Wie ich beinahe Mr. Universum wurde
Donnerstag, 24. April 2008Mag ja dieser Winter laut Definition auch gar keiner gewesen sein: ich habe dessen ungeachtet schichtweise Winterspeck angesetzt. Und wenn schon der eigene Körper eine Form wie eine Pyramide aufweist, so sollte diese doch gefälligst auf ihrer Spitze, und nicht etwa auf ihrer quadratischen Grundfläche stehen, was in der logischen Quintessenz bedeutet: Zeit für einen Besuch im Fitness-Center um den verweichlichten Körper zu stählen. Auch wenn ein solches nicht ohne Tücken, da bekanntlich auch der beste Stahl irgendwann Rost ansetzen kann, weshalb sich Bodybuilder wahrscheinlich viertelstündlich einölen.
So stand ich also vorm Spiegel und knetete die Speckrollen, welche ich durch erbarmungsloses Training und Somalia-Diät in Nichts aufzulösen gedachte. Und die Somalia-Diät ist eine der härtesten Diäten überhaupt: man isst einfach solange nichts mehr, bis „Brot für die Welt“ ein Care-Paket überm eigenen Haus abwirft. Ich zog mir Jogginghose und ein Pitbull Poly Stringer Y-Back Athletic Tanktop über, beides vier Nummern zu groß, damit die Muskeln expandieren konnten, und machte mich auf den Weg ins Studio.
Ich trat ein. Es roch nach Metall und gesalzenem Schinken. Etwas kam auf mich zu, dass ich aus der Ferne für einen rasierten und mit Holzlasur gestrichenen Berggorilla hielt. Aus der Nähe allerdings auch. Er trug die selbe Shirtgröße wie ich. Allerdings war ihm das Shirt um mindestens vier Größen zu klein. Seine Muskeln schienen nach einer Musik zu tanzen, die nur sie hören konnten.
„Ich bin der Torsten. Dein Coach.“, sagte er und drückte meine Hand dabei, als wolle er aus meinen Kohlenstoffverbindungen auf die Schnelle einen Diamanten pressen.
„Haste denn schon mal trainiert?“
„Ja“, antwortete ich und versuchte meine Tränen unauffällig innen herunter runter rollen zu lassen.
„Drei Jahre Mikado, Kreisklasse.“
Er grinste, ließ meine Hand los und zeigte in Richtung Waage.
„Komm, wir wiegen Dich erst mal.“
Ich stieg mit nackten Sohlen auf die Analysewaage. Der Fleischberg tippte auf der Konsole herum. Es summte kurz. Dann blinkte es auf dem Display:
88 Kilo: 22,8% Wasser – 74,2 % Fett – 3% Muskelmasse.
Diesmal war es an mir zu feixen: ich hatte viel schlechtere Werte erwartet.
„Pass mal auf“, sagte Torsten, „ich gehe mir mal schnell einen Eiweißshake holen. In der Zeit machst Du dich auf dem Hometrainer warm. Dann fangen wir mit ein paar Grundübungen an: Bankdrücken und Kreuzheben. Und für‘n Latissimus müssen wir auch unbedingt etwas machen.“
Und verschwand im Dunkel des Studios.
Ich begann zu schwitzen. Ganz ohne Hometrainer. Hatte er Bankdrücken gesagt? Vor meinem geistigen Auge erschien eine Szene, in welcher ich als Protagonist im im Stadtzentrum liegenden Stadtpark eine Bank voller Senioren ins Gebüsch schob. Kreuzheben? Ich erinnerte mich an letztes Ostern, an welchem ich einen ellenlangen Spielfilm sah, in der ein so armes Würstchen ein Kreuz heben und stundenlang mit sich herum schleppen musste. Latissimus? Ich blickte in meinen Schritt. Und stellte mir vor, wie Torsten mit mir da „etwas dafür machte“. Nein, Danke! Lautlos öffnete ich die Tür, schob mich ins Freie und lief so schnell mich meine dicken Beine trugen Richtung eigene Wohnung. Trainingshose und Shirt, welches ich ab nun für ein eindeutiges Kainsmal sportlicher Abnormität hielt, warf ich unterwegs in den nächsten Kleiderspendecontainer. Zu Haus angelangt, setzte ich mich in die Küche, begann den Kühlschrankinhalt in meinen Magen zu transferieren und las dazu in der Zeitung:
„Zahlreiche Tote bei Gefechten“
„BND installiert Trojaner bei Minister“
„Nebeneinkünfte offen legen: Schily bleibt beim Nein“
„Was soll‘s„ , redete ich zu mir selbst, „es gibt so viele dumme Schweine auf der Welt, warum dann nicht auch ein paar fette?!“
Und begab mich auf den Rasen vorm Haus, um mit der Linken die Unterwäsche meiner Frau wieder einzusammeln, mit der ich einen Abwurfpunkt für die Flieger von „Brot für die Welt“ markiert hatte. Ich schaute an meinem rechten Arm herunter. Dort, wo sich heute Morgen noch meine Hand befand, blinkte ein wunderschöner Diamant.
Und morgen erzähle ich Ihnen, wie unglaublich mühsam es doch ist, bei Breuninger einen einzelnen Handschuh erstehen zu wollen.
