Archiv für März 2008

Blaues Wunder abgesagt

Samstag, 29. März 2008

Ich denke, dass Geschichten schreiben allemal besser ist, als Geschichte zu schreiben, da die Personen, die Geschichte geschrieben haben, zumeist mehr Blut an ihren Händen hatten als mein Cousin Jürgen, und der ist von Berufes wegen Schlachter und meuchelt somit sozusagen in Akkord.
Natürlich bestätigen auch hier mal wieder die Ausnahmen die Regel, wie beispielsweise Ottomar Heinsius von Mayenburg, der in dem einen oder anderen Lexikon sicherlich vollkommen zurecht seinen sonnigen Platz zugeteilt bekam, weil er schließlich die Zahnpasta in Tuben erfand. Doch, so meine Mutmaßung, hat sich Herr von Mayenburg mit dieser durchaus notwendigen, geschichtsträchtigen Schöpfung keineswegs in der Bekanntheitsscala so weit nach oben gepusht, wie etwa der Karthager Hannibal, der Mongole Dschingis Khan oder der Österreicher Adolf Hitler, und ausnahmslos allein mit schnödem Morden und öder Totschlagerei.
Genaugenommen kennt Herrn Ottomar Heinsius von Mayenburg ja so gut wie keine Sau, als bunter Hund ist er maximal nur tiefgrau, genau wie Alexander Cumming, dabei würden wir ohne Herrn Cumming noch immer dreimal täglich tiefe Löcher graben müssen, da Herr Cummings der Erfinder des Wasserklosetts ist. Die Unbekanntheit dieser großen Geister dürfte freilich damit zusammenhängen, dass die Menschen, die Ihresgleichen mannigfach auf ihrem keineswegs medaillenträchtigen Gewissen haben, uns spätestens seit Guido Knopp weit geschichtsbuchtauglicher erscheinen. Hätte von Meyenburgs Zahnpasta in Tuben indessen bei seiner Einführung in Mitteleuropa so um die 300 Millionen Menschenleben gekostet; Ottomar Heinsius von Mayenburg hätte seinen komplizierten Namen für alle Ewigkeit ins kollektive Bewusstsein der Menschheit gemeißelt. Und Guido Knopp hätte seinen von den Medien verliehenen Pokalen noch zig weitere zufügen dürfen, zum Beispiel für die beiden je 90minütigen Dokumentationen „Mayenburg – Angriff auf Karies“ und „Mayenburg – Verbrechen der Paradentose“. Und wir hätten heutezutage möglicherweise ein Riesenproblem mit den verdammten Neozahnpastisten und deren politischen Gegenspielern ANTIZA, und müssten ein Parteienverbot versuchen zu erwirken, was natürlich nicht einfach sein dürfte, da wir, also der Rechtsstaat, mal wieder viel zu viele V-Leute in der NZPD (Neozahnpastaistische Partei Deutschlands) haben würden.
Massenmörder haben nun einmal einen unwahrscheinlichen Sog auf junge Leute, was ich selbst zahnsteinhart bestätigen kann, da ich, als ich noch junger Leut‘ war, um alles in der Welt „Jack, the Ripper“ werden wollte, aber leider keinen Ausbildungsplatz fand. Nein, da schreibe ich doch lieber Geschichten, wie die, in der ich vor kurzem die beiden Begriffe Smegma und Phlegma verwechselte und somit einem fernen Bekannten hinter seinem Rücken einen smegmatischen Charakter andichtete, worauf seine sozialen Kontakte alsbald abrupt korrodierten, schließlich hat niemand gern einen Mann zum Freunde, dessen Wesensart mit einem weiß-gelben Drüsensekret überzogen ist.
Demgegenüber muss ich aber ehrlicherweise zugeben, dass die Geschichte freilich nun auch keinesfalls so gut gelungen ist, dass man nach mir ein Insekt benennen würde, so wie man es jedenfalls mit Jahrtausendarschloch Adolf Hitler hielt, denn nach diesem wurde ein Käfer benannt, Anophthalmus hitleri heißt das ahnungslose Tier, auch wenn meine Gattin mosert, es trüge doch schon längst ein solches Krabbeltier meinen Namen, oder hätte ich etwa noch nie etwas von einem Mistkäfer gehört.
Diese ehefrauliche Bemerkung führte indes dazu, dass ich die Offerte eines gewissen Herrn Rodrigez, welcher mir in einer Email mit der Betreffzeile „Ficken wie ein Weltmeister“ allerlei angeblich die Männlichkeit steigernde Pillen zum Kaufe feil bot, trotz Frühling eiskalt ignorierte. Schließlich, dass hat sie doch gar nicht verdient.

Das Ruhelos ist eine Niete

Mittwoch, 26. März 2008

Tot sein ist gewiss eine feine Sache, denn nach dem finalen Herzschlag erwartet einen endlich die Ruhe, die einem zu Lebzeiten nie vergönnt war sie zu finden, da, wenn zwischen heimischem Sofa und einer von Schwertransportern missbrauchten Strasse nichts weiter ist als 40 Zentimeter Lehmmauer und etwas Tapete, man sein Leben nicht mehr in Tagen, Wochen und Monaten misst, sondern nur noch in Dezibel.
Auch, dass in wochenendlichen, nachtriefenden Stunden unterhalb meines Schlafzimmerfensters ab und an junge Leute unsicheren Schrittes gen eigene Furzmulle taumeln und dabei lauthals “Deutschland! – Deutschland!” lallen, wirkt auf mein Grundstück nicht unbedingt wertsteigernd und spielt meinem Ruhebedürfnis keinesfalls in die Hände. Und oft auch war ich auch schon versucht, den jungen Leuten mitzuteilen, dass ich, wenn auch nicht mit allen Nachbarn per “Du”, so doch schon eine nicht geringe Anzahl von Jahren in dieser Straße wohnhaft bin, was mich immerhin dazu befähigt zu erklären, dass in dieser Straße keine Familie Deutschland wohnt, und soweit meine Kenntnis reicht, auch noch nie in dieser Straße gewohnt hatte. Allein das ich das Nacktschlafen zum Prinzip erkoren habe, verhinderte meine nächtliche Demonstration geballten Nachbarschaftswissen, denn mit nacktem Geschlechtmerkmal ist man als Respektsperson doch quasi noch nicht geschlechtsreif, als Mannsbild nur Karikatur, und somit jedes Wort nur in den kalten Nachtwind gesprochen.
Dass unsere Wand zur Strasse hin indessen aus Lehm ist, ist natürlich nichts weiter als eine niederträchtige Vermutung, da ich diese Außenwand ja noch nie einer werkstofflichen Untersuchung unterzog, allerdings Rückschlüsse daraus ziehe, dass deren nächsten Verwandten, also die Innenwände, immer kubikmetergroße Löcher aufwiesen, nachdem ich versucht hatte, kleine Löcher für Dübel für noch kleinere Schrauben in diese Wände zu bohren. Und das, was vormals in den kubikmetergroßen Löchern steckte und sich dann zu Füßen meiner Bohrmaschine kniehoch häufte, sei angeblich, so die geballten Fachmeinungen meines Nachbarn und meines Schwiegervaters und eines Herren, der gerade die Gasuhr ablesen kam, eindeutig Lehm. Ich hatte mir bis dahin Lehm immer als eine glitschige, schwer greifbare Masse vorgestellt, also so eine Art Wildecker Herzbuben unter den Baustoffen, aber nicht als trockenen Haufen Staub, der mehr an das erinnert, was man wohl erhalten würde, wenn man Dieter Bohlen’s Epidermis im Gesicht abschleifen tät. Überhaupt habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Lehm, da doch laut christlicher Schöpfungsgeschichte der große Meister da oben den ersten Menschen aus Lehm gemacht haben soll, und mir der Gedanke nicht gefällt, dass ich ein Nachfahre von etwas sei, das beim Bohren eines Loches aus der Wand von Gottes Behausung fiel.
Doch die Stille, die der Tod mit sich bringt, hat einen überaus großen Makel, denn was nützt die wunderbarste, vollkommenste Ruhe, wenn man sie auf Grund der eigenen Abwesenheit nicht genießen kann?! Mein Traum vom Tod sieht infolgedessen vor, alle paar Hundert Jahre aufzuerstehen, um mich wohlig zu strecken und zu rekeln und die unübertreffliche Stille zu hören, zu genießen, und mit Blick auf die Uhr festzustellen, dass man ja noch lange nicht aufstehen muss, weil, die Unendlichkeit ist ja so was von nur lang, und dann schließe ich wiederum meine Augen und ratze gemütlich abermals weg. Dies wäre gewiss eine feine Sache.

Ffft!

Montag, 24. März 2008

Vor einigen Wochen, ich war gerade unterwegs, um mittels meines Verstandes scharfen Schwertes den gordischen Knoten familiärer Probleme zu lösen helfen, fiel mir während der Fahrt in meinem schon vor einem guten Jahrzehnt in die Jahre gekommenen Fiesta ein Werbeplakat ins von stets gleichen Konturen gelangweilte Auge, auf dessen vom Regen und Licht verwaschenem Papier mir in Blockbuchstaben die Botschaft verkündet wurde, das ein Herr Soundso zwar nur 2 Zimmer, aber immerhin 70 Fernsehkanäle hätte. Dies hatte nun zur Folge, dass ich mir, einem fortwährend drohenden Sekundenschlaf zum Trotze, zu zweierlei Punkten begann ein außergewöhnlich fragiles Hirngespinst zu weben.
Da wäre zum einen die Problematik der Verwandtschaft, in die man ja ungefragt hineingeboren wird, um dann Zeit seines Lebens damit beschäftigt zu sein, dieser auf möglichst leisen Sohlen aus dem Wege zu gehen. Denn sobald man vom Blutsbande seiner Nächsten gefesselt ist, bleibt einem zum eigenen Leben, Erleben, zumeist nur noch weit weniger Luft, als man wenigsten brauchen würde, um auf Verwandtschaftsverhältnisse aller Art kräftig einen zu lassen. Nein, man ist, sobald Halbschwester, Dreiviertelbruder, Schwippschwager und Großonkel stiefmütterlicherseits herausbekommen haben, wo man wohnt und wie die dazugehörige Festnetznummer lautet, involviert in private Kleinkriege, Probleme pekuniärer Art, Erbfolgengerangel und ähnlicher, der eigenen Lebensart das Dolce Vita versalzende Angelegenheiten, bis dass der Tod einen gnädig scheidet. Glücklich schätze sich deshalb, wessen Mutter, die einst als Vollwaise und Einzelkind aufwuchs, bei ihrer ersten Geburt verstorben, und wessen unbekannter Vater sich eine Viertelstunde nach Ansetzen des neuen Lebens sich aus dem Staube nach Australien aufmachte, wessen Familie somit nur aus einem selbst besteht. Denn dieser kann beruhigt und vollkommen entspannt auf Arte einen Film seiner engeren Wahl genießen, ohne ständig damit zu rechnen, des Filmes Handlungsstrang in nur wenige Zentimeter lange Stücke reißen zu müssen, weil das Telefon im Minutentakt von buckliger Verwandtschaft geläutet wird. Wem diese Glück indes nicht beschieden ist, der beiße, genau wie ich, in den sauren Apfel des ungeschriebenen Familienzusammenhaltes, was schlussendlich nichts anderes heißt, als: mitgefangen – mitgehangen! Mitglied einer kinderreichen Familie zu sein, ist umhin nichts weiter als eine angeborene Paralyse des Subjekts.
Zum anderen versuchte ich den Gedanken, dass man, sofern man zwei Zimmer, aber dafür 70 Fernsehkanäle sein eigen nennt, auch nur ansatzweise glücklicher sein könne, als jemand, der 70 Zimmer, aber dafür nur zwei Fernsehkanäle hat, auf irgendeine einfache Art und Weise mir verständlich zu machen. Denn beides, 70 Zimmer wie auch 70 Kanäle, sind doch zu nichts weiter nutze, als Dreck und Schmutz in sich zu sammeln, anzuhäufen, deren stummer Aufschrei nach Beseitigung zumeist an der intellektuellen Schwerhörigkeit des Mieters bzw. Pay-TV-Abo-Besitzers scheitert. Ein einziges Zimmer scheint mir dabei die Krönung alles Wohneigentums zu sein, denn nur ein Zimmer zu besitzen, ist als Grund, Verwandtschaft nicht bei sich nächtigen lassen zu müssen, formidabel, dazu ein einziger Fernsehkanal, welcher allerdings nur von 20 Uhr bis Mitternacht sendet, und immer nur Schwarz-Weiß-Filme mit Niveau und darüber.
Und auch , warum die Geschöpfe, die so Großes wie die Akropolis, das Lied „Hotel California“, oder auch das Bild „Der Kuss“ erschufen, sich nur einen Atemzug später totschlagen, sollte Forschungsgegenstand meiner Autofahrt werden, doch kam ich mittig meiner Gedanken an, nahm mein scharf geschliffenes Schwert und schlug erbarmungslos zu. Ffft!