Gegen den Mostrich gebürstet

In den Märchenfilmen meiner Kindheit wurde das Böse zumeist von erdfarbenen Gnomen, krumm gewachsenen Hexen, schiefmäuligen Riesen und schwarzgewandeten Prinzen mit zusammengewachsenen Augenbrauen verkörpert, wobei Gnomen, Hexen und Riesen außer einem verachtenswerten Charakter noch gemeinsam war, dass in Nähe ihres Wirkungsbereiches kein Zahnarzt zu siedeln schien. Auch Firmen, welche Zahnbürsten oder Zahnpasta und ähnliche der Mundhygiene unter die Arme greifende Hilfsmittel produzierten, fanden den Boden im Märchenland wohl nicht golden genug, um dort ihr doch ansonsten sicherlich sehr einträgliches Handwerk auszuführen. Und die deswegen bräunlichen und außerdem wahrscheinlich vom vielen vor Boshaftigkeit damit knirschen abgenutzten Zahnstumpen der oben benannten Märchenfiguren führten mich zu der frühkindlichen Überlegung, dass vernachlässigte Gebisse nebst zusammengewachsenen Augenbrauen vielleicht so einer Art Kennzeichnungspflicht für verdorbene Wesenszüge geschuldet seien. Je krummer also der Charakter, umso krummer also der Buckel oder die Nase und in dem Guten gegenüber besonders renitenten Fällen gar beides, plus der allen bösen Prinzen eigentümlichen zusammengewachsenen Augenhaartracht. Und natürlich als Blickfang für Charakterstudien nicht zu vergessen die im Munde sicherlich nur noch locker verankerten Ruinen aus sichtbar zerbröseltem Zahnschmelz. Doch diesen Gedankengang verwarf ich allerdings wieder recht schnell, nachdem man mir in Klasse 4 oder 5 einen Lehrer vor die Tafel setzte, der, was sicherlich leider von einem sehr schwachen Charakter zeugte, angeblich ganz furchtbar soff und noch weit furchtbarer herumbrüllte, weil wir Schüler immer nur Bahnhof verstanden und mit seinen gebrüllten Formeln keine Bruchrechnung gebacken bekamen. Jedoch hatte dieser Lehrer gar keine zusammengewachsenen Augenbrauen, ganz im Gegenteil, sie waren schmal und fein geschwungen wie die Schwerter auf der Unterseite von kostspieligem Meissner Porzellan, und seine Zähne sahen permanent aus wie geleckt. Und was seinen Rücken betraf: als hätte er einen der Rohrstöcke verschluckt, die in der modernen Pädagogik vollkommen zu recht nur noch in Museen und staubigen Schulbesenkammern zu finden waren.
Hatten die Märchenfilme meiner Kindheit also gelogen? Gab und gibt es dementsprechend gar keinen Zusammenhang zwischen den inneren viel zu schlechten Werten eines Mitbürgers und der äußerlichen Erscheinung dieses Menschen, was allerdings dann auch Anlass zu der Vermutung gäbe, dass der Goebbels mehr oder weniger zufällig hinkte. Und war also auch Jorges von Burgos Blindheit, trotz seiner literarisch festgeschriebenen wie ebenso bewiesenen Niedertracht, nur eine weitere miese Laune der Natur? Dies würde auch erklären, warum ich, obwohl Hass und Neid in mir laut Selbstdiagnose nur in homöopathischen Dosen vorhanden, dennoch gehohlkreuzigt und bucklig durch die holprigen Gassen meines Lebens gehen muss. Und außerdem, warum die Mitmenschen, die ihren Kollegen Senf auf den Stuhl streichen, weil sie vielleicht glauben, sich mit diesem bis dato unerreichten Nonplusultra des menschlichen Humors ins kollektive Gedächtnis der Menschheit einzubrennen, nicht halbseitig gelähmt sind und nicht mindestens viertelstündlich von epileptischen Anfällen durchgerüttelt werden. Doch diesen senfstreichenden Menschen sei hiermit gesagt: eingebrannt haben sich zu allen Zeiten doch nur Jene, die ihren Senf gekonnt verbal oder in Schriftform verkleckerten. Wer aber Senf auf Stühle streicht ist dumm und wird dereinst die ungepflegteste Grabstelle haben.

5 Antworten zu “Gegen den Mostrich gebürstet”

  1. spill sagt:

    “Senfstreicher”.
    Das ist ein wahres Wahrwort.
    Bezeichnenderweise sind solche öh Menschen MayonaisehirnBesitzer.

  2. Jeyops sagt:

    Jetzt würde mich ja interessieren, was zur Hölle ein “Wahrwort” sein soll…

    Aber, dass solche Märchen nicht ohne sind, ist schon längst klar. Wiedereinmal muss ich hier auf Joint Venture verweisen:
    “Allein im Wald gelassen, von Eltern die dich hassen.
    Da wird Kindern suggeriert, das sowas andauernd passiert,
    die Große die sind Groß, und die sind Gewissenlos

    Ich wurd damit erzogen…. heute nehm ich Drogen”

    Kann diese ganze Dualität der Weltsicht ohnehin nicht gutheißen… gibt nunmal mehr als nur Gut und Böse.

  3. mone sagt:

    sehr schön gemacht :)

  4. spill sagt:

    Ein Wahrwort ist zB “Schnaise”.
    Oder “Blus’n auf!”.
    Besondere Wahrwörter finden sich in BankBilanzen selbstverständlich.
    Und ganz besonders in geschwärzten Textpassagen von Beiträgen hier.

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    Es gibt keine geschwärzten Textpassagen hier. Allerhöchstens anschwärzende.