Gestatten, Shoppenhauer!

Es gibt so vieles, was ich nicht benötige, soll schon Aristoteles gesagt haben, was an sich schon sehr erstaunlich ist, da man eigentlich davon ausgehen kann, wenn nicht sogar muss, dass es doch anno 300 v. Chr. im alten Griechenland noch gar keine den heutigen ähnliche Supermärkte gab, welche ständig so mit 99-Cent-Plunder und gleichsam wertvollen Konsumgütern vollgepfropft sind, dass man sich als Kunde nur seitlich gehend durch die Gänge fort bewegen kann, keinerlei Bauchansatz und keine beginnende Schwangerschaft notwendigerweise vorausgesetzt. Denn die Gefahr, zwischen giftigem Spielzeug aus der Provinz Zhejiang und taiwanesischer Billigelektronik einfach mal so stecken zu bleiben ist obgleich weit wahrscheinlicher als die Möglichkeit, in dem Lebensmitteldiscounter auf eine über Tarif bezahlte Verkaufskraft zu treffen. Ich will mich sogar soweit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass bis zu 90 Prozent aller Ladendiebstähle gar nicht auf Grund finanzieller Notlagen oder vollkommen gewöhnlicher Raffgier begangen werden, sondern Taschen und Beutel sich ganz und gar von alleine füllen, weil der billig produzierte Müll schon bei der geringsten Berührung aus überbordenden Regalen in ebendiese Taschen fällt, und König Kunde in diesem Gedränge der Produkt gewordenen Sinnlosigkeiten nichts weiter ist als ein mit Kreditkarte ausgestatteter Müllschlucker – ein unser Mitleid wertes Opfer eines Product-Placements der hinterfotzigsten Art – ein König, den sein Handel treibendes Volk Tag für Tag aufs Gründlichste bescheißt. Ein Stiel im Eis im Eis am Stiel hat ja schließlich auch keinerlei Chance, irgendwie sauber aus diesem herauszukommen. So betrachtet ist das richterliche Zurede stellen bei Ladendiebstahl also in etwa dasselbe, als wenn man in langen Schlaghosen durch eine wilde, dichtbewachsene Sommerwiese schlendert und dann strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden soll, weil die wollenen Hosenbeine danach voller Kletten hängen. Es sind eben bei weitem nicht Überwachungskameras und Selbstschussanlagen die optimalen Mittel im Kampf gegen lange Finger, sondern Supermarktgänge, die selbst an ihren schmalsten Stellen nicht weniger als 3 Meter messen sollten. Am Ende behält nämlich der Spruch „Wer im Dreck wühlt macht sich schmutzig“ selbst dann seine auf die Ewigkeit bezogene Legitimität, wenn man alle Worte auswechseln, kräftig mischen und dadurch irgendein sinniges Sprichwort mit den Begriffen „Kleptomanie“ und „Kaufhausdetektiv“ dabei herauskäme.

Ich selbst kann mich an Zeiten erinnern, da gab es im Lebensmittelladen nur so Dinge zu kaufen, die der Magendarmtrakt durchaus immer in der Lage war sie ohne jegliche Probleme zu verarbeiten, also ganz ohne Koliken und Darmverschlingungen, was bei der Artikelvielfalt der gegenwärtigen Discounter nur noch bedingt der Fall ist, da beispielsweise die Produkte der Firma Tschibo, Kaffee als aromatisches Beiwerk einmal vollkommen außer acht gelassen, zum Großteil nur noch aus Plastik, Blech, gekämmter Baumwolle und ähnlich hartleibig machenden Materialien bestehen. Und schön war die Zeit, in der es bei Tschibo wirklich nur Kaffee zu kaufen gab, was einen blindlings zugreifen lassen ließ, wo man heute nur noch argwöhnische Blicke für ernten würde, denn macht man es heutzutage ebenso, also unbesonnen des Wochenendappetites auf Kaffee wegen ins Tschibo-Regal zu langen, so besteht doch durchaus die reale Gefahr, dass man am Sonntagmorgen Schlüpfer, Uhren oder auch Sonnenbrillen überbrühen müsste, was nicht jedem Kaffeeliebhaber das Aufstehen versüßen dürfte. Schließlich ist es schon ein gewaltiger Unterschied, ob die Gattin durch des Kaffees lieblichen Aromas geweckt wird, oder durch den stechenden Geruch frisch überbrühter Tangas, weil diese vielleicht in Bombay, Mladá Boleslav oder in der Nähe von Leipzig nicht unbedingt mit den einer Sonntagsmorgenfrühstücksidylle identischen Farbtönen, sondern im ungünstigsten Fall mit besonders aggressiver Chemiekotze eingefärbt worden sind.
Man mag mir hinter der Hand flüsternd „Eigenbrödler!“ nachwerfen, doch ich bin eben in punkto Einkaufen überaus konservativ, was on Detail bedeutet, dass ich beim Bäcker Brot und Brötchen und eben keine 3wöchige Schiffsreise nach Australien und Neuseeland buchen möchte. Ebenso gehe ich zum Fleischer weil mir der grobschmeckerische Sinn nach Schnitzeln oder Leberwurst steht, aber doch nicht etwa, um dort Tischdecken und Whiskybecher im Sechserpack zu erwerben. Selbstverständlich mögen Australiens Küste und Whiskygläser aus gepresstem Glas durchaus ansprechend sein, doch haben diese, wenn man diese auf ihren Nährwert hin untersucht, verdammt schlechte Karten. Schuster bleib bei deinen Leisten, und der Gedanke, dass mein KFZ-Mechaniker demnächst nicht nur das Öl bei meinem Wagen wechselt, sondern mit der anderen Hand auch gleichzeitig meiner Dame des Herzens eine Kaltwelle verpasst, scheint mir nicht nur recht Aufsehen erregend, sondern viel mehr, was das Verhältnis zwischen Kunde und Dienstleister betrifft, das Vertrauen einem niemals zu bestehenden Härtetest zu unterziehen.

Warum ehemalige Nur-Lebensmitteldiscounter allerdings seit nunmehr einigen Jahren dazu neigen, ihrer eigentlichen Bestimmung zum Trotze kraftspendende Nährmittel durch allerlei Tand und ungenießbaren Kleinkram zu ersetzen, entzieht sich wie so vieles Anderes auch meiner Kenntnis, könnte aber unter Umständen damit zusammenhängen, dass die Damen und Herren Vorstände in einem überteuerten Lehrgang für Handelskettenführerhauptquartierbewohner vermittelt bekamen, dass die Evolution einen Vogel namens Caprimulgus Europaheus, auch Ziegenmelker genannt, hervorbrachte. Dieser Vogel hat nämlich die Eigenschaft, bei akutem Nahrungsmangel in einen Hungerschlaf zu fallen. Dies könnte nun in Bezug auf die in den Chefetagen von REWE und PLUS ausgekasperten Pläne bedeuten, dass man da oben die Hoffnung hegt, dass, wenn man der Kundschaft nur lang genug die benötigten Nahrungsmittel entzieht bzw. durch Firlefanz ersetzt, die Evolution diesen Leuten vielleicht irgendwann aus Gutmütigkeit gleiches beschert, was immerhin flugs mit sich brächte, dass das Problem der vermaledeiten endlos langen Kassenschlangen endlich der Vergangenheit angehört, da ein Großteil der Kundschaft sodann ja hungerschläft. Auch wenn in dieser Erklärung sicherlich noch der eine oder andere Schwachpunkt lauert, so erscheint es mir auf jeden Fall um Größen logischer zu sein, als die Vermutung, man verkaufe den ganzen unbekömmlichen Trödel nur des schnöden Profites wegen. Dies wäre zwar auch eine durchaus denkbare Eventualität, zeugt aber doch, bei allem Respekt gegenüber den in den Filialen beschäftigten Teilzeitkräften, vor allem von einem großen Mangel an unternehmerischer Fantasie, und bewiese, dass auch in Chefetagen nur in Teilzeit gedacht wird. Was es gewiss auch nicht einfacher macht zu erklären, wie jemals Tante Emma zu den Gebrüder Aldi mutieren konnte.

Das mit dem Finger auf allen unnutzen Tand in den Regalen zeigen ist allerdings ein ausnehmend scharfes, zweischneidiges Schwert, welches man nicht unbedingt schwingen sollten, wenn man wie ich selbst im Staubfänger produzierenden Gewerbe in Lohn und Arbeit steht. Dementsprechend bitte ich meine Leser, diesen Artikel als niemals geschrieben zu betrachten.
Danke.

6 Antworten zu “Gestatten, Shoppenhauer!”

  1. spill sagt:

    Welcher Artikel?
    Wenn ich hier keinen neuen Artikel sehe, gehe ich meistens erstmal so Frustkaufen. Leider gibt’s keinen Artikel der so heißt hier in Italien, beim INTERSPAR.
    Dann kaufe ich mir meistens so 4kg Marshmellows(die kann man auch grillen!), oder so Mineralwasser “leggermente frizzante”, das sprudelt nur halb.

  2. Frankie sagt:

    Welchen Artikel?

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    @spill + Frankie
    Ich sehe, wir verstehen uns.

  4. Mo sagt:

    Würde mich jetzt einer fragen,ob ich obigen Text wortgetreu wiedergeben könnte,müsste ich passen.
    Würde mich jetzt einer fragen,ob ich den Inhalt denn halbwegs verstanden habe,müsste ich antworten: “Kannst Du mich das in zwei Tagen noch mal fragen? Ich müsste mich da nochmal explizit reinknien.” ;-)

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    Aber mindestens bis zu den Schultern!

  6. spill sagt:

    *empört guck*
    Also so perserve Sexualpraktiken hab’ ich genug zu Hause ey!
    Das fängt beim “Leggermente Frizzante”-Mineralwasser an, mehr will und kann ich dazu nicht tippen.