Archiv für Februar 2008

On the Rocks (Update)

Mittwoch, 27. Februar 2008

Wer sich nur tapfer und kräftig genug fühlt, um ein Stück weit in der täglichen Newsflut mitzuschwimmen, wird schnell feststellen müssen, dass das, was uns da landauf, landab bis zum Halse steht, viel Unappetitlicher als das sprichwörtliche Wasser ist, und somit an sich nur eine einzige vernünftige Schlussfolgerung zulässt: Die Welt, jedenfalls die unsere, macht dem Universum bereits mehr als nur andeutungsweise eine Koloskopie, soll heißen, sie ist so ziemlich im Arsch. So las ich heute, dass der Hunger in der Dritten Welt enorm ausufern wird, weil des Bedarfes an Biosprit wegen die Lebensmittelpreise explodieren, was zwangsläufig dazu führt, dass mit jedem verfahrenen Kilometer Biosprit die Zahl der Verkehrstoten ansteigen, aber nicht auf unseren Strassen, sondern in Afrika. Auch nahm ich zur Kenntnis, dass sich die ehemals Feldbüschige Verona ungerecht behandelt fühlt, weil gegen ihren Gatten ermittelt wird, der angeblich teure Geschenke an Sparkassenmitarbeiter verteilt haben soll und für seine inzwischen insolvente Unterhaltungselektronik-Firma Kredite in Millionenhöhe erhalten haben soll. Natürlich: Im Zweifel immer für den Angeklagten. Doch sollte ihr Herr Gatte wirklich vor Gericht gestellt und schuldig gesprochen werden, so wird auch Frau „Blub!“ feststellen müssen, dass der Unterschied zwischen Stecher und Bestecher manchmal eben nur die Diagonale eines Plasma-TV-Gerätes misst. Auch die Nachricht, dass ein Slowake seinen Fernseher aus dem fünften Stockwerk warf, worauf dieser natürlich fiel, und zwar einem Kinde auf den Kopf, lässt mein Gesicht nicht vor Lachfalten zerknittern, denn würde die Sitte, bei miesen Programmen sein TV-Gerät aus dem Fenster zu stürzen europaweit hofffähig werden, müssten Ärzte und sonstiges medizinisches Personal an „The Next Uri Geller“-Abenden bis in den frühen Morgen hinein Überstunden schrubben. Allein diese drei Meldungen sind ein informelles Triptychon des Grauens, wie es selbst Hieronymus Bosch nicht schlimmer auf Leinwand bannen hätte können. Ob es allerdings nun schon Torschlusspanik ist, ein Versuch, wenigstens ein einziges Rettungsboot der sinkenden Titanic klar zu machen, weiß ich nicht, aber in Spitzbergen, nur ungefähr 800 Kilometer vom Nordpol entfernt, haben Forscher begonnen, allerlei Samenproben in einer Art Eisbunker einzufrieren, um nach einem kaum noch auszuschließendem Armageddon (Atomkrieg/GAU/FDP), auf unbeschädigtes Saatgut zurückgreifen zu können. Auch wenn ich selbst dieser Welt sicherlich keine Träne nachweinen würde, so gebe ich mich altruistisch und schließe mich dieser Das-Ende-ist-nah!-Aktion handfest an, was aber im Detail bedeutet, dass ich dass Angenehme mit dem Nützlichen verbinden möchte, und noch heute Abend in den Gefrierschrank onanieren werde.

(Dies ist ein Update des Textes vom vorigen Tag, da ich mich an einer Stelle etwas unklar ausgedrückt habe, und gerade dieses “Unklare” macht es doch leider immer wieder möglich, dass einem im Fall der Fälle Aussagen unterstellt werden, die man so nie im Sinn hatte. Überhaupt ist der Umstand, dass Blogger jedes ihrer subjektiven Worte auf die Goldwaage legen müssen, während selbst hochrangige Politiker sich nach ihren verbalen Entgleisungen dadurch ihrer Verantwortung entziehen, da es angeblich “missverstanden” und “aus dem Zusammenhang gerissen” wurde, ein äußerst miserabler. Selbst durchschnittlich begabte Anwälte könnten sich durch Abmahnungen von Politikergeschwafel sicherlich ein durchaus großes finanzielles Polster schaffen.)

Mousse de Hypothalamus

Dienstag, 26. Februar 2008

Golden nenne ich die Zeit, in der mein Briefkasten seinem Namen noch alle Ehre machte und sich nur von freundlichen Briefen und höchst dringenden Telegrammen seinen Schlitz penetrieren ließ. Doch seit der 89er Wende von der Plan- zur planlosen Wirtschaft, da macht er vornehmlich nur noch für Werbeprospekte und andere gedruckte, im Lande der Zwielichtigkeit geborene Angebote die Beine breit. Und wenn denn heute doch noch mal ein Brief um Einlass bittet, so hat dieser zumeist nur Rechnungen oder Mahnungen im Gepäck, was bedeutet, dass, wo man früher der nicht selten mit Herzchen dekorierten Briefumschläge wegen mächtiges Herzklopfen bekam, man nur noch ein der finanziellen Impotenz geschuldetes Herzrasen bekommt. Und zwischen Herzklopfen und Herzrasen liegt ein unwahrscheinlich großes Feld, auf welchem findige Öko-Bauern längst Mistel und Weißdorn zu kultivieren begannen. Handgeschriebene Briefe sind heutzutage gar so selten wie das Nachwachsen von amputierten Raucherbeinen, und sinkende Telefongebühren und Emails für lau sind die Namen der Krankenschwestern, welche den Patienten Brief tot gespritzt haben. Wer heute noch plant, mit Kalligrafie-Kursen seinen Lebensunterhalt verdienen zu wollen, dem sei hiermit gesagt, dass er dann seinen Zweitschlüssel zur Wohnung auch gleich dem Insolvenzverwalter aushändigen kann. Andererseits bin ich aber auch ein klein wenig froh darüber, dass Neffe Nils und Cousine Clara niemals mehr zu Papier und Feder greifen, denn wer wie ich die Pisa-Studie auch nur halbwegs ernst genommen hat, der ahnt zu mindestens, dass das, was ich per Briefboten dann wahrscheinlich zu lesen bekäme, eben nicht zu lesen wäre, da vermutlich in einer Art grob gemeißelter Keilschrift verfasst, mit einer Orthografie und einer Grammatik, deren Geltungsbereich wohl nur im tristen Reich der Fantasie von 12jährigen Hauptschulabbrechern liegen dürfte. In Ausdruck und Rechtschreibung dagegen vollkommen vollkommen, wenn auch leider nur maschinengeschrieben, war jedoch der Brief, den ich vor wenigen Tagen von einem Adressdienst erhielt, und in welchem man mich in höflichem Tone bat, die Daten zu meiner Person doch zu korrigieren bzw. zu vervollständigen, gegebenenfalls zu unterschreiben und “portofrei in beiliegendem Rückumschlag” an diesen Adressdienst zurückzuschicken.
Doch man soll die Morgenpost ja erfahrungsgemäß nicht vor dem Abend des Kleingedruckten loben, denn in diesem kann, wer sich nur darin befleißigt, lesen, dass man mit seiner Unterschrift einen Vertrag eingehen würde, und einem in Folge für einen Eintrag in einem Internetregister “958 Euro zzgl. gesetzlicher MwSt. jährlich berechnet” werden, natürlich “bezahlbar im Voraus“, “Vertragsdauer 2 Jahre, wenn nicht drei Monate vorher …” usw., usw., usw.. Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass es geradezu ein Schnäppchen ist, wenn ich nur grob übern Daumen gepeilte 2200 Euro dafür löhnen brauch, um endlich, ENDLICH in einem Internetregister zu stehen (schon als kleines Kind habe ich Nacht für Nacht davon geträumt!), allerdings nur unter der Vorraussetzung, dass ich demnächst einem unbändigem Drange folgend auf der A4 zu schlafen gedenke, und mir während dieser sicherlich wohlverdienten Ruhe ein holländischer, mit mittelaltem Gouda beladener 20-Tonner über den Schädel donnert, und mir damit sowohl das Groß-, wie auch das Kleinhirn auf Kuchenblechgröße auswalzt. Denn Hirne, die auf Kuchenblechgröße ausgewalzt werden, ähneln ungemein meinem bescheuerten Briefkasten: sie nehmen, da ja nun sicherlich gedankenlos, bedenkenlos alle Scheiße auf.

Schmerz vs. Zukunft

Sonntag, 24. Februar 2008

Ich habe weiß Gott schon Februartage gesehen, an denen die Quecksilbersäule des Außenthermometers selbst am Nachmittag nicht über Minus 15 Grad Celsius stieg und ich meine Tochter auf hölzernem Schlitten durch meterhohe Schneewehen auf die Gipfel der umliegenden Hügel ziehen musste, was mir aber nie mehr einbrachte, als mit Frohsinn getränkte „Schneller!-Schneller!“-Rufe und großflächig über meinen mimosenhaften Körper verteilten Gefrierbrand. Doch am heutigen Februartag zeigte selbiges Thermometer nicht weniger als 16 Grad Plus, was immerhin eine Steigerung um 31 Grad darstellte und somit geradezu förmlich in mir danach schrie, wiederum die bereits erwähnten Hügel versuchen zu erstürmen, allerdings ohne Tochter, ohne Schlitten, sondern mit dem Mountainbike, welches ich mir nach recht schwammigen Körperertüchtigungsvisionen vor knapp zwei Jahren in meinen Keller stellte.
Die Radlerhose kniff, das T-Shirt spannte, die Gattin klopfte fordernd mit der flachen Hand auf den freien Platz an ihrer Seite, doch nichtsdestotrotz ging ich in den Keller um das Rad vom Schlamm des vorjährigen feuchten Herbstes zu befreien, was mir zugegeben auch die Augen feucht werden ließ, da ich mir doch mit jedem einzelnen Hammerschlag die eigene Vergänglichkeit vor Ohren führte, denn schlage ich heute noch den Schlamm vom letzten Jahr vom Rahmen, so wird es doch schon morgen der von diesem Jahre sein! Ein mimosenhafter Körper beinhaltet eben nicht selten auch eine ebenso empfindliche Seele. Und was das nach Umschlingungen flehende Verhalten meiner Gattin betrifft: es ist doch sicherlich damit zu rechnen, dass die Endorphine, die bei einer zweieinhalbstündigen Hatz durch lichtdurchflutete Wälder und Auen im Hirn ausgeschüttet werden, weit mehr an der Zahl sind, als die, die bei einer 120sekündigen ehelichen Kopulation in einem schummrigen, nach verdunsteten Körpersäften müffelnden Schlafzimmer im Schädel randalieren. Auch vermute ich, dass Herzinfarkte weit häufiger innerhalb eines Geschlechtsaktes stattfinden, als während einer Radtour, denn noch kein einziges Mal habe ich gesehen, dass man einen Sarg, auf welchem ein Mountainbike obenauf lag, aus unserem üppigen Mischwald trug. Dagegen sah ich schon öfters ächzende Sargträger aus Häusern meiner Heimatstadt kommen, und auf den Särgen, welchen sie in Richtung Kombi trugen, lehnten dicke Tränen weinende, aber für so einen traurigen Anlass viel zu leicht bekleidete Jungwitwen. Überhaupt sollte man bedenken, dass aus den Kinder, die während einer Radtour nicht gezeugt werden, natürlich später auch keine perspektivlosen, zu Gewalt neigende Jugendliche werden können, was sich kurz und knapp auf die Formel bringen lässt: Das heutige Pedale treten verhindert das Senioren treten von morgen.
Hätte ich dagegen gewusst, wie dermaßen mies ich mich bereits nach nur wenigen Minuten bergauf quälen fühlen würde, ich hätte alles Pro für frühlingshaft bedingte Sportlichkeit mit dem natürlich unsinnigen Hinweis meiner Gattin, dass Rad fahren impotent mache, beiseite gefegt. Denn schlussendlich, ein zeitiges Ableben meiner Selbst vorrausgesetzt: was gehen mich die Rentner von morgen an?!