Ffft!
Vor einigen Wochen, ich war gerade unterwegs, um mittels meines Verstandes scharfen Schwertes den gordischen Knoten familiärer Probleme zu lösen helfen, fiel mir während der Fahrt in meinem schon vor einem guten Jahrzehnt in die Jahre gekommenen Fiesta ein Werbeplakat ins von stets gleichen Konturen gelangweilte Auge, auf dessen vom Regen und Licht verwaschenem Papier mir in Blockbuchstaben die Botschaft verkündet wurde, das ein Herr Soundso zwar nur 2 Zimmer, aber immerhin 70 Fernsehkanäle hätte. Dies hatte nun zur Folge, dass ich mir, einem fortwährend drohenden Sekundenschlaf zum Trotze, zu zweierlei Punkten begann ein außergewöhnlich fragiles Hirngespinst zu weben.
Da wäre zum einen die Problematik der Verwandtschaft, in die man ja ungefragt hineingeboren wird, um dann Zeit seines Lebens damit beschäftigt zu sein, dieser auf möglichst leisen Sohlen aus dem Wege zu gehen. Denn sobald man vom Blutsbande seiner Nächsten gefesselt ist, bleibt einem zum eigenen Leben, Erleben, zumeist nur noch weit weniger Luft, als man wenigsten brauchen würde, um auf Verwandtschaftsverhältnisse aller Art kräftig einen zu lassen. Nein, man ist, sobald Halbschwester, Dreiviertelbruder, Schwippschwager und Großonkel stiefmütterlicherseits herausbekommen haben, wo man wohnt und wie die dazugehörige Festnetznummer lautet, involviert in private Kleinkriege, Probleme pekuniärer Art, Erbfolgengerangel und ähnlicher, der eigenen Lebensart das Dolce Vita versalzende Angelegenheiten, bis dass der Tod einen gnädig scheidet. Glücklich schätze sich deshalb, wessen Mutter, die einst als Vollwaise und Einzelkind aufwuchs, bei ihrer ersten Geburt verstorben, und wessen unbekannter Vater sich eine Viertelstunde nach Ansetzen des neuen Lebens sich aus dem Staube nach Australien aufmachte, wessen Familie somit nur aus einem selbst besteht. Denn dieser kann beruhigt und vollkommen entspannt auf Arte einen Film seiner engeren Wahl genießen, ohne ständig damit zu rechnen, des Filmes Handlungsstrang in nur wenige Zentimeter lange Stücke reißen zu müssen, weil das Telefon im Minutentakt von buckliger Verwandtschaft geläutet wird. Wem diese Glück indes nicht beschieden ist, der beiße, genau wie ich, in den sauren Apfel des ungeschriebenen Familienzusammenhaltes, was schlussendlich nichts anderes heißt, als: mitgefangen – mitgehangen! Mitglied einer kinderreichen Familie zu sein, ist umhin nichts weiter als eine angeborene Paralyse des Subjekts.
Zum anderen versuchte ich den Gedanken, dass man, sofern man zwei Zimmer, aber dafür 70 Fernsehkanäle sein eigen nennt, auch nur ansatzweise glücklicher sein könne, als jemand, der 70 Zimmer, aber dafür nur zwei Fernsehkanäle hat, auf irgendeine einfache Art und Weise mir verständlich zu machen. Denn beides, 70 Zimmer wie auch 70 Kanäle, sind doch zu nichts weiter nutze, als Dreck und Schmutz in sich zu sammeln, anzuhäufen, deren stummer Aufschrei nach Beseitigung zumeist an der intellektuellen Schwerhörigkeit des Mieters bzw. Pay-TV-Abo-Besitzers scheitert. Ein einziges Zimmer scheint mir dabei die Krönung alles Wohneigentums zu sein, denn nur ein Zimmer zu besitzen, ist als Grund, Verwandtschaft nicht bei sich nächtigen lassen zu müssen, formidabel, dazu ein einziger Fernsehkanal, welcher allerdings nur von 20 Uhr bis Mitternacht sendet, und immer nur Schwarz-Weiß-Filme mit Niveau und darüber.
Und auch , warum die Geschöpfe, die so Großes wie die Akropolis, das Lied „Hotel California“, oder auch das Bild „Der Kuss“ erschufen, sich nur einen Atemzug später totschlagen, sollte Forschungsgegenstand meiner Autofahrt werden, doch kam ich mittig meiner Gedanken an, nahm mein scharf geschliffenes Schwert und schlug erbarmungslos zu. Ffft!
24. März 2008 um 13:25
“Mitglied einer kinderreichen Familie zu sein, ist umhin nichts weiter als eine angeborene Paralyse des Subjekts” – Ich glückliches Einzelkind! In diesem Zusammenhang hat es mir die Familie meiner “Jugendliebe” vorgemacht: Alle waren ein glückliches Konglomerat aus Brüdern, Schwestern, Müttern und Väter – und Omas natürlich. Aus Verlierern und vermeintlichen Gewinnertypen. So kam es, daß – wie ja jeder in seinem Leben sein eigener Geschichtenerzähler ist – der eine sich als “besser” ansah als der andere. Wie gerne urteilt man über andere! Auch die in der Familie. Bloß wird auch dort nicht mit offenen Karten gespielt, sondern hinter Rücken diskutiert… Irgendwann, wenn mal endlich alle wieder gemütlich besoffen sind, kommt ein Wort, was den Damm bricht und die halbjährliche Familientragödie bricht aus. Das einzig Schlimme an Familien ist, daß man gerade hier viel mehr entfremdet ist als sonstwo: “Ich bin Dein Vater, also muß ich mir Sorgen um Dich machen…” – es MUSS sich eingemischt werden…
Ich danke Gott (der ist tot!) dafür, daß sich das Interesse meiner Familie an meinem Leben in engen Grenzen hält!
Grüße ausm Nachbardorf!
EH
24. März 2008 um 15:11
Nunja, Freunde kann man sich aussuchen – Famillie hat man.
Jedoch genießt man einen recht ruhiges Dasein, wenn man in eben jener Famillie ohnehin überall als schwarzes (ha!) Schaf geächtet und gemieden wird… Herrlich!
24. März 2008 um 16:22
@eccoHomo
Gleichfalls Grüße. Habe mir letztens um Euer Dorf große Sorgen gemacht, da Euch ja beim Faust II die Leute aus dem Theater geflohen sein sollen. Braucht Ihr Hilfe? Wenn ja: ich bin NICHT Zuhause!
@Jeyops
Herrlich!
24. März 2008 um 19:21
Die Tatsache alleine,als “schwarzes Schaf” erkannt zu sein,reicht aber für eine lebenslange Immunität nicht aus.
24. März 2008 um 19:59
Man muss halt des öfteren nachfärben!
25. März 2008 um 17:29
Das Gesicht zur Faust (II) geballt! Jaja, ich habe gelegentlich die Freude, mit der Pressesprecherin vom DNT (saumäßig nett) zu reden… Über Faust II weiß ich nur, daß sie vor Streß einen Termin bei uns absagen mußte…
Es geht nur um Pimmelmänner hab ich gehört!
Und was das Nachfärben betrifft: Die meisten Leute bemerken, wenn man nur gleichmütig genug ist, daß sie einem den Buckel runterrutschen können…
)
25. März 2008 um 18:05
Pimmelmänner? Kein Wunder, dass meine Olle unbedingt hinein will …
25. März 2008 um 18:19
*lach*
http://www.netzeitung.de/feuilleton/944657.html
Wahrscheinlich war die rausrennende Hälfte Kerle…
02. April 2008 um 0:59
Ja soll man jetzt diese Faust(IIIV)-Inszenierung absagen oderwas?
Nur weil da, so angedacht jedenphalls,- lauter Nackiche ‘rumrennen?