Einzelkrämpfer
Samstag, 30. August 2008Es ist eine meiner halsstarrigsten Angewohnheiten, die ich aber nicht wirklich in der Lage bin vernünftig zu begründen. Doch so bald ich die wie auch immer geartete Möglichkeit dazu habe, schalte ich am Fernsehapparat oder am Radio die Nachrichten ein, oder stecke meine fleischige Nase in die sich schamlos spreizenden Schenkel der Doppelseiten meiner Tageszeitung, so, als wolle ich mir beglaubigen, was ich auch ohne permanenten News-Ticker schon lange als solides Wissen in mir trage: die Kacke, die ist doch immer irgendwo am dampfen.
Egal ob mal wieder in irgendeinem Kaff dieser Welt aufmarschiert wird, um den Dunstkreis um eine Dorfkirche herum für national unabhängig zu erklären. Oder irgendeine vom großfinanzpolitischen Etablissement gelenkte Armee ihre blutbefleckten Finger nach unter fremder Erde ruhenden Ressourcen ausstreckt. Oder sich mal wieder ein religiös Verwirrter auf einem von Lärm und Kameldunst erfüllten Marktplatz in die Luft gesprengt hat, nur weil er glaubt, sein Gott sei so sondergleichen göttlicher als der Gott seines in Lumpen gehüllten Nachbarn: die Welt, die der einfältige Mensch mit seinen Torheiten prägt, ist ein Fass voller Gülle und es tropft und tröpfelt und das Fass ist stets und ständig am überlaufen.
Dazu die kleinkalibrigen Berichterstattungen über allgemeine Beitragserhöhungen, steigende Inflationsrate und Preisschrauberei bei Produkten des täglichen Bedarfes, welche den kleinen Mann – wie ich es nun mal einer bin – natürlich nicht sofort tödlich getroffen hinstrecken, sondern erst nach und nach zu Fall bringen. Denn ein Mensch bringt, im Gegensatz zum schlachtreifen Schwein, den denkbar größten Erlös, wenn man ihn ganz langsam ausbluten lässt.
Dennoch spitze ich Ohren und Augen, wohl von dem geheimen Wunsche gelenkt, die Nachrichten mögen wenigstens dieses eine Mal von einer Art sein, welche einen angenehm wärmend durchströmen, oder einen wenigstens kurz ganz tief durchatmen lassen, ohne einem den Gestank von gesellschaftlicher Fäulnis und Verderbtheit in die Nüstern zu blasen. Zum Beispiel hätte die redaktionell aufgearbeitete Mitteilung, körperliche Liebe gäbe es ab dem nächsten Quartalsbeginn – bei nur kaum finanziell ins Gewicht fallender Selbstbeteiligung – auf Rezept, durchaus das Zeug dazu, mein zähes Blut zu erwärmen, auch wenn nur im unteren Körperbereich. Mit solch einer lendenfreundlichen Aktion würde man ja auch gleich zwei garstige Fliegen auf einmal schlagen. So würden definitiv weit weniger Männer darauf drängen, ihren Wohnbezirk für staatlich autonom zu erklären, denn für solch einen unterarmhaaraufstellenden Unsinn hätte der Nationalist in spe ja gar keine Zeit mehr, da er ständig unheimlich bemüht wäre, möglichst viele Behandlungstermine bei seinem Hausarzt rauszuschinden. Und zum Zweiten würden Prostituierte ja dann ganz offiziell zum Berufszweig der Pflegedienste gehören, was diese leichtbeschürzten Damen a) endlich tariflich absichern und b) das Ein- und Ausgehen dieser viel im Liegen bzw. auf Knien arbeitenden Grazien in meinem Hause endlich den Hauch des Verruchten nehmen würde. Aber nein, die Nachrichten sind vollgepfropft mit Untergangsszenarios, pickepackevoll mit freudig in Luft wie Menschen schießenden Idioten, und wenn dann doch mal was über käufliche Erdenbürger berichtet wird, so handelt es sich dabei zumeist leider nicht um gutgebaute Liebesdienerinnen, sondern nur um alltägliche Politiker.
Nur die heutige Meldung, dass man einen 73-Jährigen 10 Tage lang tot in einer Anlage für “Betreutes Wohnen” unbemerkt liegen ließ, ließ mich ansatzweise hoffen. Den wenn “betreutes” Wohnen bedeutet, dass sich kein Arsch mehr um einen kümmert, so melde ich mich noch heute in dieser Anlage an. Ich leide nämlich seitdem Ausspruch unserer Kanzlerin, dass “sozial ist, was Arbeit schafft”, unter einer ausgesprochen massiven Sozialphobie.
