Mehdornenkrone

In einem Alter, in welchem sich in so manch einem meiner Schulkameraden der nur durch die Zeit heilbare Wunsch, im späteren Leben einmal den Beruf eines Lokführers zu ergreifen, sich manifestierte, oder auch, als Alternative, als wie mit einem brutalen Faustschlag geschminkter Clown im Zirkus in viel zu großen Hosen den Bespaßer zu geben, hatte ich mich beruflich längst darauf festgelegt, wirklich alles Erdenkbare zu werden, sogar typische Frauenberufe in Betracht gezogen, wirklich alles, außer eben Lokführer, oder ein nach Feierabend Elefantenscheiße schaufelnder Hanswurst. Der Beruf eines Lokführers erschien mir nämlich – im Gegensatz zu meinen arg lebensfremden Altersgenossen – so wie kein anderer Job auf dieser Welt unter einem ungeheuren Mangel an Kreativität zu leiden. Denn Tag ein und Tag aus auf vorgegebenen, immergleichen Schienen in verschrobenen Kreisen dahinzufahren, einzig und allein darauf hoffend, dass der Abwechslung wegen endlich mal eine 300köpfige Schafherde samt Schäferhund und Schäfer auf den Schienen äsen mag, oder wenigstens mal ein Lebensmüder quer zur Fahrrichtung unter den metallenen Rädern des Zuges Erlösung zu finden sucht, lässt den berufliche Alltag nur allzu leicht zur unendlichen, aus der einkommensbedingten Einförmigkeit geborenen Sisyphus-Qual verkommen. Ob ich diese aus Schachtelsätzen bestehende Erkenntnis selbst ausgebrütet hatte, bleibt bedauerlicherweise zu bezweifeln, denn in einem Alter, in welchem man Comichefte noch für weit begehrenswerter als Tittenhefte hält, ist man den Mythen, welche Nachbarn und Verwandte zu Geburtstagsfeiern und Leichenschmäusen in Bezug auf Berufsbilder freizügig auftischen, so aufgeschlossen wie das Weimarer Museum für Ur- und Frühgeschichte am Tage der offenen Tür. Soll heißen: man hängt gebannt an den alten, spröden Lippen, bereit, fernab jeder noch so berechtigten Kritik selbst einen Münchhausen als den Größten aller jemals lebenden Realisten abzufeiern.

Und doch, weil ja bekanntlich das Erlebte der eigenen Kindheit prägend auf den Rest des Lebens wirkt, komme ich heute einem unbekannten Reflex folgend nicht umhin, bei jeder sich ergebenden Gelegenheit die Lokführern auf den Bahnstrecken dieser Welt darauf aufmerksam zu machen, dass wirklich keinerlei Hoffnung besteht, dass ihre Schienen alsbald mit Schafen oder Lebensmüden gepflastert sind, denn – die Schafe hier nun einmal außer acht lassend – auffallend zahlreich sind die konkurrierenden Suizidarten, zu verlockend die Aussicht auf ein schnelles Ableben, ohne sich auf unpünktliche Züge verlassen zu müssen. Auch wenn die Statistiken leider nicht sagen, wie viele Menschen auf den Strängen der Deutschen Bundesbahn qualvoll verhungern und verdursten, weil die Züge mal wieder wegen Streik – oder weil sich irgendwo mal wieder ein Lebensmüder hoffnungslos hoffnungsvoll auf die Schienen legte – wie festgeschweißt auf den Gleisen stehen, oder gar im schlimmsten Fall den Lokschuppen erst gar nicht verlassen haben. Denn da sind doch rezeptpflichtige Arzneien, Schusswaffen verschiedenster Kaliber, Selbstverbrennung, Sprünge aus Fenstern und von Brücken, und, hier nicht zu vergessen, das gute alte Strangulieren durch Strick oder auch ledernen Hosengürtel, weitaus zuverlässiger, da alle Zutaten zu genannten Freitodmethoden nicht durch Gewerkschaftszugehörigkeiten oder technische Probleme halbseiden glänzen.

Was oder wer meinen Mitschülern damals den Gedanken einimpfte, ob eventuell Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer ihre hölzernen Hände im Spiel hatten, blieb mir stets verborgen. Auch, ob eventuell wirklich einige von ihnen nun im Schienennetz der Deutschen Bundesbahn beruflich hängen gebelieben sind. Ich selbst musste aber lernen, dass den wenigsten Berufen Kreativität abverlangt wird, Fantasie und Begabungen jeder Art eher hinderlich sind, um ein Einkommen zu haben, welches gerade noch so verhindert, sich selbst vor die von vielleicht ehemaligen Klassenkameraden gelenkten Züge zu werfen. Die meisten Berufe sind nämlich schienengebunden, nur sind die Schienen zumeist nicht aus Stahl, sondern aus unsichtbaren Zwängen verlegt und gebogen. Nun gut. Clown blieb mir wenigstens erspart.

13 Antworten zu “Mehdornenkrone”

  1. PropheT sagt:

    Ich habe ebenfalls nie als Kind den Wunsch verspürt, Lokführer zu werden. Aber je älter ich werde desto relevanter finde ich diese Option und zwar aus dem Grund, warum Sie ihn ablehnen: Man muss nicht viel können, weil man immer nur das Selbe macht und in dem Kreise der repetativen Jobs ist Lokführer wohl einer der am besten bezahlten!

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    Dass man nicht viel können muss, habe ich nicht gesagt, da ich dieses nicht beurteilen kann. Jeder Job verlangt nach Wissen, nur manchmal eben immer nach demselben. Das habe ich gesagt.

  3. Hans sagt:

    Wie viel so ein Lokführer heute können muss, das weiß ich leider auch nicht. Zu Zeiten der Dampflokomotiven stellte man jedoch noch sehr hohe Anforderungen. Lokomotivführer genossen ein Ansehen wie Ingenieure. Aus dieser romantischen Zeit stammt auch der Ruf des Traumberufes. Heute ist davon nichts mehr übrig. Vor allem auch eingedenk dessen, dass man die meisten Lokführer mittlerweile durch Automaten ersetzen könnte.

    Warum ich mich eigentlich zu Wort melde, ist eine rechtliche Frage die sich mir beim Lesen des Artikel aufdrängte. Inwiefern kann denn ein des Lebens müder die Bahn für eine Verspätung oder gar für einen Totalausfall zur Verantwortung ziehen? Man stelle sich vor, da liegt einer auf den Schienen und der Zug kommt nicht. Es dauert zu lange, er steht auf, will pinkeln gehen und da rauscht plötzlich außerplanmäßig der Zug hinter ihm vorbei. Oder kommt eben gar nicht. Hat der Suizide in spe da nicht Anspruch auf Schadenersatz?

    MfG
    Hans

  4. Kolumnistenschwein sagt:

    Wer das Leben satt hat, dürfte Gerichtstermine gleichfalls satt haben. (Wobei eventuell gerade diese zur Lebensmüdigkeit geführt haben könnten!) Insofern werden Klagen natürlich selten eingereicht. Schade.

  5. Flyer sagt:

    Für diejenigen, die nicht erkannt haben, wie sie die schienengebundenen Zwänge ihrer Ausübung ändern, vereinfachen oder erleichtern können, ist der Zug ohhnehin schon längst abgefahren…

  6. Tobias sagt:

    Ich kann hier euer Dunkel ein wenig illuminieren. Die Bahn haftet nur dann wenn eine nachgewiesene psychische Erkrankung mit suizidalen Gedanken vorherrscht und aufgrund der Verspätung der Bahn eine Erkrankung nach ICD klassifiziert werden kann. Also kurzum. Möchte ich einen Suizid auf Bahngleisen begehen und erleide eine Erkältung, ist die deutsche Bahn Schadensersatzpflichtig. Aber nur wenn ich eine vorherige psychische Erkrankung nachweisen kann.

  7. Sash sagt:

    Eine sehr schöne und geistreiche Kolumne. Danke!
    Insbesondere die letzten Sätze erfreuen mich, bestätigen meine Ansicht und sind dennoch erfrischend. Ich lese nach wie vor gerne hier.

  8. Kolumnistenschwein sagt:

    @Flyer
    Wer aber bei voller Fahrt abspringt, riskiert sich den Hals zu brechen. Ich empfehle: unauffällig die Notbremse ziehen und bei Eintreffen des Zugpersonals so zu gucken, als wüsste man von nichts. Danach aussteigen und zu Fuß weitergehen. Entschleunigung heißt das Zauberwort.

    @Tobias
    Ich hoffe, deine Ratschläge erwiesen sich vor Gericht als hieb- und stichfest …

    @Sash
    Amen!

  9. Thommy sagt:

    Wenn das nicht so traurig wäre. Ich bremse so alle 5 Jahre … stehe bald wieder vor den nächsten Bremsung, da mich das Führerhaus meines jetzigen Zuges irgendwie anödet.
    Na ja. Schönen Sonntag noch.

  10. Mo sagt:

    Kolumnistenschwein,
    was ist das denn für eine nicht gerade geistreiche Antwort von Dir, auf den freundlichen Kommentar von “Sash” ?
    Verstehe ich überhaupt nicht.

  11. Kolumnistenschwein sagt:

    Die Welt ist voll von Geistlosen – da möchte ich wirklich nicht Außen vor stehen!

  12. Blofkap Speaking sagt:

    Geistlosigkeit is the next big thing!

  13. Kolumnistenschwein sagt:

    @blofkap
    Falsch! Das war es schon immer!