Das Ruhelos ist eine Niete
Tot sein ist gewiss eine feine Sache, denn nach dem finalen Herzschlag erwartet einen endlich die Ruhe, die einem zu Lebzeiten nie vergönnt war sie zu finden, da, wenn zwischen heimischem Sofa und einer von Schwertransportern missbrauchten Strasse nichts weiter ist als 40 Zentimeter Lehmmauer und etwas Tapete, man sein Leben nicht mehr in Tagen, Wochen und Monaten misst, sondern nur noch in Dezibel.
Auch, dass in wochenendlichen, nachtriefenden Stunden unterhalb meines Schlafzimmerfensters ab und an junge Leute unsicheren Schrittes gen eigene Furzmulle taumeln und dabei lauthals “Deutschland! – Deutschland!” lallen, wirkt auf mein Grundstück nicht unbedingt wertsteigernd und spielt meinem Ruhebedürfnis keinesfalls in die Hände. Und oft auch war ich auch schon versucht, den jungen Leuten mitzuteilen, dass ich, wenn auch nicht mit allen Nachbarn per “Du”, so doch schon eine nicht geringe Anzahl von Jahren in dieser Straße wohnhaft bin, was mich immerhin dazu befähigt zu erklären, dass in dieser Straße keine Familie Deutschland wohnt, und soweit meine Kenntnis reicht, auch noch nie in dieser Straße gewohnt hatte. Allein das ich das Nacktschlafen zum Prinzip erkoren habe, verhinderte meine nächtliche Demonstration geballten Nachbarschaftswissen, denn mit nacktem Geschlechtmerkmal ist man als Respektsperson doch quasi noch nicht geschlechtsreif, als Mannsbild nur Karikatur, und somit jedes Wort nur in den kalten Nachtwind gesprochen.
Dass unsere Wand zur Strasse hin indessen aus Lehm ist, ist natürlich nichts weiter als eine niederträchtige Vermutung, da ich diese Außenwand ja noch nie einer werkstofflichen Untersuchung unterzog, allerdings Rückschlüsse daraus ziehe, dass deren nächsten Verwandten, also die Innenwände, immer kubikmetergroße Löcher aufwiesen, nachdem ich versucht hatte, kleine Löcher für Dübel für noch kleinere Schrauben in diese Wände zu bohren. Und das, was vormals in den kubikmetergroßen Löchern steckte und sich dann zu Füßen meiner Bohrmaschine kniehoch häufte, sei angeblich, so die geballten Fachmeinungen meines Nachbarn und meines Schwiegervaters und eines Herren, der gerade die Gasuhr ablesen kam, eindeutig Lehm. Ich hatte mir bis dahin Lehm immer als eine glitschige, schwer greifbare Masse vorgestellt, also so eine Art Wildecker Herzbuben unter den Baustoffen, aber nicht als trockenen Haufen Staub, der mehr an das erinnert, was man wohl erhalten würde, wenn man Dieter Bohlen’s Epidermis im Gesicht abschleifen tät. Überhaupt habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Lehm, da doch laut christlicher Schöpfungsgeschichte der große Meister da oben den ersten Menschen aus Lehm gemacht haben soll, und mir der Gedanke nicht gefällt, dass ich ein Nachfahre von etwas sei, das beim Bohren eines Loches aus der Wand von Gottes Behausung fiel.
Doch die Stille, die der Tod mit sich bringt, hat einen überaus großen Makel, denn was nützt die wunderbarste, vollkommenste Ruhe, wenn man sie auf Grund der eigenen Abwesenheit nicht genießen kann?! Mein Traum vom Tod sieht infolgedessen vor, alle paar Hundert Jahre aufzuerstehen, um mich wohlig zu strecken und zu rekeln und die unübertreffliche Stille zu hören, zu genießen, und mit Blick auf die Uhr festzustellen, dass man ja noch lange nicht aufstehen muss, weil, die Unendlichkeit ist ja so was von nur lang, und dann schließe ich wiederum meine Augen und ratze gemütlich abermals weg. Dies wäre gewiss eine feine Sache.
26. März 2008 um 21:12
Hat sich was mit Ruhe. Natürlich ist so eine Unendlichkeit ziemlich lang, aber sie wird ständig in endliche Zeitabschnitte durchbrochen. Engel Margarete kommt regelmäßig wie ein mittelmäßiger Tornado um die frohe Botschaft zu verkünden das, man noch eine oder gar mehrere Unendlichkeiten vor sich habe, nun aber zuerst einmal der Enddarm gereinigt werden müsse und der Schorf vom Wundliegen vom Hintern zu kratzen sei, was zum manch vergnüglicher Unendlichkeitsunterbrechung führt.
Dazu kommt der neckische Erzengel Hartmuth der immer säuselnd wissen will wie denn Stimmung sei und ob das kleine Köpfchen auch keinen Schaden genommen habe. Die Engelhelferin Juliane ist im ersten Leerjahr und muss das Geschlechtsteile waschen noch üben. Frag nicht bei wem. Dann kommen die großen Tests um beim Ende der Unendlichkeit die neue Bestimmung festzulegen. Also mit Schlaf ist da wirklich nicht viel.
Freu dich an der Lehmwand, dann erstickst du wenigstens erst im Schlaf bevor dich der 40-Tonner überrollt, während sein Fahrer noch Deutschland lallt. Aber schlaf hier was du schlafen kannst. Hier versäumst du nicht viel. Sag mal ehrlich, wäre dein Leben wirklich schlechter wenn du Schröder und Merkel nicht erlebt hättest?
27. März 2008 um 10:23
Sei beruhigt, lieber Textspeier, in 20 Jahren lallen die Leute hinter der Lehmmauer nicht mehr “Deutschland”, sondern “China”. Ob du dann aber besser schlafen könntest?
27. März 2008 um 11:51
Zudem, Deinen Musikgeschmack mit einbeziehend, wirst Du die endliche Unendlichkeit ja vermutlich in Walhalla verbringen, und hier Met trinkend, Wildschweinbraten schmausend auf Ragnarök warten. Hat sich also was mit Ruhe. Hat aber zumindest ein Ende!
27. März 2008 um 15:46
@Jochen
Spielverderber!
@Frankie
Nein.
@mischaelloe
Die Hoffnung stirbt zuletzt!
27. März 2008 um 18:37
Na klasse, da hast du mal wieder das große Los gezogen. Gratuliere !
28. März 2008 um 16:44
Trotzdem Glückwunsch für Frau und Schwiegervater.
Lehm ist doch der älteste Baustoff und älter als Porzellan aus Weimar.
Derobige
28. März 2008 um 16:48
Danke, richte ich aus. (Lehm ist sogar älter als Frau und Schwiegervater! Und das will doch was heißen!)
31. März 2008 um 3:59
Habe mir heute ein RubbelLos gekauft und 2€ gewonnen !
Yeehaa that !
Das entspricht einem Gewinn von ca.100% ey !!