Wenn von Fünf Sternen nur Zweieinhalb übrig bleiben
(Achtung – Update! Jetzt mit alternativem Ende!)
Falls es zutrifft, dass die meisten Menschen im Alter von 60 Jahren bereits über die Hälfte ihrer Geschmacksknospen eingebüßt haben, so bin ich, was meine eigene Zukunft betrifft, durchaus milde gestimmt und voller Gleichgültigkeit aufs Kommende. Denn ganz gleich, in welch abgrundtiefe Niederungen die Programmredakteure der Privatfernsehsender, oder auch die Kochkünste meiner Gattin dann auch abgeglitten sein mögen; es wird mir zu mindestens 50 Prozent – wie es mir Udo Lindenberg so treffend auf seinem aktuellen Album aus dem Munde nahm – am Arsche vorbei gehen.
Wobei es momentan an den Kochkünsten meiner Gattin eigentlich keinerlei auszusetzen gibt. Es ist nur so der Gedanke, wenn mein Eheweib erst mal vom Alter gekennzeichnet ist, also von Schüttellähmung, Vergesslichkeit und anderen Mitbringseln einer feminin hohen Lebenserwartung, da kann es doch zweifellos in unregelmäßigen, aber immer kürzer werdenden Abständen passieren, dass ihr die Salztüte samt geöffneter 5-Kilo-Büchse Safran während des Zubereitens einer warmen Speise wegen außer Kontrolle geratenen Schüttelns mit in den Suppentopf fällt. Oder das archaische, stets gut gehütete Familienrezept der Linsensuppe “a la Oma” aus ihrem altersporösen Kopf. Und dann ist es wahrscheinlich endgültig Essig mit meinem ständigen Hosenknopf nach der Mahlzeit öffnen müssen, denn Hosenbund sprengende Schlemmerein setzen allemal körperlich und geistig vollbringbare Künste am Küchenherd voraus. Bekanntermaßen ist auch Kochen eine schöpferische Tätigkeit, doch wo des Geistes Keller und Speicher am Lebensabend wie leer gefegt scheinen, da schöpft die fleißige Hausfrau doch vollkommen vergebens. Und in diesem Falle ist es doch geradezu eine Gabe, wenn die Hälfte meiner Geschmacksknospen zu jener Zeit längst schon übern Jordan sind, denn eine Mahlzeit, die zu 100 Prozent misslungen, schmeckt indessen einfach doppelt so gut, wenn man nur noch die Hälfte schmeckt.
Dem kritischem Leser wird aufgefallen sein, dass dieser Text gespickt ist mit Zusammenhängen, die natürlich völlig aus der abgestandenen Luft meines Wohnzimmers gegriffen sind, weshalb ihnen sicherlich folgende zwei Fragen unter den hoffentlich gut manikürten Nägeln brennen:
1. Was haben Geschmacksknospen mit Privatfernsehen zutun?
2. Safran?
Und da Höflich sein für mich nicht nur eine Floskel, sondern ein Daseinszustand ist, bin ich gerne bereit, zu diesen beiden Fragen, natürlich nur umgangsprachlich, den Grund für die abgestandene Luft, also die Hosen herunterzulassen.
Zu 1.) Natürlich stehen Geschmacksknospen und Privatfernsehen in keinerlei Kontext zueinander, denn die Geschmacksknospen sitzen ja bekanntlich auf der Zunge und nicht in den Augen, und Fernsehen wird nun einmal in aller erster Linie optisch, aber nicht oral konsumiert, sonst hieße es ja schließlich auch nicht Fernsehen, sondern Fernlecken.
Hätten unsere Augen freilich Geschmacksknospen, so würden sie dennoch nicht allzu viel zu schmecken bekommen, da Privatfernsehen vom Stapellauf an ja voller Geschmacklosigkeiten ist. Klar: “Germany’s Next Topmodel” ist nun mal kein Bildungsfernsehen. Doch eine Fleischbeschau, insbesondere, wenn das Augenmerk nicht eventuellen Trichinen, sondern allein den Weichteilen gilt, ist sicherlich nicht das, für welches Ferdinand Braun nächtelang im ungeheizten Kohlenkeller nicht an seiner Frau, sondern an der später seinen Namen tragende Röhre herumfummelte. Und mal abgesehen von der Niveaulosigkeit einer Sendung, in der Frauen, in der geringen Hoffnung auf ein Leben abseits von Hartz4, in Unterwäsche vor Millionen von notgeilen, männlichen Alleinerziehenden übern Laufsteg flanieren: Schlüpfer nähen ist eine würdevolle Arbeit, sie zu präsentieren aber keines von beiden. In Unterwäsche arbeiten müssen ist doch nur die Vorstufe zum nackten Überleben. Man male sich nur einmal aus: der Vorstand von VW würde beschließen, dass die Männer am Band nur noch in Unterhose schrauben dürfen! Da würde der Betriebsrat aber am nächsten Morgen, sofern nicht gerade mal wieder verlustreist, geschlossen mit dem zusammengerollten Betriebsverfassungsgesetz an die Türe von Herrn Winterkorn und auf das unverbriefte Recht seiner Arbeitnehmer auf lange Beinkleider klopfen!
Und da ich gerade beim Austeilen bin: Heidi Klum als Werbeträgerin für eine Schnellrestaurant-Kette, dass ist doch in ungefähr so glaubwürdig, wie wenn der Schäuble für Nike werben tät. Denn die Studien pfeifen es doch längst von allen Forschungsinstitutsdächern: Fastfood macht dick, aber so richtig fett. Die Marktschreier der Fastfoodproduzenten sollten der Aufrichtigkeit halber deswegen doch wohl eher einen Bauchumfang wie ein Sauerkrautfass haben, aber nicht eine Tallie wie eine Afri-Cola-Flasche. Der Filmschaffende Michael Moorer zum Beispiel wäre damit durchaus prädestiniert.
Zu 2.) Safran gehört bei einem Preis von ungefähr 4 bis 14 Euro pro Gramm, was bei einer 5-Kilo-Dose immerhin einen Wert von circa 20.000 bis 70.000 Euro darstellt, zu jenen Gewürzen, die in meinem Haushalt, in dem zumeist nur der Schmalhans Küchenmeister ist, nur durch eine freie Lücke im Gewürzregal repräsentiert werden. Ich gestehe, ich wollte nur protzen. Die 5-Kilo-Dose Safran ist in Wahrheit nur eine 20-Gramm-Dose mit getrockneter Petersilie der Firma Ostmann.
Aber da ja sowieso alsbald die Hälfte meiner Geschmacksknospen den Löffel abgegeben haben wird, fällt es doch auch gar nicht mehr so ins Gewicht, ob meine Gattin dann den Safran oder die Petersilie in den Topf fallen lässt, da meine Zunge dann ja bereits so gut wie taub ist. So gesehen, kann
a) meine Gattin dann ja sogar aufs Duschen verzichten, oder
b) werden meine Augen einstmals verdammt neidisch auf meine sensorisch eingeschränkte Zunge sein, sofern RTL und Pro7 dann überhaupt noch senden.
09. April 2008 um 19:15
Als bekennender, verfressener Geizhalz möchte ich dir da zu raten, den nächsten türkischen Obst- und Lebensmittelhändler deines christlichen Mißtrauens zu besuchen und dort Safranblüten als Safranersatz zu kaufen und dieses zu verwenden.
Erstaunlicherweise wirst du zu gemahlenem Safran keine Verschlechterung sondern gar eine Verbesserung finden und die Verschlechterung gegenüber echten Safranfäden lässt sich ertragen oder durch erhöhten Einsatz der Blüten sogar lässig und sehr billig umgehen.
09. April 2008 um 19:32
Danke für den Tipp! Jetzt muss ich nur noch heraus finden, was ich damit überhaupt würzen könnte …
09. April 2008 um 22:48
Aber aber liebes Kolumnistenschwein, Du wissest nicht welch Gericht mit mit Safran verfeinert auch noch den verwöhntesten Gaumen erfreut? Na dann singen wir mal alle im Chor:
“Backe, backe, Kuchen,
Der Bäcker hat gerufen!
Wer will gute Kuchen backen,
Der muß haben sieben Sachen:
Eier und Schmalz,
Butter und Salz,
Milch und Mehl,
XXXXX macht den Kuchen gel!”
Na? Was macht noch gleich den Kuchen gel?
10. April 2008 um 3:40
Kolumnistenschwein,
also Dein Text lässt mich jetzt wirklich abgrundtief blicken.
Und zwar so tief,dass ich weder zu einem Lob noch zu einer Kritik im Stande bin.
Wahrscheinlich sind meine Geschmacksnerven leicht verwirrt.
10. April 2008 um 8:31
Spargelcremesuppe, lieber Textspeier, Blumenkohlcremesuppe und auch Reis. Und, Safran macht den Kuchen geel.
10. April 2008 um 14:26
@Roland
Doch nicht etwa Safran?!
@Mo
Vielleicht hast Du ja auch nur noch die Hälfte? (Siehe oben!)
@Frankie
Doch nicht etwa Safran?!
11. April 2008 um 2:41
Ich würde mir eher Sorgen um ARD und ZDF und FÖHNIX(VOKUHILA) machen.
Die eigentliche Lüge von dem Föhnix ist ja…DIE HABEN GAR KEINEN FÖHN !!
Das muss man sich mal vorstellen sowas !!!
Und.
> Habe noch !NIEMALS! einen EinsDreissiger über Gewürzkunde das gesehen !!
11. April 2008 um 11:11
Möglicherweise.