Der Tag, an dem ich beinahe einen Mercedes SL erstand
Der Winter startete einen Überraschungsangriff. Eiseskälte von Horizont zu Horizont. Zeigte das Thermometer am frühen Morgen noch einen Wert im einstelligen Plusbereich, so bibberte ich nun nach Feierabend bei minus 6 Grad an der Bushaltestelle. Denn das Auto stand in der Werkstatt. Akute Herzkreislaufschwäche. Oder der Appendix. Sagte der Mechaniker. Komisch. Ich hatte noch nie einen Meisterbrief in seiner Werkstatt hängen sehen. Ich blickte auf die Uhr: noch gut 30 Minuten bis zum Bus. Ich zitterte. Nein, ich wurde gezittert. In meinen Füßen bildeten sich erste Eiskristalle. Meine Gemütsverfassung glich dem Inneren eines leeren Kühlschrankes. Minus 6 Grad und Windstärke 8 sind eben nicht gerade ein besonders gelungener Gute-Laune-Mix, wenn man in Jeansjacke und Turnschuhen an der nach vier Seiten offenen Bushaltestelle steht. Wieder ein Blick zur Uhr: noch 28 Minuten. Ich schaute mich um. Zwei Meter entfernt eine dicke Frau in ebensolcher Winterjacke mit knistigem grauen Kunstfellkragen. Dann doch lieber erfroren. Da! Hinter ihr, in einer Entfernung von circa 50 Metern ein Autohaus! Wärme! Wärme!!! Ich begann zu laufen, es knackte und knirschte dabei, Frost blätterte wohl von meinen Beinen. Ich drückte meine stahlhart gefrorene Nase ans Schaufenster: Mercedes. Na ja, dachte ich, besser als Gefrierbrand. Und trat durch die Tür.
Ah! Herrlich! Ich spürte, wie die warme Luft durch die Beine der Hose und die Ärmel der Jacke ins Innere kroch, um dort von mir auf das Allerherzlichste willkommen geheißen zu werden. Und wieder knackte es. Diesmal weiter oben. Die Nase taute wohl an. Plötzlich eine Stimme aus dem Nebel:
„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“
Ich setzte meine Brille ab, welche auf beiden Gläsern randvoll beschlagen war und suchte den Besitzer des Geräusches. Aha. Da stand er. Ungefähr 35 Jahre alt. Allerdings im Körper eines 13jährigen. Lackschuhe. Lackgürtel. Lack im Haar. Ein Lackaffe. Er faltete die kleinen Hände, hüstelte und musterte mich mit eisigem Blick. Ich überlegte, schaute wieder auf die Uhr. Noch 20 Minuten. Wieder raus in die Kälte? Niemals! Jedenfalls nicht vor Ablauf der 20 Minuten. Ich musste improvisieren.
„Ja, schönen guten Tag.“, sagte ich, „ich wollte mich nur mal umschauen. Meine Oma, meine Oma ist nämlich gestorben und hat mir etwas vermacht.“
„Oh,“, sprach der Verkäufer, und sein Gesicht taute ebenfalls dabei merklich auf, „dass tut mir sehr leid …“
„Nein, nein. Es war mehr eine Erlösung“, unterbrach ich ihn, “sie hat in den letzten Jahren doch sehr gelitten. Sie war SPD-Mitglied.“
Das Gesicht des Verkäufers zog sich für einen kurzen Moment zusammen.
Ich öffnete meine Jacke, drehte mich im Kreis, ging auf einen für meine Verhältnisse viel zu großen Wagen zu und streichelte sein auf Hochglanz poliertes, schwarzblitzendes Blech.
„Ein Mercedes SL 600.„, hörte ich ihn reden, „V12-Motor. 517 PS. 14,3 Liter auf 100 Km. 5-Gang-Automatikgetriebe. In 4,6 Sekunden auf 100 Km/h. Höchstgeschwindigkeit 250 Km/h. Innen Holzausführung Pappel Natur glänzend. ESP, ABC und ASR inklusive. Eine gute Wahl.“
Ich beugte mich weit nach vorne und schaute ins Innere.
„Wie viele Ventile sagten Sie?“
„Zwölf. Zwölf Ventile.“
Ich beugte mich noch tiefer und kroch ein Stück hinein.
„Ich sehe aber keine!“
Wieder hüstelte der Verkäufer.
„Dies ist der Kofferraum!“
„Sind Sie sicher?!”, fragte ich um etliche Nuancen erstaunt. Keine Reaktion.
“Er hat einen Heckantrieb?”, fragte ich.
“Ja.”
Wieder ich: „Und wenn ich, also nur mal theoretisch, wenn ich also nur rückwärts fahren würde, dann hat er doch wieder Frontantrieb, oder?”
Der Verkäufer wippte auf den Fußspitzen. Seine Fingerspitzen trommelten Stakkato auf seinen Hosenbeinen.
„Nein”, sprach er, „selbst wenn Sie rückwärts fahren – der Mercedes SL 600 hat einen Heckantrieb!”
Ich: „Ganz sicher?”
Er: „Ich verkaufe seit 8 Jahren Mercedes!”
Ich erhob mich, kletterte in den Fond und nahm auf dem Ledersitz platz. Ich drückte ein paar Knöpfe, ließ das Schiebedach auf und zu gleiten. Auf und zu. Auf und zu. Auf und zu. Minutenlang.
„Wofür steht ABS?“, fragte ich.
„ABC: Active Body Control. Das ist ein elektro-hydraulisches aktives Fahrwerkssystem, das neben der Federungs- und Dämpfungsfunktion eine automatische Niveau-Regulierung während des Fahrens ermöglicht. Dieses hält das Fahrzeug an Vorder- und Hinterachse beim Bremsen, beim Beschleunigen, bei Fahrbahnunebenheiten und in Kurven auf annähernd gleichem Niveau.“, wippte er nervös.
Ich ließ das Schiebdach aufgleiten. Und fragte: „Das hält das Auto immer in Waage?“
Er: „Ja, dass kann man so sagen.“
Ich: „Immer?“ Und ließ das Dach zugleiten.
Er: „Natürlich.“
Ich: „Auch wenn ich mich überschlage?“
„DANN natürlich nicht!“ Er hatte aufgehört zu wippen. Dafür wedelte er nun mit den Armen.
Ich ließ das Dach Dach sein und begann mich im Wagen hin und her zu werfen. Von links nach rechts, von rechts nach links und wieder zurück. Und noch mal. Und noch mal. Der Verkäufer schien erstarrt.
„Wackelt ja doch!“, rief ich aus dem sich aufschaukelnden Fahrzeug.
„Natürlich“, so der Gelackte mit leicht zittriger Stimme, „ABC funktioniert ja auch nur während der Fahrt!“
Ich schaute ihn entsetzt an. Und sagte: „Ich soll mich WÄHREND der Fahrt hin und her werfen?!“
„Nein! Neeeiiin!“, rief er. Unüberhörbar. Und sichtlich entnervt.
Ich schaukelte aus. Stille. Nun vernahm ich die große Uhr an der Wand: Tick-Tack-Tick-Tack. Ich schaute zu ihr auf: Noch 10 Minuten. Und kurbelte ein wenig am Lenkrad herum.
„Und was ist ASR?“, fragte ich.
Er, wieder frostig im Gesicht: „Eine automatische Schlupfregelung.“
Ich blickte ihn mit heruntergezogenen Augenbrauen an. Und fragte: „Gibt es denn hier in der Gegend überhaupt Schlümpfe?“
Nun kombinierte er Wedeln mit Wippen. Und wurde eindeutig lauter: „SCHLUPF! NICHT SCHLÜMPFE! AUTOMATISCHE SCHLUPFREGELUNG!“
Ich beschloss, die Schrauben fester anzuziehen.
„Na hören Sie mal“, rief ich aufgebracht, „ich will ein Auto und keine Brutbatterie!“
Der Verkäufer stand schlagartig still. Er war plötzlich sehr blass. Und flüsterte mit Eis in der Stimme: „Ich sagte Schlupfregelung, nicht Schlüpfregelung! S-C-H-L-U-P-F! Schlupfregelung“
Ich strich mit der flachen Hand über das Armaturenbrett.
Und murmelte: „Pappel. Mm. Ich bin Allergiker.“ Und begann auf der Hupe Strawinsky zu spielen. Also nicht alles. Nur die „Circus-Polka“.
Der Verkäufer ballte seine kleinen Hände zu kleinen Fäusten und schlug sie an den Knöcheln der dünnen Finger zusammen.
Ich schaltete das Radio ein. Sie spielten ABBA. Mal wieder. „Money! Money! Money!“, tönte es aus den Lautsprechern. Ein Blick zur Uhr. 5 Minuten.
„Und was kostet der Wagen?“, fragte ich.
Der Verkäufer: „153.510.- Euro.“
„Und wenn ich zwei nehme?“
Das erste Mal kam so etwas wie ein Leuchten in seine Augen.
„Dann gäbe es natürlich einen großzügigen Rabatt!“, antwortete er, diesmal mit Honig statt Eis in der Stimme.
Ich ließ das Schiebedach ein letztes Mal auf- und zugleiten, stieg aus dem Wagen, knöpfte meine Jacke zu und ging Richtung Tür.
Ich: „Könnten Sie mir vielleicht 10 Euro wechseln?“
Er: „Natürlich.“
Er zog seine Portmonee aus seine Hose, sucht für 10 Euro Kleingeld und reichte es mir.
Ich nahm es und bemerkte mit größter Beiläufigkeit: „Der Busfahrer kann nämlich meistens nicht wechseln.“
Diesmal war es am Verkäufer, seine Brauen zu bewegen. Und zwar noch oben. Und fragte: „Sie fahren mit dem Bus?“
Ich schaute aufs Zifferblatt. Noch eine Minute. Genug Zeit, um den finalen Schlag zu landen. Ich öffnete die Tür. Eiskalte Luft strömte hinein. Und ich hinaus. Ich drehte meinen Kopf, schaute ihm tief in die Augen, und sagte, kurz bevor die Tür ins Schloss fiel:
„Ich habe keine Fahrerlaubnis.“
Zwei Wochen später erfuhr ich, dass der Mann sich freiwillig zur Amerikanischen Armee gemeldet hatte, im Irak von der Al Kaida entführt und in einen saudiarabischen Harem verkauft wurde. Man munkelt, er sei nicht gerade unglücklich darüber gewesen, nur das Sitzen bereite ihm nun immer öfters Schwierigkeiten.
21. Februar 2008 um 22:03
Herzlich gelacht, feiner Text!
Aber: Du bist ne elende Frostbeule
21. Februar 2008 um 22:45
In Saudiarabien herrschen – soweit ich weiss – eigentlich immer angenehme Temperaturen. Also hat es auch was gutes: es werden ihm wohl weitere Aktionen dieser Art erspart bleiben…
..und daß der Hintern brennt….ja mei, das hat es zu Kindeszeiten öfters gegeben ^^
22. Februar 2008 um 10:25
Ausgezeichnet, das Beste was ich an diesem verkorksten Tag bisher lesen durfte. Vielen Dank!
22. Februar 2008 um 14:09
Der beste Text seit langem! Was hab ich gelacht!
23. Februar 2008 um 5:55
DIESER TEXT SCHADET DER TEUTSCHEN WIRTSCHAFT !
Bzw.der teutschen EckKneipe als solcher !
Kioskbetreiber! Vereinigt Euch ! PFUI DEIBEL DAS !
17. Mai 2008 um 14:42
[...] Textspeier machte mit zwei Texten den Anfang. “Der Tag, an dem ich beinahe einen Mercedes SL erstand” oder wie man im Winter einen Autoverkäufer zur Weißglut bringt. Ich weiß nicht, ob [...]
17. Mai 2008 um 16:28
[...] der aus seinen reichhaltigen Archiv einige Kostenproben gab – darunter eine amüsante Story wie er fast einen Mercedes SL erstand und über eine weitere über das Spenden von Körperflüssigkeiten (Mal wieder [...]