Eckwannenharakiri
Montag, 23. Juni 2008Ein optimales Leben stelle ich mir in ungefähr so vor, dass ich Tag für Tag nach einem konsequent frühen Erwachen auf nüchternen Magen ein großes Glas Orangensaft trinke, danach sofort aufs schon unbändig mit den Hufen scharrende Rad steige um 20 bis 30 Kilometer durch die noch schläfrige, menschenleere Morgenfrische zu radeln, und – nachdem ich die dünne Schicht gerade errungenen Schweißes per mit Duschdas versetztem kühlen Wasser nach meiner Rückkehr sinnenfreudig abgebraust habe – 2 Scheiben noch warmen Toastes mit herzhaftem Käse und einen fast schon unheimlich großen Pott Kaffee mit viel Milch und ohne Zucker zu mir nehme. Und dazu selbstredend noch einen halben Apfel und eine ganze Tageszeitung, da ersteres maßgeblich die Verdauung anregt und zweites auf Grund ihres Inhaltes ganz immens meinen Kreislauf. Dies ist zudem gesund und macht den Hausarzt vor Langeweile sich selbst abhorchen.
Leider scheitert ein derlei angenehmes Dasein schon an solch Kleinigkeiten wie die penetrante Eigenart der Gebrüder Aldi, welche trotz wohlgefüllten Geldbeutels um Nichts in der Welt davon ablassen wollen, für ihren Orangensaft selbst von der chronisch unterfinanzierten Kundschaft Bares einzufordern. Dieser Umstand führt nämlich nun dazu, dass ich, wenn ich tagtäglich mir in frühester Morgenstunde ein Glas dieses köstlichen Saftes in den Hals gießen will, ich danach nicht Rad fahren kann, sondern arbeiten gehen muss, weil, wie gesagt, der vor Vitamin C strotzende O-Saft eben nicht für lau zu haben ist. Ebengleiches gilt übrigens auch für den Käse, den Toast und die Tageszeitung.
Selbstverständlich könnte ich auf Orangensaft, Käse, Toast und Tageszeitung verzichte, was immerhin mit sich brächte, für diese Dinge nicht arbeiten zu müssen. Doch dieses Verzicht üben würde mich mein Leben eben nicht optimal leben lassen. Doch tägliche Erarbeiten dieser mein Dasein genießbarer machenden Güter verhindert wiederum meine tägliche morgendliche Radtour, welche das vielblättrige Kleeblatt meines Lebensglückes erst perfekt macht, da Stechuhren entgegen gelegentlicher Annahmen keineswegs bestechlich sind. Und da ich mich momentan verstandesmäßig nimmer in der Lage sehe, diese Problematik gleich einem verknotetem Knäuel Wolle mit der Fingerfertigkeit meines Intellektes auseinander zu fummeln, scheint es mir vollkommen abwegig, auf ein möglichst langes, dafür genussloses Leben zu drängen. So gesehen sind Orangensaft und Fahrradtouren und kaltes Duschen ja reinweg überhaupt nicht notwendig – ganz im Gegenteil – es schreit geradezu nach einem Dutzend Flaschen Pils zum mittäglichen Aufstehen, dazu Berge von Speck mit Eiern und Fernsehen und Sofa, und wenn schon unbedingt Duschen, dann nur Samstags und nur lauwarm und mit Badekappe. Ob mit Badekappe duschen allerdings das Leben maßgeblich verkürzt, sei hier ohne jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund zur freien Diskussion gestellt. Aber einen Versuch ist es mich allemal wert.
