Zum 80.

Meine Veranlagungen mögen in die eine oder andere Richtung besonders stark ausschlagen, doch habe ich mich niemals dazu berufen gefühlt, an der Spitze der tumben Masse den Revolutionär zu geben. Dies freilich nicht, weil es mir möglicherweise keinen Spaß bringen würde, mit wehendem Haar und geschultertem MG und dicker Zigarre im grinsenden Gesicht Tod und Verderben in den Börsensaal von Frankfurt zu tragen. Schließlich hat, wer seinen kostspieligen Lebensunterhalt mit sozial halsbrecherischem Spekulieren und ebensolchen Transaktionen verdient, für den also die Millionen Lohndiener dieser Welt nur so etwas wie Halmafiguren sind, nicht auch noch verdient, friedlich in dem seidenen Bettbezug irgendeines 7-Sterne-Hotels in die Grube zu fahren. Als Charaktersau zu leben sollte auch artgerecht zu sterben beinhalten, und eine M134-Minigun ist als effektives Bolzenschussgerät doch noch jeden einzelnen Dollar Entwicklungskosten wert. Außerdem ist mir der Gedanke, durch Schäubles Todesschwadronen – oder wie immer man die Idee eines Einsatzes der Armee im Inneren auch bezeichnen möchte – im besten Mannesalter zur Strecke gebracht zu werden, weit angenehmer, als durch überforderte Altenpflegerinnen mich als tattriger Greis zu Tode spritzen zu lassen. Auch wenn der Preis dafür wäre, dass das eigene Konterfei zukünftig auf vielen T-Shirts der Teilnehmer von Parteitagen der Linkspartei prangen würde. Und Parteien, ganz egal welcher Couleur, waren mir stets zuwider, da man, sobald man einen Parteiaufnahmeantrag unterschreibt, seine geistige Autonomie an den parteipolitischen Nagel hängt und somit den Ratschlag Kants, den Mut zu haben, seinen eigenen Verstand zu benutzen, als nie gegeben betrachtet. Sarah Wagenknecht als linksgerichtete Wichsvorlage zu achten ist die eine angenehme Seite – im fraktionellen Gefangenenchor zu singen, obwohl man als Solist geboren, aber eine vollkommen andere.

Revolutionär bin ich deshalb nicht geworden, da ich denke, dass die Ketten, welche man dem Volke in einem Anfall von bewaffneter Güte von den gebeugten Schultern nehmen will, entgegen aller Wehklagen doch überaus gerne getragen werden, solange es nur dem Nachbarn noch ein stückweit schlechter geht. Die Illusion einer besseren Welt ist Flachbildschirmen gewichen und der letzte Funke des Aufbegehrens erstickt in den karitativen Kesseln der aus den Böden der Großstädte schießenden Suppenküchen. Sie machen uns proppesatt, damit wir den Hunger nach Gerechtigkeit nicht mehr spüren. Und wenn heute doch noch einer die Revolution plant, dann doch nur, um den Herren Großaktionären gleich Hummer und Champagner in die seidenen Kissen des Berliner Adlon kotzen zu können.

Hey, Che: die Früchte deiner Revolution sind faulig geworden.

16 Antworten zu “Zum 80.”

  1. Torsten sagt:

    Fantastisch. Ich verneige mich.

  2. “Die Früchte der Revolution sind faulig geworden” | die bördebehörde sagt:

    [...] Torsten Ein Besuch beim Kolumnistenschwein lohnt eigentlich fast immer, aber heute, heute, heute ist er ganz besonders gut. Exzellenter Text. Lesebefehl! Tags » Trackback: Trackback-URL | Feed zum [...]

  3. nomadyss sagt:

    Meine Unterschrift haste jedenfalls!

  4. Mike sagt:

    Viva la Revolution.

  5. Dieter Petereit sagt:

    Den Früchten der Che’schen Revolution wohnte bereits damals das Faulige inne. Gut, dass er in Bolivien zur Strecke gebracht wurde.

  6. Kolumnistenschwein sagt:

    Er ist jedenfalls nicht umsonst gestorben. Wenn man bedenkt, was die Merchandising-Mafia an ihm verdient hat …

  7. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    was den Gesang in einem fraktionellen Gefangenenchor betrifft, stimme ich Dir als Solist durchaus zu.
    Was die Suppenküchen in den Großstädten betrifft, bin ich nicht Deiner Meinung.

  8. Kai sagt:

    Ich hoffe das wir solche Symbole wie Che, eines Tages wieder aus der staubigen Kiste der Geschichte hervorholen, nur um Schäuble und Co.
    in Panik zu versetzen !
    Dein Text ist der Hammer, bravo

  9. Kolumnistenschwein sagt:

    @Mo
    Dies nennt man Meinungsvielfalt.
    @Kai
    Aber die Sichel lassen wir schön drin, gelle?!

  10. Kai sagt:

    Die Sichel ist auch relativ stumpf geworden,
    ich rede auch nur vom Symbol “Che”!

  11. Mo sagt:

    @Kai, Du bist sehr lieb.

  12. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    könntest Du in Deinen Kommentaren nicht etwas feinfühliger agieren?

  13. PropheT sagt:

    Was man mit Che gemacht hat (Kommerzialisiert) müsste man mit sämtlichen kommunistischen Prominenten machen. Wann kommt das Kim Jong Ill Mercandise?

  14. Dieter Petereit sagt:

    Ches Tod ist halt auf jede erdenkliche Weise zu begrüßen. Allerdings hätte man weder seine Leiche, noch sonstige Che-Symbolik jemals zur öffentlichen Schau stellen brauchen. Es gibt ja auch keine “I Like Stalin”-Mützen…

  15. Kolumnistenschwein sagt:

    @Mo
    Meine Gattin sagt immer, “ich wäre überhaupt nicht sensibel.”
    Worauf ich immer entgegne, dass ich nur realistsich sei.
    @Peter
    Ich habe mit Che nie ein Wort gewechselt. Warum auch immer. Alles, was man über ihn hört, wird je nach politischer Fasson eingefärbt, umgefärbt. Darum fällt der Name “Che” im Text auch nur einmal. Ich habe ihn weder glorifiziert, noch verdammt. Nur zur Kenntnis genommen. Und begrüßen werde ich, unter Vorbehalt eines Stimmungswandels, nur meinen eignenen Tod.

  16. spill sagt:

    Hey.
    Revoluzzer !
    Zuerst habe ich ein GOLF III – Sondermodell “Genesis” gefahren.
    In rotmetallic.
    Mit KurbelSchiebedach.
    Der hatte so Leichtmetallfelgen und ein SuperCassettenRadio ey.
    (hey da fetzte ModernTalking echt, und auch Genesis, war ja Pflicht, kaufverträglich)

    Danach das KIA
    (pöse Zungen behaupten das es K illed I n A ction…bedeutet, aber nur in Usa…)
    Sondermodell “CHE” mit eingebautem Zigarrenhalter und Nasenhaarschneider.
    Naja und einem Klingelton(kubanische Nationalhymne) bei jedem Anlassen(wenn es denn…).
    In Tarnanzuggrün.
    Mit der GARANTIELEISTUNG das wenn man sich mit diesem Teil versemmelt sofort und umgehend ein freundlicher KIA-Mitarbeiter den nun toten Kopf gen Camera hochhält.