Der Text mit dem Gehacktes auf dem Kopf!

Wenn ich so richtig obermies drauf bin, so hoffnungslos, so sinnentleert, einfach nur jämmerlich hoch Drei, dann gehe ich immer zum ortsansässigen Reisebüro und erkläre der mir fast schon intim vertrauten Reiseverkehrskauffrau, ich wolle und müsse aus abgrundtiefen Gründen und per Last-Minute-Angebot unbedingt drei Wochen Arsch der Welt buchen. Und zwar All Inklusive. Und dann nimmt mich die dralle Dame stets an die Hand, führt mich aus ihrer Geschäftsstelle hinaus auf die Strasse, macht mit der anderen Hand so eine weit ausschweifende Bewegung, und sagt dann zu mir, mit einem äußerst süffisantem Unterton in der Stimme:
„Werter Kunde König, Du wohnst doch bereits am Arsch der Welt!“
Und just in diesem Moment, da hellt sich meine Stimmung schlagartig um mindestens ein bis zwei oder gar drei Lux auf, denn ich habe ja nun sicherlich einen ganz schönen Batzen an Reisekosten gespart.

Doch mannigfaltig sind die Möglichkeiten, seine depressiven Phasen um eine Oktaven angenehmer zu gestalten. So kann man beispielweise seinem Chef den Stern vom Mercedes schrauben und durch das metallene Logo von Skoda ersetzten. Oder man kauft sich 800 Gramm Hackepeter, klebt diesen fleischernen Klumpen auf seinen Kopf und setzt sich so ausstaffiert mit einem selbstgestaltetem Plakat um den Hals, auf welchem neugierige Passanten lesen können: „Ich habe 3 Stunden täglich mit dem Handy telefoniert. Nun habe ich einen Hirntumor!“ vor einen T-Punkt. Oder wer die häusliche Umgebung partout nicht missen möchte, der kann auch die Fäden an allen Tampons seiner Lebensabschnittsgefährtin abschneiden. Was selbstverständlich auch für eine kurzweilige, intensive Stimmungsspitze im neurotransmittergestörten Gehirn des Berufsmelancholikers sorgt.

Doch bei aller Spaßhaftigkeit der so eben erwähnten Selbsthilfemaßnahmen: Die kausale Ursache der Niedergeschlagenheit selbst können diese nicht bekämpfen. Es sind nur kleine Trostpflaster, auf der Wunde, die man das Leben nennt. Doch wo liegt das Epizentrum der personengebunden Traurigkeit? Ich selbst kann ja auch nicht behaupten, dass die schlechte Laune, welche mich schon bei der alltäglichen morgendlichen Toilette fest am Wickel packt, hervorgerufen wird, weil ich beim Zähneputzen stetig abrutsche und mir die Zahnbürste bis zum Anschlag ins Nasenloch ramme, und darauf hin aus diesem blute wie eine frisch abgestochene Sau. Auch wenn ich nicht abstreiten will, dass dieses mir schon passierte. Drei mal. Pro Woche.

Und es ist auch nicht die Lektüre meiner Tageszeitung daran schuld, dass meine Mundwinkel immer in unterster Stellung verharren, mein Gesicht so sauertöpfisch aussieht, dass erschrockene Milchbauern ihr Vieh eiligst von der Weide nehmen, sobald ich an dieser träge vorbei schleiche, aus Angst, ich könne ihre Milch anstecken. Denn wie schlecht die Nachrichten auch waren, sind und auch immer sein werden: Ich habe es nicht anders erwartet.

Sollte ich jemals eine Gazette in den Briefkasten gesteckt bekommen, deren Seiten nicht gefüllt sind mit Verbrechen an Umwelt und Verstand, mit korrupten Politikern und versagenden Managern, Hungerskatastrophen und Flüchtlingswellen, Selbstmordattentätern und Witwenverbrennungen, Kindesmissbrauch und ums sauer Ersparte geprellten Senioren, Skandalen mit gepanschten Lebensmitteln und – als vermeintliches Sahnehäubchen – aufgeputschte Storys von abgetakelten High-Society-Schlampen und blaublütigen Von und Zu Möchtegernmenschen, über deren Friseurbesuche, ihre Trink- wie auch Begattungsrituale, so behaupte ich mit felsenfester Stimme: Dieses Blatt ist nicht von diesem Planeten! Und eine Tageszeitung, welche vielleicht im 1500 Lichtjahre entfernten Pferdekopfnebel gedruckt wird, möchte ich niemals abonnieren wollen. Schließlich würde ich es einfach nicht übers grundgute Herz bringen, dass eine der fleißigen Zeitungsausträgerin dort oben immer mitten in der Nacht ihr kuscheliges Bett verlassen müsste, nur damit ich pünktlich zum Frühstück lesen kann, was es im Orion-Komplex so an Neuem in Politik und Wirtschaft gebe. Laufen Sie mal 1500 Lichtjahre. Und das jeden Tag. Da müssten Sie garantiert mehr Geld für das Besohlen ihrer Schuhe ausgeben, als das bisschen Zeitungsaustragen überhaupt einbringt! So ein mieser Job, der wäre ein wirklich wahrhaft vollwertiger Grund für mich, die Schlechteste aller Launen zu kriegen! Aber Zeitung zu lesen an sich ist mir keinerlei Miesepetrigkeit wert, denn nichts Menschliches ist mir fremd. Selbst die Gutenberg verhöhnenden Damen und Herren von BILD, welche es sich scheinbar zur Lebensaufgabe gemacht haben, das einstige Land der Dichter und Denker knietief in journalistischer Diarrhö versinken zu lassen – Pah! Schließlich kann eine Zeitung stets nur so gut sein, wie der Leser sie will.

Nein, meine schlechte Laune ist dem Sein an sich geschuldet, weil doch nur das Nichtsein ein lobenswerter Zustand sein muss, denn es hat sich noch keiner meiner Bekannten und Nachbarn jemals darüber beschwert, dass die Zeit ihrer Zeugung voller Pein und Mühsal gewesen sei. Es ist mehr die Erkenntnis, dass die Spezies Homo saphiens saphiens Dank Bewusstsein der totalen Vertrottelung anheim gefallen ist. Denn seit dem der Mensch begriff, dass er ist, wollte er stets mehr sein. Und das auf Kosten seiner selbst.

Doch wenn ich ehrlich bin: selbst dieses ist nicht wahres Motiv meiner Depressivität. Grund ist das Wissen, selbst nur ein Mensch zu sein. Grund ist auch, dass das ortsansässige Reisebüro tagtäglich 19 Uhr schließt. Und online Arsch der Welt zu buchen, das ist doch genauso erheiternd, wie vor einem T-Punkt zu sitzen, aber ohne einen Klumpen Gehacktes auf dem Kopf. Denn dann bist Du kein zynischer Harlekin mehr. Sondern nur ein ganz normaler Penner.

11 Antworten zu “Der Text mit dem Gehacktes auf dem Kopf!”

  1. Flyer sagt:

    So besoffen war ich auch schon mal, daß ich mir beim Zähneputzen die Bürste in die Nase gerammt hab – hat aber nix geholfen, ich konnt nicht lachen.
    Und komisch, weil: hier ist auch Arsch der Welt – kann es sein, daß du in der Nachbarschaft wohnst? ^^

    Und: schön, daß du du Ausserirdischen so lang genervt hast, daß sie dich wieder entlassen haben² :-)

  2. Mo sagt:

    **PS: Mein Alter Ego ist aus Proxima Centauri zurück!**
    Na super Kolumnistenschwein,
    wie schön,dass ich das auch endlich mal erfahre.
    Schnarchlappen!

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    Tja, da hat wohl wirklich wer geschnarcht. Aber keinesfalls jemand in Lappland …

  4. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    ich freue mich selbstverständlich,dass Textspeier zurück ist.
    Ich habe mir natürlich alle “Mai-Ausgaben” einverleibt und Dich wieder in meine Favoriten-Feeds übernommen.
    Begeistert war ich von “Alle Register gezogen!” .
    Warum da kein Schwein kommentiert hat,ist mir ein Rätsel.
    Ich bleibe lesetechnisch auf alle Fälle am Ball.
    Das war die positive Nachricht.
    Aber auch Kritik muss raus:
    Kolumnistenschwein,also das mit dem “Antwortenspeier!” ,das würde ich wieder canceln.
    Was soll das sein?Brot und Spiele für das Volk? ;-)

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    Nein. Nur “Brot und Spiele” für mich!

  6. Mo sagt:

    Hmm,auf Arroganz wäre ich jetzt nicht gekommen.

  7. Kolumnistenschwein sagt:

    Arrogant? Nur weil man einen Ball in eine Menschenmenge wirft, um zu sehen, was passiert!? Dies wäre eine vollkommen neue Definition …

  8. Mo sagt:

    Okay,ich ziehe die Äußerung mit der Arroganz zurück.
    Obwohl ich spekulativ mal behaupten möchte,auch Du bist nicht ganz frei davon.
    Thema (welches auch immer das für mich war),ist hiermit beendet.

  9. Kolumnistenschwein sagt:

    Nichts Menschliches ist mir fremd. Thema beendet.

  10. Mo sagt:

    Wie großzügig.
    Ich weiß Du könntest auch anders.

  11. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    Du kannst Dir nicht im MINDESTEN vorstellen,wie viel Disziplin ich in obige Worte investiert habe.
    Ich lese Dich,wie gehabt. ;-)