Das Wort zum Sonntag

Eines vorneweg: trotz meiner in der Unlogik des Daseins begründeten suizidalen Neigungen bin ich durchaus in der Lage, mich an den verschiedensten Nichtigkeiten des Lebens fast schon kindisch zu erfreuen; ganz frei nach dem Satze Nietzsches “Seines Todes ist man gewiss: warum sollte man nicht heiter sein?”. So ziehen sich auch meine Mundwinkel stets unkontrolliert nach oben, wenn ich, als bekennender und an und für sich an allem mit Fußball zusammenhängendem Desinteressierter, eine graziöse Flanke oder gar einen ans Zirzensische grenzenden Torschuss von einem der deutschen Fußballspieler bei der Europameisterschaft reflexartig geistig beklatschen darf, auch wenn dieses natürlich auf Basis ihrer infam begrenzt erscheinenden Artistik am Balle doch recht selten der Fall ist. Was aber in solch einem Turnier recht wenig über eine erfolgreiche Teilnahme aussagt, da, wo sich Kinder um die Wette einen Berg hinunterrollen, nicht immer das Kind gewinnt, welches besonders geschickt um die Hindernisse zirkuliert, sondern zumeist jenes, welches alles im Wege stehende gnadenlos umwälzt. Der berühmt-berüchtigte “deutsche Kampfgeist” auf dem im optimalsten Falle mit einem Grundriss von 7140 Quadratmetern ausgestatteten Rasenflächen dieser Welt ist eben nicht fürs Museum der schönen Künste gemacht. Was dann im Ergebnis einen Großteil der Bevölkerung stets in ein Gemisch aus Alkohol- und Freudentaumel fallen lässt. (Wem das Beispiel mit den bergab kugelnden Kindern zu sehr an der Aktion “Gipfelsturm” der deutsche Nationalmannschaft vorbeigeschrieben scheint, der bemühe bitte seine Fantasie und stelle dieses Beispiel im Kopfe auf den Kopf!)

Doch wenn auch die Freuden der Götter schöner Funken sein sollen, so mahne ich gerade zu Zeiten von Brot und Spielen an, dass beim göttlichen Funkenflug die Gefahr einer alles Vernünftige niederbrennenden Feuersbrunst immerfort im trockenen Stroh fahnenschwenkender Hitzköpfe mehr als nur latent ist. Lassen Sie es mich so sagen: wenn mich selbst die übermächtige Freude nach einem besonders gut gelungenem Essen, welchem zudem nachkommend gar die Erfüllung eines lang gehegten sexuellen Wunsches, welcher quasi als kalorienarmes Dessert gereicht wurde, folgte, mich also übermannt, so erdreiste ich mich dennoch nicht, meine Freude über diesen überaus erquicklichen Zustand kundzutun, indem ich danach sofort in meinem Wagen steige, ums Viertel rase bis die Tanknadel erschöpft am Boden liegt, dazu wie bekloppt auf der Hupe herumdrücke und vorm Hause meines Nachbarn bis mir die Stimmbänder zu reißen drohen die Nationalhymne in den Nachthimmel schreie. So ein Handeln birgt nämlich die Gefahr, dass, wenn meine Nachbarschaft meine Freude über die vorzügliche Speise und den noch besseren sexuellen Kraftakt mit mir nicht teilen will, ich nicht nur Mittelpunkt einer gleichfalls kräftigen Keilerei sein werde, sondern deren bevorzugter Treffpunkt. Freude, liebe Fanatiker, ist doch was für innen, wo sie, ohne anderen Mitgliedern der Gesellschaft auf die Füße zu fallen, bis zur Ohmacht ihres Wirtstieres hupfen und hyperventilieren kann.

Auch hege ich die bodenlose Hoffnung in mir, dass bis spätestens zur WM 2010 an den Tankstellen Deutschlands 4 Sorten Benzin angeboten werden, und zwar in der Reihenfolge

-Normal

-Super

-Super Plus, und

-Benzin für Autokorsos,

mit einer Staffelung im Preise, die bei der letztbenannten Sorte ihren finalen Höhepunkt findet. Denn wer nächtens nach Ruhe dürstende Bürger eines kindischen Spieles wegen um diese Stille bringt, indem man Ressourcen verschwendend Nationalhymnen aus stinkenden Autokarawanen heraus krächzt, der sollte wenigstens im Portmonee spüren, wie schmerzhaft so etwas für die Leute ist, die nur innerlich singend Runden drehen. In diesem Sinne beneide ich die Spanier, denn im Falle eines Sieges fällt der Lärmpegel in deren Städten und Gemeinden sicherlich um etliche Dezibel humaner aus. Denn deren Nationalhymne hat wenigstens keinen Text.

Amen.

11 Antworten zu “Das Wort zum Sonntag”

  1. Torsten sagt:

    :-) )) Sehr schön, endlich mal wieder Tränen gelacht.

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    Ich auch. Aber nicht vor Lachen …

  3. Roland sagt:

    Ich selbst nutze ja gerne mal die Gelegenheit,in meiner Wohnung unartikuliertes Gebrülle auszustoßen, wenn draußen der chauvinistische Mob den Sieg von diesem und jenen feiert. Denn erstens fehlt mir mangels Herzdame sonst die Gelegenheit und zweitens habe ich ja jetzt eine Ausrede fürs Beklopptsein.

  4. Kolumnistenschwein sagt:

    Was die Herzdame betrifft: einfach mal anrufen – ich borge meine aus. Aber nur zum Schreien – Fummeln is’ nich’!

  5. PropheT sagt:

    …wieso gibt es bitte keine Kinder-rollen-Berg-runter-und-müssen-gefährlichen-Hindernissen-ausweichen-WM? Ich wäre begeistert!

  6. spill sagt:

    So habe ich das noch nie gesehen bzw.gehört.
    Ich habe nun nur noch 2 Fähnchen in petto, Vodka ist ‘raus-Eierlikör(Holland) auch, etc…….und jenachdem von wem der finale EM-RettungsSchuss herkam….ich meine man will ja nicht von LoserTeamAnhängern verprügelt werden, – atme ich morgen entweder TEUTSCHES PIER oder SPANISCHEN ROTWEIN fähnchenmäßig aus.
    Oder eben beides, – integrationsmäßig quasi.
    (Schon mal ein ArgumentationsKonzept für die StaatsDiener zurechtlegen gerade;-)

  7. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein, Du meinst in Deinem obigen Text bestimmt die WM 2010, denn 2008 gibt es keine WM.

    Kolumnistenschwein meint:
    * Freude, liebe Fanatiker, ist doch was für innen, wo sie, ohne anderen Mitgliedern der Gesellschaft auf die Füße zu fallen, bis zur Ohnmacht ihres Wirtstieres hupfen und hyperventilieren kann. *

    Kolumnistenschwein, gilt das denn auch für Ärger?
    Sollte der sich auch nur innen abspielen, ohne “anderen Mitgliedern der Gesellschaft” auf die Füße zu fallen?
    Oder bewertest Du das nach Deinem Gutdünken völlig anders? ;-)

    “…bis zur Ohnmacht ihres Wirtstieres…” ist übrigens eine schöne Formulierung von Dir.

  8. Kolumnistenschwein sagt:

    @ PropheT
    Wegen der schlechten Geburtsjahrgänge.
    @ Mo
    Fehler korrigiert. Danke.
    Das innere Abreagieren sollte für alle Gefühlsregungen gelten. Dies würde das menschliche Beieinander garantiert angenehmer gestalten.

  9. juf sagt:

    Ich tippe darauf, dass die Deutschen auch Weihnachten ab sofort mit einem hupenden Autokorso feiern. Und zwar von Heiligabend bis zum 2. Weihnachtsfeiertag. Still feiern ist einfach total out.

  10. nomadyss sagt:

    Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahahatärätätä.
    Ich finde diesen Text so genial, dass ich gestern abend, weil ich kein Freund des hupend herumfahrens bin, hupend herumgefahren bin!
    Mehr davon!

  11. Kolumnistenschwein sagt:

    Klar. Zur WM 2010.