Warum es mich nie ans Rote Meer drängt (1)
Freitag, 25. Juli 2008Nichts liegt mir ferner als über Sinn oder Unsinn einer Flugreise zu lamentieren, insbesondere wenn man diese als Pauschaltourist anzutreten gedenkt und einem das Flugticket bereits seit etlichen Wochen zu gut einem Drittel aus der Tasche des Hawaii-Hemdes lugt. Und zweifelsohne hatte sich auch in mir schon vor geraumer Zeit das fast schon allgemein zugängliche Wissen breit gemacht, dass sich ein überaus gewaltiges Quantum an Erquickung gewiss auch ohne fernen Strand und ebenso weit entferntem Meer wie obenauf schwimmendes Fett im Kessel des gesetzlich zugesicherten Grundurlaubes bspw. auch in Thüringen abschöpfen lässt. Jedenfalls solange man nur dickfellig und im Darmtrakt nervenstark genug ist, um sich von der dortigen Küche und dem gleichsam missratenen Wetter nicht eben genau in jenen Kessel spucken zu lassen. Rostbratwurst und dreiwöchige Regenschauer sind nicht jedes Urlaubers gut gefüllte mentale Druckluftflaschen, die man im Fall des Falles dringendst benötigt, um mittels dieser durch unkontrollierbare Vorfreude ausgelöste Luftsprünge auch so ausführen zu können, um gleich weg gut in A- wie auch B-Note abzuschneiden. (Auch wenn es kaum wahrscheinlich scheint, menschliches Behagen jemals als olympische Disziplin bewundern zu dürfen, so muss es dennoch erlaubt sein, bei einer insgeheim innerlich stattfindenden Olympiade der Gefühle reichlich Medaillen einzuheimsen!)
Dass ich dennoch in unregelmäßigen Zeitabschnitten für einige Wochen mit Sack und Pack gen Süden ziehe, hat indes viel mehr damit zutun, dass, wenn man in einer Demokratie lebt, man eben auch damit leben muss, dass die Vernunft dann und wann einfach in Grund und Boden dieser Volksherrschaft gestimmt wird. Und es ist außerdem nun einmal so, dass, wenn man die Demokratie leichtsinnigerweise bei Gründung der eigenen Familie dito als Grundordnung in dieser installiert hat, die Stimmen von Frau und Kind nun einmal doppelt so schwer wiegen, wie das Leichtgewicht meiner einzelnen. In solch einem Falle hat es auch keinerlei Sinn, mit einer gespaltene Persönlichkeit als Mehrheitsbeschaffer punkten zu wollen. Selbst der an sich doch tonnenschwere permanente Einwand meiner Flugangst wurde mit dem Stößel der Statistiken im Mörser längerer innerehelicher Gespräche zu dem im Winde der Meinungen verwehenden Staube zermahlen. Leider hatte meine Gattin nämlich erst kürzlich davon gelesen, dass auf Flugreisen weit weniger Menschen um ihr mickriges Leben kämen, als auf festlandgebundenen Autobahnen. Was mich leichtsinnigerweise dazu brachte, wenn auch in gemäßigtem Tonfall, so trotzdem äußerst vernehmlich zu äußern, dass Sultan Murad IV. einst, als er 1623 in der Türkei den Thron übernahm, 240 Ehefrauen erbte und davon jede einzelne in einen Sack packen ließ und diesen in den Bosporus werfen. (Dies mag zwar geschichtlich vollkommen korrekt sein, ist aber als Argument in einer amtlich beurkundeten Beziehung nicht immer als ein solches, ohne ein damit untrennbar verbundenes Schiefhängen des Haussegens, folglich niemals ohne Kümmernis zu nutzen. Denn schiefe Haussegen lassen die eheliche Immobilie, also das Gemäuer einer auf dem unsicheren Grunde wunderbarer Emotionen gebauten Zweierbeziehung, über Nacht rapide im Wert sinken!) Indessen scheint es mir auch vollkommen gerecht zu sein, dass auf Autobahnen weit mehr Mitmenschen den Löffel abgeben, als in den von blassen, südwärts drängenden Touristen allsommerlich eroberten Lüften. Denn Autofahrer sind im Gegensatz zu Piloten moralisch beispiellos verwildert. Ich habe jedenfalls noch nie davon gehört, dass ein Pilot einer A 737 zu dicht aufgeflogen ist und dann auch noch mit Lichthupe den voran fliegenden Jet bedrängte. Gleichfalls habe ich auch noch nie davon gehört, dass, wenn man über autobahndurchzogenem Festland abstürzt, die stets im Notfall anzulegende Schwimmweste auch nur den geringsten Nutzen habe. Was, so mutmaße ich, einen nicht gerade geringen Anteil an meiner Flugpsychose hat. Mitgeflogen bin ich dennoch, denn schließlich bin ich das, was der Volksmund einen aufrechten Demokraten nennt. Und manchmal auch einen Idiot.
