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Über Klassentreffen liegt, sobald nur ein ausreichend langer Zeitraum seit Verlassen der Bildungseinrichtung und dem Tage des Treffens vergangen ist, ein Hauch von Brüchigem, von Vergänglichem, welcher eigentlich, bei genauerer Betrachtung, gar kein kaum wahrnehmbarer Brodem ist, sondern die vielschichtige Patina gelebter, verlebter halber Leben, samt tiefer, unauslöschlicher Kratzer, und einigen wenigen vom Glück auf Hochglanz polierter Stellen. Und die Plätze, die die Mortalität in den Reihen meiner ehemaligen Klassenkameraden mit solider Leere füllte, zeugten davon, dass das frühe Sterben doch immer noch eine überaus weit verbreitete Ursache für das Nichterreichen des Pensionsalters darstellt.
Wer es allerdings bis hierher, also in Zeit sowie Raum, geschafft hatte, kann als Beispiel dafür gelten, dass der Mensch ein zähes Stück belebter Materie ist, dem selbst so ungünstige Umstände wie der Verlust von Staat und FDGB-Ferienplatz nicht den existenziellen Hocker unterm Daseins-Hintern wegzuziehen vermochte. Die frei gebliebenen Stühle an unserem Tische indes bestätigten also mehr oder weniger die zu allen Gelegenheiten beschworenen Ausnahmen der oft allzu schnell manifestierten Regel.
Selbstverständlich ist die irrige Annahme, man fände nach 27 Jahren seine Mitschüler in jenem körperlichem Zustande wieder, welchen einem vor dem eigenen geistigen Auge die schwammige Erinnerung widerspiegelt, albern, idiotisch, nur dem an der Realität sich vorbei Mogelndem vorbehalten. Tränensäcke. Wülste. Graues Haar und Falten, tief und unerforscht wie der Andreasgraben. Doch das Allerschlimmste: man hat den ganzen Abend das Gefühl, in einen unbarmherzig ehrlichen Spiegel zu schauen. Dies ist natürlich gelogen; also nicht, was meine eigenes graues Haar und die Falten betraf, welche sich in den Gesichtern meiner ehemaligen Mitschüler reflektieren; es entspricht aber beileibe nicht meinem Empfinden, dass diese Spuren, welche der Zahn der Zeit seinem Naturell folgend in den meinigen Leib nagte, mir irgendwelches Missbehagen bereiten. Haare färben, Antifaltencreme – alles nur chemischer Hokuspokus, welchen ich dringendst abrate zu nutzen, da es garantiert kein markiger Abgang wird, wenn man dem Tod einstmals wie ein amateurhaft geschminkter Clown entgegentritt, welcher auf Grund nicht geleisteter Beitragszahlungen in die Künstlerkasse bis zum Sankt Nimmerleinstag bei McDonalds Luftballons knoten muss.
Es ist allerdings auch kein leichtes, den Gesprächsfaden, welcher abrupt vor 27 Jahren riss, wiederum frisch zu knüpfen, insbesondere, wenn dieser schon zu damaligen Schulzeiten recht einseitig gesponnen wurde. Dieser Umstand führte im übrigen dazu, dass kaum einer der Anwesenden meine Person als einen der ehemals Ihrigen erkannte, da ich als Schüler eine Aura aus Schweigsamkeit und schüchternem Gehabe nebst nie vollständigen Schulranzen schulterte. Dabei war meine verbale Beschränktheit allein der Tatsache geschuldet, dass ich schon im Alter von nur wenigen Monaten beschloss – wie einst Oskar Matzerath beschloss nicht mehr zu wachsen – mir erst einmal im Stillen ein Bild der Welt zu machen, bevor ich meinen Senf in dieser verkleckere. Dass sich dieses Bildnis schaffen bis zu einem ausgeprägt ehefähigem Alter hinzog, lag währenddem nur daran, dass ich einfach nicht glauben konnte, nicht glauben wollte, in was für eine bittere Realität mich die Brunft meiner Eltern hineinbefördert hatte. Und die Erzählungen der einstigen Schulfreunde, welche im nunmehr gesetzten Alter teils neben Gartenzwergen, teils neben Modeleisenbahnanlagen unaufgeregt auf den Sonnenuntergang ihres Lebens harrten, ließen mich das Schuldbekenntnis meiner elterlichen Erzeuger ununterschrieben im Geiste an meine Hirnwand nageln.
Nur gut, dass ich wenigstens in punkto Toleranz nie versetzungsgefährdet war.
30. Juni 2008 um 19:41
Also hier im freien Westen sind diverse NobelAutoVermietungen regelmäßig komplett ausgemietet.
Da weiß man schon…hey, – wieder ein Klassentreffen hier irgendwo.
30. Juni 2008 um 21:15
Schöner Text, die – unerwartete – Ernsthaftigkeit desselben gefällt mir gut. Ich habe “meine” polytechnische Oberschule 1988 verlassen und seitdem keinen von den Säcken je wieder gesehen. Das Leben meint es gut mit mir.
30. Juni 2008 um 21:32
@spill
Aus selbigen Grunde fand das Treffen in der Erfurter Altstadt statt, in der kein Mercedes durch die Gassen passt.
@Torsten
Ernsthaftigkeit?! Einigen wir uns auf subtilen Humor. Okay?
30. Juni 2008 um 21:34
Wenn es nach dem Gesprächsfaden geht: “Wie gehts dir” – so könnte in meinem Umkreis bald jeden Tag Klassentreffen stattfinden. Zu mehr reicht es meistens bei den meisten nicht
30. Juni 2008 um 21:35
Seeeeeeehr subtil.
30. Juni 2008 um 21:37
@Flyer
Ja, ich gehöre ja auch zu den Wortkargen …
01. Juli 2008 um 17:25
Hmm, schwer zu glauben, wenn man sich die Länge der Texte so ansieht.. ^^
04. Juli 2008 um 9:20
was ich bei meinem ersten Klassentreffen nach 7 (?) Jahren erschreckend fand waren nicht die körperlichen Gebrechen der Ehemaligen, wir waren ja alle noch taufrisch, sondern die geistigen Ge-, ja Erbrechen einiger Primaten.
Vielleicht stammen ja doch einigen von den Nacktmullen ab, ohne jetzt den Nacktmullen zu nahe treten zu wollen.
Nach der Schule noch mal mächtig die Sau rauslassen, dann sich hinsetzen, nie mehr aufstehen und geistig verblöden. Da will man dann schon nicht mal mehr “Na wie gehts denn so?” fragen, denn das will man ja doch nicht wissen.
07. Juli 2008 um 16:59
Also ich habe mal 1 (und zwar das erste und letzte!) Klassentreffen getan.
Es ist erschreckend zu sehen gewesen das sich manche Leute quasi nada verändert hatten.
Gleiche Hobbys, gleiche Interessen, gleiches Gehabe, etc. ….
Das könnte man in gewisser Weise wohlmeinend als “Konstanz” bezeichnen, wenn man denn sehrsehr wohlmeinend wäre…oder als “gefestigter Charakter”……, – oder schlichtweg als langweilig, die Person.