag, 28. Januar 2008

Auf meinem Einkaufszettel stehen zumeist stets dieselben regionalen Speisen und Tränke, doch nicht etwa, weil ich der weltkulinarischen Vielfalt möglicherweise aus rassistischen Gründen abhold bin, ganz im Gegenteil, doch wenn es sich um Serrano-Schinken oder auch Parmigiano-Reggiano handelt; so etwas Leckeres sollte nicht in Plastikfolie vakuumverpackt durch die Welt zu Tode transportiert werden, so etwas Delikates schmeckt doch nur am Orte seiner Herstellung, und wenn ich diese Orte eben nicht persönlich heimsuchen darf, so dürfen es diese schmackhaften Speisen in Hinsicht auf meinen Verdauungstrakt ebenso wenig. Bin ich aber außer Landes, was leider recht selten der Fall, doch wenn, dann mit einer Riesenportion Neugierde auf die Töpfe und Speisekammern meines Gastgebers, und gegessen wird, was auf den fremden Tisch kommt. Ob ich allerdings, sollte ich jemals meine Füße auf australischen Boden setzen, Känguru-Arschloch, was ja laut RTL-Dschungelcamp eine landestypische Spezialität sein soll, bestellen werde, wage ich momentan nicht zu bejahen, auch wenn ich als Thüringer Bratwurst im Naturdarm verzehre, und durch diese Därme wird ja zu Lebzeiten gleichfalls hindurch gefurzt. Und da wir gerade über Schließmuskeln reden: sollte Roland Koch trotz schwungvollem Wählertritt in seine christdemokratischen Eier darauf bestehen, wiederum Ministerpräsident werden zu wollen, so erscheint mir dieses Ansinnen auch höchst unappetitlich. Auch wenn ein Kollege von mir meint, es gebe durchaus schlimmeres als haarige Darmausgänge auf dem Teller und im Parlament, z.B. wenn in deiner Krankenakte Klaustrophobie und Theophobie stehen, und dann mit Karel Gott in einem Fahrstuhl stecken bleiben. Da mag durchaus was dran sein.

Ein Koch ging aus der Küche …

Sonntag, 27. Januar 2008

Der Kopf ist abgeschlagen. Doch es werden zwei Neue nachwachsen – die Hydra Demokratie ist ausnehmend fruchtbar und mehret sich. Und wir werden vor den neuen, alten Köpfen erstarren wie die Karnickel vor der Schlange, weil, links lauert Skylla – rechts Charybdis, nur die Mitte, die nie so neu ist, wie sie sich gibt, sondern nur so alt, wie wir sie wollen, sie lässt uns unsere Habseligkeiten ans immer schmaler werdende Ufer unserer materiellen Existenz retten. Das kleinere Übel, es ist uns stets groß genug. Und weiter ziehen wir, von Wahl zu Wahl, unermüdlich, allein angetrieben durch unser Sein, kein Ziel vor Augen, Nachdenken, Denken ist nur Sand im Getriebe. Der Tross zieht gen Untergang, zeichnet eine Spur aus Schwachen und Kranken am Wegesrand, Brotsamen fallen aus hohen Sänften, verstopfen Maul um Maul. Nach Dir und mir die Sintflut, und ersaufen auch morgen schon die Sänftenträger, so ersaufen doch auch die Getragenen, ERTRAGENEN – Wahlurnen, sie schwimmen, sie kentern: Treibgut ohne Land in Sicht.

(„Das individuelle Leben ist eine serialisierte Miniaturkrise, ein Desaster, das deinen Namen trägt.“ Brian Massumi)

Ein ganz normaler Samstagmorgen

Sonntag, 27. Januar 2008

„Uuuaaahhhhh!“

Strecken. Recken. Kratzen. Unten und oben. Mehr unten als oben. Aber immer so intensiv, als hätte die vergangene Nacht aus dem stillen Hinterhalt der Dunkelheit heraus die Krätze über mich gebracht. Ein Blick auf den Wecker, der heute seinen freien Tag hat, vertickt mir, es ist kurz nach halb acht. Für meine Verhältnisse eindeutig zu spät, denn samstags gibt es bei mir zum Frühstück immer ofenfrische Semmeln. Und frisch sind die Semmeln doch nur bis kurz nach 7 Uhr, weil ich sie immer an der Selbstbedienungstheke hole. Erfahrungsgemäss kriegt man ab 7.08 Uhr dort nämlich nur noch die Brötchen, die schon durch mehr Finger gegangen sind, als vielleicht die ehemals feldbüschige Verona.

„Uuuaahh!“

Strecken. Recken. Kratzen. Laut gestrigem Wetterbericht müsste eigentlich die Sonne scheinen. Wo steckt das verdammte As nur! Ein Blick zum Fenster: aha!, das Rollo müsste hochgezogen werden. Aufstehen? Aufstehen! Ich zögere. Denn um aufzustehen müsste ich meine Bettdecke lüpfen. Doch gestern Abend gab es Hülsenfrüchte. Und da mein Darm eines der wenigen Gasressorts dieser Welt zu sein scheint, dass noch nicht angebohrt worden ist, was natürlich auch an meiner heterosexuellen Ausrichtung liegen kann, heißt es: Nach mir die Sinnflut! Ich reiße die Bettdecke empor, springe von der Matratze, mache die zwei Schritte bis zum Fenster.

Potz Blitz!

Das Rolle ist ja oben. Nur Ostern ist eben verdammt lange her, und da wurden die Scheiben letztmalig geputzt. Ich drehe mich wieder zum Bett, in welchem sich meine Gattin noch in tiefstem, tiefen Schlaf befindet. Ich schleiche, vier kleinere, vorsichtigere Schritte, lege zärtlich meine Lippen in Nähe ihres Ohres ab und säusle in die Muschel, die ihr Ohr zuckersüß außen zum Besten gibt, mit mindestens 110 Dezibel:

„SCHATZ, DIE FENSTER SIND SCHMUTZIG!“

Meine Gattin reißt ihren nackten Oberkörper empor, schreit mit weit aufgerissenen Augen und ebensolchem Mund, während ihr Hinterkopf auf meine mächtige Nase knallt:

„HAST DU ‘NEN KNALL?!“

Ich, mit nasaler Stimme, doch nun viel leiser, mit den Fingern der linken Hand meine Nasenflügel aneinander pressend: „Nein, die Fenster sind wirklich schmutzig. Und deine Bettwäsche ist auch voll fleckig.“

Voll mit Nasenblut. Frisch und warm. Ich vertropfe mich ins Bad, eine hämoglobinhaltige Spur im Flur hinterlassend, tauche ein Handtuch in kaltes Wasser, presse dieses auf die Stirn und hoffe, dass das Blut ja irgendwann alle sein muss. Gleichzeitig frage ich mich, warum denn nicht jetzt mal einer vom DRK an meiner Tür klingelt und fragt, ob ich nicht mal wieder Blut spenden wolle? Ich hätte ihm einen Eimer und einen Scheuerlappen in die Hände gedrückt, und zu ihm gesagt: „Junge in Weiß, zapf Dir meine Fliesen an. Und die zwanzig Euro dafür kannst Du gleich im Flur liegen lassen.“ Denn ich muss ja noch Semmeln holen.

Doch wann klingelt schon mal an einem Samstag Morgen eine erwünschte Person an der Tür? Meist ist es doch nur Verwandtschaft und von denen arbeitet keiner beim DRK, genau genommen, es arbeitet ja so gut wie gar keiner mehr von denen. Denen ist nämlich vor Urzeiten die Karriereleiter angesägt worden. Vom Markt, angeblich. Und bevor sie wieder aufsteigen konnten, waren sie beruflich schon auf dem absteigenden Ast. Hatten alle Arbeitsplätze, doch es wurden daraus Stehplätze, in der Agentur für Arbeit. Da stehen sie sich nun die Beine in den Bauch, was unter diesen traurigen Umständen durchaus satt machen kann. Behaupten jedenfalls immer, wenn sie doch mal vor meiner Haustür stehen, sie hätten die Schnauze gestrichen voll. Prima, erwidere ich dann immer, da brauche ich ja hier nichts auftischen. Zum Beispiel Semmeln, die ich nun unbedingt noch holen muss. Denn meine Gute hat sich aus der Bettwäsche geschält, die nun aussieht, als hätte man darin ein Menschenopfer für Bona Dea gebracht, die ja als römische Göttin für die Fruchtbarkeit, also fürs Ficken zuständig war. Meine Gattin betritt das enge Bad, und ich, ich habe irgendwie den Eindruck, sie mag mich heute morgen nicht besonders, als ob es meine Schuld wäre, dass heute eben doch die Sonne scheint. Nur eben nicht durch unser Schlafzimmerfenster.

Da meine Nase nun nicht mehr menstruiert, sprinte ich zu Hose, Stiefeln und Shirt, greife mir den geflochtenen Brötcheneinkaufskorb, reiße die Haustür auf, in deren Briefkastenschlitz ein Werbeverteiler auf Minijob-Basis nun mit der Hand hängen bleibt, und somit in meinen blutigen Flur stürzt, und sage zu ihm etwas unwirsch, weil in Eile:

„Falls Du vom DRK bist, da hinten steht ein Eimer …“