Nase zu und durch!
Wahrscheinlich nur noch wenige Jahre und auch ich werde aus dem bittren Kelche des Alters trinken müssen, gefüllt mit den Ingredienzien des körperlichen und geistigen Verfalles, welche auf die Namen Demenz, Impotenz und Inkontinenz hören. Angesichts des schier Unausweichlichen beruhen all meine Hoffnungen nun darauf, dass, wenn es an mir ist, diesen Kelch bis zur Neige zu leeren, mich doch bitte zunächst Impotenz, dann Inkontinenz und kurz danach auch gleich Demenz befällt, denn wenn ich altersgrau und faltig wie ein Plisseerock feststellen muss, dass ich statt Sex nur noch in die Hose machen kann, dann ist es doch eine außergewöhnlich beruhigende Vorstellung, die feuchten Hosenbeine alsbald vergessen zu können um weiterhin lustig in die letzten Tage hinein zu leben. Großmeister des Vergessens schien auch der überreife Herr, welcher heute in der Discounter-Kassenschlange vor mir und meiner Gattin stand, und einen derben Geruch verströmte, der uns nicht nur gehörig Abstand halten, sondern auch vermuten ließ, dass dieser Herr vergessen hatte sich zu waschen. Und zwar seit 1983. Nun gibt der vorletzte Satz allerdings allerhand Anlass zu mancherlei Missverständnis, denn der Titel “Herr” steht im deutschen Sprachgebrauch ja seit je her für Kavalier und Ehrenmann. Doch Kavaliere, die so riechen, als benützten sie ein Deodorant, hergestellt aus der Feuchte ausgepresster Wolle, welche man in der Leistengegend von Ziegenböcken gewann, und dazu ein Rasierwasser, gemacht aus in Leichenwasser gelösten Harnkristallen, solch Kavaliere haben in den Träumen aller Damen von Welt doch unausgesprochenes Hausverbot. Von solchen Herren lässt sich keine Frau die Tür aufhalten, es halten die Damen die Türe eher zu. Leider galt diese Verhaltensweise wahrscheinlich aus Gründen der Gewinnmaximierung nicht für die Angestellten des Supermarktes, in welchem meine Gattin und ich uns nun im spartanischen Atmen übten, während der Mann vor uns dem Wort von dem Gelde, welches angeblich nicht stinkt, gehörig in die Parade fuhr. Denn inzwischen hatte der menschgewordene Gegenpart zu den Eingangsbereichen von Douglas-Parfümerien die Kasse erreicht und fischte aus einer fast bis zur existenziellen Grenze abgegriffenen Geldbörse einen 100-Euro-Schein, denn er sich, so nahm ich an, wohl an Wasser und Seife abgespart hatte. Und während ich noch darüber nachdachte, in welcher Baumarkt-Abteilung man eventuell das Werkzeug fände, welches vonnöten wäre, um seine ausgefransten, bierdeckelstarken, dunkelgelb gefärbten Fingernägel zu kürzen, begann die in unserer Nähe gerückte Kassiererin im Sekundentakt ihre dünne Nase zu rümpfen und damit in der Luft herumzustochern, scheinbar, um die Quelle des alles überdeckenden Gestankes zu identifizieren. Sie tastete die Schlange vor ihrer Kasse mit ihren kleinen, sich sekündlich weitenden und wieder verengenden Nasenlöchern ab, blieb tatsächlich auch an meiner Person hängen, was ich mit einem kaum merklichen Kopfschütteln und einem stillen Fingerzeig auf meine Gattin quittierte, was diese natürlich sofort bemerkte und mir daraufhin ihren knochigen Ellbogen in die Rippen rannte, worauf ich die Flasche mit Knoblauchdressing fallen ließ, und diese natürlich auf dem Fußboden in Tausend Splitter zerbarst und ihr aromareicher Inhalt sich auf Fliesen, Schuhen und darüber hängenden Hosenbeinenden verteilte. “Bah, stinkt das!”, schimpfte Mr. Mief vor mir und stopfte das Wechselgeld mit seiner Hand, die so aussah, als hätte er damit gerade die Bundesgartenschaugelände der Jahre 2005 und 2006 umgegraben, in die Überreste seines Portemonnaies, verließ den Lebensmittelmarkt und stieg auf dem Parkplatz in einen mit zwei “25 Km/h”-Aufklebern versehenen, zu gut einem Drittel verrotteten Fiat-Panda, um damit in Zeitlupe Richtung Stadtrand, so schien es mir jedenfalls, zu entschweben. “Ach Schatz“, meinte meine Gattin auf dem Nachhauseweg zu mir, während sie sich mit ihrem Nahkampfellbogen bei mir unterzuhaken versuchte, “lass uns doch den blöden Vorfall ganz einfach vergessen“, doch im Geiste, da hatte ich diesen Text ja schon längst geschrieben.
05. März 2008 um 11:28
Kolumnistenschwein,in einem Kommentar lass ich mal folgende Worte von Dir:
“Es ist mir zuwider, über Alles und Jeden nachzudenken zu müssen.”
Ich finde das stellst Du immer wieder eindrucksvoll unter Beweis
05. März 2008 um 11:35
Öhm… “lass” ,wirklich sehr geistreich von mir.
Du setzen müssen “las” ,glaube ich.
05. März 2008 um 15:52
Ich habe ja auch nicht darüber nachgedacht. Ich habe es registriert und aufgeschrieben. Hätte ich darüber nachgedacht, wäre der Text sicherlich länger und vor allem inhaltsvoller.