Akte X

Gesundheitszustand ist sicherlich nicht die vollkommen perfekte Umschreibung für meine momentane körperlicher Verfassung, denn wäre die Gesundheit für diesen miserablen Status quo auf zwei Beinen zuständig, somit also auch verantwortlich, sie hätte sich wegen Vernachlässigung ihrer selbst in meinem Fleische schuldig gemacht. Da wären zum einen die Schwülste, die unübersehbar bleiern übern Gürtel hängen und mir das morgendliche Stiefel schnüren zu meiner persönlichen Via Dolorosa werden lassen. Zum weiteren meine Kurzatmigkeit, welche mich schon nach 3 Treppenstufen keuchen lässt wie eine Dampflok auf eingefetteten Schienen am Hange des großen Watzmann, mich aber allem Anschein nach dazu befähigt, innerhalb von nur wenigen Sekunden ganze Säle vollständig leer zu atmen. (Wobei der diagnostischen Korrektheit wegen erwähnt sei, dass die drei, mich der Atemluft beraubenden Treppenstufen, mich keineswegs treppauf, sondern treppab führten!) Des weiteren wären da die Angina-pectoris-Anfälle, die, sobald sie sich in aller Öffentlichkeit publikumswirksam in Szene setzen, mir alle örtlichen Schreinermeister mit Zollstock und Notizblock in den Händen hinterdrein schleichen und auf eine alsbald zu erwartendende Steigerung ihres Umsatzes hoffen lassen. Und wären meine Augen nicht schon ansatzweise durch die Altersplagen Grauer Star und Diabetes getrübt, ich würde schwören können, dass die Raben, die in winterlicher grauer Eisesluft über meinem Alterswohnsitz kreisen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gar keine Raben sind, sondern Aasgeier, mit einer feinen Nase für mit einem Bein bereits im Gammel stehenden Fleisches kurz vorm Lebensverfallsdatum.

Bis dato hatte ich Alter ja immer so definiert, dass die Liste derer, mit denen man sich gerne um den Verstand vögeln möchte, zwar tagtäglich immer länger, die Liste derer aber indessen, mit denen dieses aus rein körperlichen Abnutzungserscheinungen überhaupt noch machbar sei, immer kürzer wird. Was insofern aber nicht weiter tragisch ist, da Sex ja bekanntlich im Kopfe stattfindet. Und diese Vergeistigung des Sexuallebens beleuchtet höchst interessante, ansonsten durchweg im Dunkel liegende Aspekte unserer Zwischenmenschlichkeit, wie zum Beispiel die Frage, ob im Reiche der Fantasie eine Tube Gleitcreme eigentlich noch vonnöten sei, wenn doch allein die Gedanken noch jugendlich frisch flutschen und infolgedessen die Reibungsverluste in den des Alters wegen der Trockenheit anheim gefallenen Körperregionen quasi eine Null tangieren. Doch, die kurzen Abschweifungen ins Reich der Sinne mal vergessen machen, in Bezug auf diverse Altersschwächen war in meinen Zukunftsplanungen von Schmerzen nie die Rede. Natürlich lässt sich nicht ignorieren, dass sich zwischen Fettleibig- und Kurzatmigkeit, zwischen Angina pectoris und einem Lebensalter im Grenzbereich zwischen 40 bis Unverschämt, sich sicherlich so manch stabiles Beziehungskonstrukt herstellen ließe. Doch es sind weder die unattraktive Unförmigkeit des Leibes, noch die ständige Hyperventilation der Lunge, welche einen in die weiten, kostspieligen Arme des Gesundheitswesens treiben, denn wenn der Sex sowieso nur noch im Kopf stattfindet, ist Äußerliches auf der Liste des Wünschenswerten doch längst in unbeachtete Tiefen gerutscht. Nein, es sind die körperlichen Schmerzen, welche damit einher kommen und volkstümlich als die Indikatoren einer falschen Lebensweise gelten. Doch gesund zu leben ist eben nicht gänzlich so einfach, wie man nur allzu leicht durch falsches Essen schwer wird. Denn hört man in letzter Zeit auch viel an rügenden Worten in Richtung des totalen Überwachungsstaates, so sind die kritischen Wortmeldungen zu den allerorten in Gaststätten und Einkaufsmärkten präsenten Fettaugen allerdings doch reichlich dünn gesät. Dabei gehört doch gerade das Fett, in enger Kumpanei mit dem Zucker und dem Alkohol, zu den Protagonisten allerlei dunkelster Krankengeschichten. Denn nimmt man permanent von diesen drei Lebenswertmitteln mehr als nur genug zu sich, so wird man zu voluminös, um Sport treiben zu können, was wiederum dazu führt, dass man noch voluminöser wird, um dementsprechend noch weniger Sport zu treiben – ein Kreislauf, aus dem auszubrechen, mir der abgrundtiefe Hass auf Völlerei und somit das moralische Brecheisen fehlen. Was nun, auf die Allgemeinheit bezogen, dazu führt, dass die Wartezimmer unserer Hausärzte weitaus voller sind, als Fitnesscenter und Ernährungsberatungspraxen zusammen. Auch wenn diese Annahme natürlich nur hypothetisch ist, denn ich meide schweißmiefende Sportstudios und klapperdürre Müslimentoren wie die Mitglieder der Taliban die Zeitschrift EMMA, was zugegebenermaßen meine waschbrettbauchharte Theorie in Bezug auf die Fülle von Fitnesscentern und Ernährungsberatungspraxen dotterweich aussehen lässt.

Doch da es nicht nur meinen Hypothesen an der notwendigen Robustheit fehlt, sondern auch, wie man diesem Text wohl unschwer entnehmen kann, auch meiner Gesundheit, diese gar nicht nur als anfällig, sondern als besonders hinfällig charakterisiert werden muss, bin auch ich Besitzer eines Dauerabonnements auf einen der weißen Kunststoffsessel im Wartezimmer der Frau Dr. med. M.. Und da es außerdem nie meine Art war, um den heißen Brei meines gesundheitlichen Zustandes zu schleichen, gab ich Frau Dr. med. M. beim letzten Besuch ihrer Sprechstunde auf ihre berufsbedingte Frage, was mich denn mal wieder zu ihr führe, die Antwort: „Frau Doktor, ich werde sterben!“.
Frau Dr. med. M. ließ ihren Füller zu Papier sinken, schaute vom Papier zu mir auf, nahm den Füller wieder zur Hand, tippte sich damit in kurzen Abständen ans Kinn und fragte, wie ich denn um Gottes Willen nur darauf käme.
„Ich habe da immer so einen stechenden Schmerz in der Brust!“, erwiderte ich. Und tippte gleichfalls mit meinem Finger, wenn auch nicht an das Kinn von Frau Dr. med. M., sondern in die ungefähre Mitte meiner nicht vorhandenen Brustmuskulatur.
„Dann machen Sie mal ihr Hemd hoch!“, so Frau Dr. med. M..
Ich war erstaunt. Sollte es tatsächlich so einfach sein? Die Frage, die Tausende und Abertausende nach Unsterblichkeit dürstende Menschen zu allen Zeiten verzweifeln ließ, so minimalistisch und doch so ungemein wirkungsvoll beantwortet?! Das Geheimnis des Ewigen Lebens – nun so offen wie die Karstadt-Filialen an den Adventssonntagen?!
„Frau Doktor“, so begann ich, „meinen Sie wirklich, wenn man das Hemd hoch macht, dann stirbt man nicht?!“
Frau Dr. med. M. legt den Stift beiseite und ihre Stirn in Falten. „Quatsch, ich will Sie nur abhorchen!“
Und so schnell, wie sich die Hoffnung in mir per Luftsprung freudig ihrer selbst bestätigte, so schnell fiel sie auch wieder in das schwarze, bodenlose Loch mit dem Doppelnamen Selbstaufgabe-Pessimismus, an dessen Tiefe ich tagtäglich grub. Schließlich bin ich als Ostgeborener ziemlich mimosenhaft, wenn es gilt mich abzuhorchen. Gebranntes Kind scheut halt das Feuer und Stethoskope sind im ehemaligen Ostblock nicht nur einerseits als die Insignien der Halbgötter in Weiß geachtet, sondern desgleichen auch als Werkzeug staatstreuer Lauscher und Denunzianten verachtet worden. Wenngleich es natürlich schon einen Unterschied macht, ob ein Arzt mit diesem Gerät die Geräusche zwischen Hals und Arsch deuten, oder ein Spitzel die so lala und in voller Absichtslosigkeit dahin geplapperten Gedanken des Bürgers von nebenan protokollieren will. Stethoskope und die Beschäftigten der stoffbeutelproduzierenden Industrie sind im Osten nun einmal die Verlierer der Wende. Und selbst wenn meine Ärztin das Stethoskop vor dessen Gebrauch durch Reiben an ihrem Kittel gründlichst erwärmt, da ich, nachdem das kühle Eisen meine empfindliche Haut in der Vergangenheit schon des öfteren ohne Vorwarnung erreichte, für Stunden in Ohnmacht fiel: es gibt in mir reinweg nichts mehr zu erhorchen. Schließlich gehört zu den am meisten von mir immer wieder und wieder gelesenen Büchern das „Lexikon Medizin und Gesundheit“ von Prof. Dr. med. J.P. Schadè. Und laut diesem bin ich, wenn man die Summe all meiner Krankheiten zusammenzählt, und ich bin einfach viel zu sehr Realist, um davor die altersschwachen Augen zu verschließen, schon seit 22 Jahren tot. Und wo das Leben längst aus dem gemartertem Leib geflohen ist, da macht kein Organ mehr Lärm, da ist kein Blubbern und Pochen, kein Gluckern und kein schschsch, da ist nur die Stille, die man allenfalls im Inneren des Mondes vermutet. Und wenn ich zu Frau Dr. med. M. sage, dass ich vermutlich sterben werde, obwohl ich doch weiß, dass ich es ja eigentlich schon lange bin, dann nur, weil ich so höflich bin und die Frau Doktor nicht mit meinem angelesenen Medizinstudium in ihrer Berufsehre kränken will. Denn Blutarmut ist keine Schande. Taktlosigkeit dagegen schon.

18 Antworten zu “Akte X”

  1. Jeyops sagt:

    Hilfe! Ich lese tote Menschen!

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    Ich habe von Leuten gehört, die machen mit toten Menschen weit beanstandungsfähigere Sachen. In soweit kannst Du ruhigen Gewissens weiter lesen.

  3. spill sagt:

    Totsein ist doch prima.
    So Tote scheinen m.E. eher sehr gesund zu sein, durchweg.
    Ich mein ich kenne keinen einzigen Toten der Diabetes-Angina-Pectoris-Durchfall etc. hat. Insofern.

  4. Kolumnistenschwein sagt:

    Es gibt eine Theorie, wonach der Zustand vor der Geburt dem Zustand nach dem Tode äquivalent sein soll, es sich aber noch nie einer über die Zeit vor der Geburt beschwert habe. Lange glaubte ich, ich hätte diese Theorie aufgestellt, musste dann aber leider feststellen, dass dieser Gedankengang schon um die 1700 (?) von einem Herrn, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, zu Papier gebracht wurde. Fuck!!!

  5. Jochen Hoff sagt:

    Natürlich bist du seit 22 Jahren tot. Na und. Es weiß außer dir doch keiner. Solange du keine Todesanzeigen aufgibst. Kannst du noch lange so tot sein. Die schreinernden Geier, die mit dem Sarg zur Anprobe hinter dir hasten, wirst du alle überleben. Mögen sie noch so gesund sein. Der Sarg ist schwer und da sie immer zwei zu Auswahl bei sich führen, bist du sogar schneller als sie. Wobei Schnelligkeit relativ ist.

    Auf ein schönes Leben so lange nach deinem Tod. Vielleicht solltest du noch eine Religion gründen. Die des dicken Gottes habe ich schon für mich reserviert. Die Vestalinnen des dicken Gottes sind auch meine. Von wegen Sex finden nur im Kopf statt. Gott sein ist übrigens schön.

  6. Flyer sagt:

    Hmm, kann es denn sein, daß du seit 22 Jahren verheiratet bist? Dann ists natürlich klar, daß du tot bist… ^^

  7. Kolumnistenschwein sagt:

    @Jochen Hoff
    Blogger sind allesamt Plapperer und behalten nichts für sich; geistige Inkontinenz sozusagen. Aber halb so wild, da es angesichts der Sterblichkeit nicht weiter ins Gewicht fällt. Schließlich sterben ja auch Nichtblogger. Soviel zur Geheimhaltung meines Ablebens. Und als Religionsgründer tauge nicht, ich bin so ein schlechter Lügner.
    @Flyer
    Eine Ehe bringt doch nicht um. Sie erweckt viel mehr eine unbändige Widerstandskraft.

  8. spill sagt:

    Auch noch Inkontinenz hier. Pfui Deibel !!!

    (Spontan eine Lebensversicherung abgeschlossen wg.diesen ganzen inkontinenten Untoten hier. Prima ist, – wenn man tot ist macht man echt Kasse ey)

  9. Kolumnistenschwein sagt:

    Irrtum. Tote machen keine Kasse – mit Toten wird Kasse gemacht. Empfehle deshalb Devotionalienhandel.

  10. spill sagt:

    Genau. Aber dieser Handel damit bedingt absolut eine Kapelle, so spontanerrichtet. http://www.weissenstein.it
    Dann funzt das auch mit diesem ZusatzZeuch.
    (wir kauften da HirtenNudelnKnödelsuppe)

    Hirtennudeln
    Schnitzel mit Pilzen,
    Kroketten und gekochtem Gemüse
    Apfelstrudel
    19,00 Euro

  11. Jeyops sagt:

    Nur weil du ein schlechter Lügner bist, sollst du unfähig sein, eine Religion zu Gründen? Du kennst den Schwachsinn, den die “Bibel” von Scientologie beinhaltet, erzähl nicht, das bekämst du nicht auch hin!

  12. Kolumnistenschwein sagt:

    Nein, ich kenne diesen Schwachsinn nicht. Jedenfalls nicht on Detail. Und das mit dem schlechten Lügner ist sicherlich untertrieben, denn zum Lügen braucht man Fantasie, und an der mangelt es mir glaube nicht gerade. Doch jede aufgedeckte Lüge bringt Probleme und darauf habe ich keinen Bock. Jedenfalls meistens;-)

  13. spill sagt:

    Also hier im der Lagerhalle eines namhaften Zulieferbetriebes hat es haufenweise Hochstapler.
    Die fahren, ungelogen, – sogar GABELSTABLER !!!
    Denen glaube ich kein Wort, echtma.

  14. Mike sagt:

    Gestern Abend traf ich meinen Zahnarzt und meinen Chiropraktiker beim Einkaufen, und sah das mein Zahnarzt 2 Kilo Süssigkeiten einkaufte und mein Chiropraktiker 2 Liter Vodka hatte, das mindert nun mein Vertrauen in die Halbgötter in weis im Allgemeinen schon ein bischen, da glaub ich dann schon eher deinen lügen, da weiss ich zumindest das du mich anlügst.
    Greetz Mike

  15. Kolumnistenschwein sagt:

    Ich lüge Dich nicht an. Ich fantasiere Dich an.

  16. Anna sagt:

    Sex findet im Kopf statt. Das hätte man mir mal vorher sagen können!

  17. Kolumnistenschwein sagt:

    “Sex findet im Kopf statt.” Manchmal schon ;-)

  18. spill sagt:

    Ja genau.
    In “Das Boot” von dem Buchheim(RIP) gibt es diesbezüglich eine Passage, like:
    Matrose im Bordell.
    Sonderwunsch.
    Die Dame sagt “Vögeln? Ist doch langweilig.Bei mir kannst’de ÄUGELN Süßer!”
    Und nimmt kopfhinhaltig ihr Glasauge heraus.
    (so sinngemäß)