Formfragen

Ich kann mich bei Gott nicht mehr daran erinnern, welcher Teufel mich einst wohl ritt, als ich vor einigen Jahren im Taumel wirrer Gedanken beschloss, mir ein Rad zu kaufen, auch eine Hantelbank und diverse Hantelstangen samt über 100 Kilogramm an eisernen Scheiben. Und dies Alles nicht nur als Zierde, um im karg eingerichteten Wohnzimmer stählernen Glanz zu verbreiten, nein, ich war tatsächlich gewillt, diese Geräte ihrer Bestimmung gemäß zu benutzen, als wären die Leute, die mit T-Shirts der Größe XXL herumliefen, auf denen der Spruch Sport ist Mord zu lesen war, nicht über Jahrzehnte hin meine dicksten Freunde gewesen, die stets mampfenden und rotwangigen Spiegelbilder meines überaus körperlichen Ichs. Doch es war weder meine Frau, die mich zu schweißtreibender Körperertüchtigung ermunterte, aus Angst, ich könne schon demnächst einem mörderischen Herzinfarkt erliegen, und dann stände sie da von November bis März, ganz allein, Aug’ in Aug’ mit dem zu schippenden Schnee. Und schneeschippende Frauen sind ein Bild, dass man allenfalls zu Kriegszeiten zu sehen gewohnt ist, wenn Vater fern der Heimat für Industrie und Hochwohlgeborne von und zu Rotz die Kastanien aus dem angebliche feindlichen Feuer holen musste.

Auch kann ich mich nicht daran erinnern, dass meine Gattin jemals Kritik an meiner leiblichen Fülle äußerte, obwohl das Kilogramm an Lebendgewicht, welches ich pro Jahr unsere Beziehung regelmäßig zulegte, nicht spurlos an mir vorüber ging. War ich zum Beginn unseres vorehelichen Verhältnisses noch mit den Körpermaßen einer Kate Moss gezeichnet, so drohte ich gegen das 10 Ehejahr hin schon mit der Fülle eines Helmut Kohl. Und dabei es ist sicherlich nicht jeder Frau größte Erfüllung, wenn ein Mann von des Altkanzlers Statur im Schein einer 25-Watt-Nachtischlampe seinen Bimbes präsentiert.

Mag der Grund für meinen spontanen Entschluss, der Sitzdelle meines Sofas wenigstens stundenweise zu entsagen, um das Körperfett in die Knie, und meine Muskeln zu Wachstum zu zwingen, auch verschollen sein; seit gut einem Jahrzehnt stemme ich sporadisch Eisen, gebe dem Drahtesel die Sporen, und habe ich die Wahl zwischen Fahrstuhl und Treppe, so lasse ich den Fahrstuhl gewiss sausen, und eben so gewiss ohne mich. Mein Körpergewicht hat sich seitdem um gut 13 Kilo reduziert, was an sich schon verwundert, da der menschliche Körper jenseits der 30 doch stets bemüht ist, Reserven anzulegen, wofür weiß allerdings nur er allein. Und Muskeln in diesem Alter anzutrainieren; dieses verzweifelte Unterfangen ist genauso mühsam, wie eine totaloperierte Frau schwängern zu wollen: es braucht ungemein viel an Mühe und Schweiß. Was an sich für mich bedeuten sollte, dass doch in meinem vorangeschrittenem Alter alle Klimmzüge für mich längst abgefahren waren.

Ob Sport treiben indes einen Sinn macht, bleibt freilich zu bezweifeln. Schließlich wird ein durchtrainierter sehniger Leib genauso vom grimmigen Sensenmann geholt, wie der 4 Zentner schwere Stammgast aus dem Cafe Kranzler, dessen einzige sportliche Betätigung seines Lebens darin bestand, seine Nase laufen zu lassen, wenn seine in den Genen festgeschriebene Zeit erst einmal abgelaufen ist.

Sorgen macht mir allein, dass man, wenn man eine Stunde zügig im Studio trainiert, knapp 800 kcal verbraucht, was bei dreimaligem Training pro Woche insgesamt circa 2400 kcal ausmacht. Übers Jahr kommen so ungefähr 127200 kcal zusammen, was mich angesichts der Tatsache, dass in vielen unwirtlichen Gegenden dieser Welt Menschen mangels Kohlenhydraten tagtäglich einfach so verhungern – während ich mit Kalorien spaßeshalber nur so um mich schmeiße – in nachdenklichen Minuten flüchtig erschreckt. Und so trage ich in letzter Zeit mein altes Sport-ist-Mord-Shirt des öfteren wieder voller Überzeugung. Auch wenn es ganz schön an mir schlabbert.

(Auch zum Thema: Highway to Hell – Oder: Joggen bis der Arzt kommt)

 

PS: Falls es in nächster Zeit hier etwas ruhiger werden sollte: bitte nicht beunruhigt sein, ich bin nur beschäftigt! Und zwar mit einem größeren Projekt, welches ich schon lange vor mir her schob. Ich werde bei Gelegenheit über das Gedeihen dieses Projektes auf der Seite Schweineschwarte Rechenschaft ablegen. Für Neugierige. Und für mich als Motivation.

11 Antworten zu “Formfragen”

  1. Hans sagt:

    Tröste Dich, Kolumnistenschwein. Selbst eine Kate Moss hat mittlerweile etwas Hüftgold angelegt. Davon bleiben nur die Wenigsten verschont. Und ob Sport wirklich so gesund ist, darüber streiten die Gelehrten seit es ihn gibt. Solange der Mensch sich wohl fühlt ist die wichtigste Hürde schon genommen.

    MfG
    Hans

  2. nomadyss sagt:

    Greift hier die Mid-Blog-Crisis um sich? Petereit hat den Stecker gezogen, Du spekulierst darüber, ob Du Sport treiben solltest und willst Dich auch anderen Projekten widmen.
    Machs doch nicht so spannend!

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    @nomadyss
    Einfach mal im Sideboard unter Stallordnung auf “Schweineschwarte” klicken.

  4. Flyer sagt:

    Freu mich schon auf das neue Dingens!

    Aber bitte bitte bitte erhalt uns wirklich das Archiv, welches mir und vielen meiner Kontakte schon manche Lachabende beschert hat. Und warscheinlich bin ich auch einer der ganz wenigen, die von sich behaupten können, daß sie so ziemlich viel/fast alles aus dem Archiv gelesen haben…

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    Klar, bleibt alles erhalten. Die meisten Storys arbeite ich aber mit ins Manuskript ein. Und, soweit ich es jetzt schon beurteilen kann, es funktioniert!

  6. Hans sagt:

    Hallo Kolumnistenschwein,

    jetzt steht ja was in der Schweineschwarte. War schon gespannt.

    Wie wäre es wenn Du das als eBook rausbringst und gegen Downloadgebühr auf Deiner Seite anbietest? Bezahlung per Paypal o.ä. Ist ziemlich unkompliziert.

    MfG
    Hans

  7. Kolumnistenschwein sagt:

    Darüber mache ich mir eventuell Gedanken, wenn das Werk vollendet ist. Aber bis dahin fliesst, wie man in meiner Gegend sagt, noch viel Wasser die Ilm runter. Arbeit, Familie, Garten, Sport (siehe obigen Artikel) etc. – da bleibt nicht viel Zeit über, um auf den Nobelpreis für Literatur hinzuarbeiten …

  8. spill sagt:

    Ich gebe sportlichst nochmal eindringlichst zu bedenken.
    29 Tassen Espresso verbrauchen genausoviel Kalorien alswie 65hrs Hanteltraining !
    Und man kann relativ(bis zur ca.12ten Tasse jedenfalls)locker in einem Cafe sitzen.

  9. Blofkap Speaking sagt:

    @nomadyss: Sei doch bloß froh, dass der P. endlich abgeschaltet haben. Mann, was habe ich den Typen gehasst. Eine Schreibe zum Würgen und nix zu erzählen. Dem weine ich keine Träne nach…

  10. Kolumnistenschwein sagt:

    @Blofkap
    Alles subjektiv.

  11. Blofkap Speaking sagt:

    Alles, außer mir!