Archiv für Juni 2008

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Montag, 30. Juni 2008

Über Klassentreffen liegt, sobald nur ein ausreichend langer Zeitraum seit Verlassen der Bildungseinrichtung und dem Tage des Treffens vergangen ist, ein Hauch von Brüchigem, von Vergänglichem, welcher eigentlich, bei genauerer Betrachtung, gar kein kaum wahrnehmbarer Brodem ist, sondern die vielschichtige Patina gelebter, verlebter halber Leben, samt tiefer, unauslöschlicher Kratzer, und einigen wenigen vom Glück auf Hochglanz polierter Stellen. Und die Plätze, die die Mortalität in den Reihen meiner ehemaligen Klassenkameraden mit solider Leere füllte, zeugten davon, dass das frühe Sterben doch immer noch eine überaus weit verbreitete Ursache für das Nichterreichen des Pensionsalters darstellt.

Wer es allerdings bis hierher, also in Zeit sowie Raum, geschafft hatte, kann als Beispiel dafür gelten, dass der Mensch ein zähes Stück belebter Materie ist, dem selbst so ungünstige Umstände wie der Verlust von Staat und FDGB-Ferienplatz nicht den existenziellen Hocker unterm Daseins-Hintern wegzuziehen vermochte. Die frei gebliebenen Stühle an unserem Tische indes bestätigten also mehr oder weniger die zu allen Gelegenheiten beschworenen Ausnahmen der oft allzu schnell manifestierten Regel.

Selbstverständlich ist die irrige Annahme, man fände nach 27 Jahren seine Mitschüler in jenem körperlichem Zustande wieder, welchen einem vor dem eigenen geistigen Auge die schwammige Erinnerung widerspiegelt, albern, idiotisch, nur dem an der Realität sich vorbei Mogelndem vorbehalten. Tränensäcke. Wülste. Graues Haar und Falten, tief und unerforscht wie der Andreasgraben. Doch das Allerschlimmste: man hat den ganzen Abend das Gefühl, in einen unbarmherzig ehrlichen Spiegel zu schauen. Dies ist natürlich gelogen; also nicht, was meine eigenes graues Haar und die Falten betraf, welche sich in den Gesichtern meiner ehemaligen Mitschüler reflektieren; es entspricht aber beileibe nicht meinem Empfinden, dass diese Spuren, welche der Zahn der Zeit seinem Naturell folgend in den meinigen Leib nagte, mir irgendwelches Missbehagen bereiten. Haare färben, Antifaltencreme – alles nur chemischer Hokuspokus, welchen ich dringendst abrate zu nutzen, da es garantiert kein markiger Abgang wird, wenn man dem Tod einstmals wie ein amateurhaft geschminkter Clown entgegentritt, welcher auf Grund nicht geleisteter Beitragszahlungen in die Künstlerkasse bis zum Sankt Nimmerleinstag bei McDonalds Luftballons knoten muss.

Es ist allerdings auch kein leichtes, den Gesprächsfaden, welcher abrupt vor 27 Jahren riss, wiederum frisch zu knüpfen, insbesondere, wenn dieser schon zu damaligen Schulzeiten recht einseitig gesponnen wurde. Dieser Umstand führte im übrigen dazu, dass kaum einer der Anwesenden meine Person als einen der ehemals Ihrigen erkannte, da ich als Schüler eine Aura aus Schweigsamkeit und schüchternem Gehabe nebst nie vollständigen Schulranzen schulterte. Dabei war meine verbale Beschränktheit allein der Tatsache geschuldet, dass ich schon im Alter von nur wenigen Monaten beschloss – wie einst Oskar Matzerath beschloss nicht mehr zu wachsen – mir erst einmal im Stillen ein Bild der Welt zu machen, bevor ich meinen Senf in dieser verkleckere. Dass sich dieses Bildnis schaffen bis zu einem ausgeprägt ehefähigem Alter hinzog, lag währenddem nur daran, dass ich einfach nicht glauben konnte, nicht glauben wollte, in was für eine bittere Realität mich die Brunft meiner Eltern hineinbefördert hatte. Und die Erzählungen der einstigen Schulfreunde, welche im nunmehr gesetzten Alter teils neben Gartenzwergen, teils neben Modeleisenbahnanlagen unaufgeregt auf den Sonnenuntergang ihres Lebens harrten, ließen mich das Schuldbekenntnis meiner elterlichen Erzeuger ununterschrieben im Geiste an meine Hirnwand nageln.

Nur gut, dass ich wenigstens in punkto Toleranz nie versetzungsgefährdet war.

Das Wort zum Sonntag

Samstag, 28. Juni 2008

Eines vorneweg: trotz meiner in der Unlogik des Daseins begründeten suizidalen Neigungen bin ich durchaus in der Lage, mich an den verschiedensten Nichtigkeiten des Lebens fast schon kindisch zu erfreuen; ganz frei nach dem Satze Nietzsches “Seines Todes ist man gewiss: warum sollte man nicht heiter sein?”. So ziehen sich auch meine Mundwinkel stets unkontrolliert nach oben, wenn ich, als bekennender und an und für sich an allem mit Fußball zusammenhängendem Desinteressierter, eine graziöse Flanke oder gar einen ans Zirzensische grenzenden Torschuss von einem der deutschen Fußballspieler bei der Europameisterschaft reflexartig geistig beklatschen darf, auch wenn dieses natürlich auf Basis ihrer infam begrenzt erscheinenden Artistik am Balle doch recht selten der Fall ist. Was aber in solch einem Turnier recht wenig über eine erfolgreiche Teilnahme aussagt, da, wo sich Kinder um die Wette einen Berg hinunterrollen, nicht immer das Kind gewinnt, welches besonders geschickt um die Hindernisse zirkuliert, sondern zumeist jenes, welches alles im Wege stehende gnadenlos umwälzt. Der berühmt-berüchtigte “deutsche Kampfgeist” auf dem im optimalsten Falle mit einem Grundriss von 7140 Quadratmetern ausgestatteten Rasenflächen dieser Welt ist eben nicht fürs Museum der schönen Künste gemacht. Was dann im Ergebnis einen Großteil der Bevölkerung stets in ein Gemisch aus Alkohol- und Freudentaumel fallen lässt. (Wem das Beispiel mit den bergab kugelnden Kindern zu sehr an der Aktion “Gipfelsturm” der deutsche Nationalmannschaft vorbeigeschrieben scheint, der bemühe bitte seine Fantasie und stelle dieses Beispiel im Kopfe auf den Kopf!)

Doch wenn auch die Freuden der Götter schöner Funken sein sollen, so mahne ich gerade zu Zeiten von Brot und Spielen an, dass beim göttlichen Funkenflug die Gefahr einer alles Vernünftige niederbrennenden Feuersbrunst immerfort im trockenen Stroh fahnenschwenkender Hitzköpfe mehr als nur latent ist. Lassen Sie es mich so sagen: wenn mich selbst die übermächtige Freude nach einem besonders gut gelungenem Essen, welchem zudem nachkommend gar die Erfüllung eines lang gehegten sexuellen Wunsches, welcher quasi als kalorienarmes Dessert gereicht wurde, folgte, mich also übermannt, so erdreiste ich mich dennoch nicht, meine Freude über diesen überaus erquicklichen Zustand kundzutun, indem ich danach sofort in meinem Wagen steige, ums Viertel rase bis die Tanknadel erschöpft am Boden liegt, dazu wie bekloppt auf der Hupe herumdrücke und vorm Hause meines Nachbarn bis mir die Stimmbänder zu reißen drohen die Nationalhymne in den Nachthimmel schreie. So ein Handeln birgt nämlich die Gefahr, dass, wenn meine Nachbarschaft meine Freude über die vorzügliche Speise und den noch besseren sexuellen Kraftakt mit mir nicht teilen will, ich nicht nur Mittelpunkt einer gleichfalls kräftigen Keilerei sein werde, sondern deren bevorzugter Treffpunkt. Freude, liebe Fanatiker, ist doch was für innen, wo sie, ohne anderen Mitgliedern der Gesellschaft auf die Füße zu fallen, bis zur Ohmacht ihres Wirtstieres hupfen und hyperventilieren kann.

Auch hege ich die bodenlose Hoffnung in mir, dass bis spätestens zur WM 2010 an den Tankstellen Deutschlands 4 Sorten Benzin angeboten werden, und zwar in der Reihenfolge

-Normal

-Super

-Super Plus, und

-Benzin für Autokorsos,

mit einer Staffelung im Preise, die bei der letztbenannten Sorte ihren finalen Höhepunkt findet. Denn wer nächtens nach Ruhe dürstende Bürger eines kindischen Spieles wegen um diese Stille bringt, indem man Ressourcen verschwendend Nationalhymnen aus stinkenden Autokarawanen heraus krächzt, der sollte wenigstens im Portmonee spüren, wie schmerzhaft so etwas für die Leute ist, die nur innerlich singend Runden drehen. In diesem Sinne beneide ich die Spanier, denn im Falle eines Sieges fällt der Lärmpegel in deren Städten und Gemeinden sicherlich um etliche Dezibel humaner aus. Denn deren Nationalhymne hat wenigstens keinen Text.

Amen.

Kein Abschluss unter dieser Nummer

Donnerstag, 26. Juni 2008

Ich selbst bin ja der Auffassung, dass der aufrechte Gang des Menschen erst ab einem gewissen Einkommensniveau wirklichen Sinn macht.  Weil es Dank Verkaufspsychologen doch seit Erfindung des Supermarktes gang und gäbe ist, dass die preiswerteren Artikel in einem jeden Geschäft kontinuierlich nur in den untersten Regalen zu finden sind. Wer da über 1.90 misst, und beruflich seit vielen Jahren als Sozialfall tätig ist, der mag zwar rein körperlich über vieles hinweg sehen können. Leider beinhaltet dieses selbstredend auch die in unmittelbarer Nähe des Fußbodens stationierten Preiskracher, welche seinem finanziellen Status doch aber noch am ehesten gut zu Gesicht stehen würden. Und irgendwie ist ja auch logisch, dass die Produkte, welche nicht ohne Gnade gellend nach einer American Express Gold Card schreien, also die Dinge des täglichen Bedarfes im marginalen Bereich bis zu maximal einem Euro, immerfort ganz zuunterst zu finden sind, da doch die Majorität der Bevölkerung sowieso monetär schon seit längerer Zeit am Boden liegt. Auch der Begriff Sparfuchs kommt ja immerhin nicht von ungefähr, sondern verdankt seine Prägung dem Umstand, dass Füchse eben sehr kurze Beine haben. Was sie ebendarum dazu prädestiniert, in den unteren Ebenen der Warenpräsentationen auf Schnäppchenjagd zu gehen. Ob nun allerdings die Waren, welche nur wenige Zentimeter über dem Fußboden der Verkaufseinrichtung angeboten werden, qualitativ mit denen mithalten können, welche rein lagerungstechnisch weit über ihnen stehen, wage ich nicht zu beurteilen. Ich weiß nur, dass sich bei mir Zuhause auffallend weniger Dreck in Hüfthöhe befindet, als im Bereich meiner beiden Füße. Was im übrigen auch zur Folge hat, dass ich unseren Staubsauger, bei dessen fast schon unheimlich regelmäßiger Nutzung, nicht wie ein Maschinengewehr halte, sondern überwiegend mehr wie ein Minensuchgerät.

Meinen Staubsauger indes würde ich wohl wie ein Maschinengewehr halten, wenn mir Frau K. vom “Bonus Service” meines Mobiltelefonanbieters debitel vor die Staubsaugerdüse laufen würde. Weil diese eine mir vollkommen unbegreifliche Kühnheit zum Potpourri ihrer charakterlichen Eigenschaften zählt, welche nun dazu führte, mir im Namen der debitel AG per Post eine Zahnersatz-Zusatzversicherung aufschwatzen zu wollen. Dieses könnte man doch allenfalls als gewiss streng durchdacht bezeichnen, wenn einem durch häufiges Telefonieren mit dem Handy die Backenzähne ausfallen, die Füllungen explodieren, die Eckzähne abbrechen, und beim Einwählen in ein anderes Netz einem gar die Schneidezähne innerhalb nur eines zweiminütigen Gespräches bis auf die Grundmauern abfaulen würden. Bin ich auch das, was man einen Wenigtelefonierer nennt, so gab es dennoch bei mir nie Probleme mit den Zähnen, wenn ich eines meiner recht seltenen Gespräche führte. Nüsse, Kronkorken und die Schnitzel der betriebseigenen Kantine erwiesen sich bis zum heutigen Tage für mein Gebiss immer als viel desaströser als die Gespräche, welche ich über das Funknetz von debitel führte. Dies mag einerseits für die Damen und Herren Vorstände des betreffenden Mobilfunkunternehmens sehr tröstend sein, denn ausfallende Zähne beim Telefonieren lassen böse Zungen ganz schnell vom Skorbut des 21. Jahrhundert sprechen. Andererseits ist es für Frau K. nicht unbedingt die Steilvorlage zu einer großen Verkaufskarriere, denn prinzipiell misstraue ich Leuten, die strunzdumm und rotzfrech die Daten ihrer Kundschaft dazu benutzen, um jedweden Dreck an diese zu verscheuern zu versuchen. Denn während mein Gang aufrecht ist, so ist die Verkaufstrategie von Frau K. und Konsorten nur unterste Schublade.

Zwei Bedingungen, die, sofern als zeitgleich gegeben zu betrachten, selten zu einem Geschäftsabschluss führen.