Archiv für August 2008

Gute-Nacht-Geschichte

Dienstag, 19. August 2008

Wenn Träume wirklich Schäume sind, so kann ich von mir behaupten, dass ich die meisten meiner Nächte in veritablen Schaumbädern verbringe. Doch sind diese Schaumbäder leider nicht mit so wertvollen Beimengungen wie Rosenblütenblätter, Moschus und seltenen ätherischen Ölen versetzt, sondern mit Dornen, Scherben und abgebrochenen rostigen Messerklingen, allesamt Produkte der Firma A-L-B. Meine Träume sind nämlich in den meisten aller Fälle nicht erstrebenswert süß; sie sind bitter und monströs, wie ein Kölner Dom, bis unters Dach gefüllt mit Chinin.

Wenn es nun aber an dem ist, dass in Träumen die Geschehnisse und Emotionen des vergangenem Tages verarbeitet werden, so müssen meine garstigen Nachtmahre doch zwangsläufig aber auch bedeuten, dass mein Tagewerk allezeit von Düsternis und Kümmernis erfüllt sein muss. Doch durchforste ich selbstkritisch die sonnenlichtdurchwebten Stunden meiner Wochen- sowie Wochenendtage, so bleibt mir nur zu protokollieren, dass ich weder rege Parteiarbeit betreibe, noch telefonische Akquisition, auch von Massenvergewaltigungen, gleich, ob passiv oder aktiv, halte ich mich so gut wie es eben nur geht denkbarst weit entfernt.

Blieb noch die Möglichkeit, dass äußere Reize meine Träume versalzen, mit Dornen und Scherben durchmischen, auf dass ich meine Träume niemals freiwillig und frohen Herzens als zweite Wohnstatt wählen würde. Schließlich heißt es doch, dass die Geräusche der vorm Fenster vorbeifahrenden Fahrzeuge einen Traum durchaus beeinflussen können. Gleiches gelte auch für Worte, Gerüche und selbst für das Klingeln des Weckers. Wobei ich letzteres wohl am noch ehesten gelten lassen würde, denn wenn ich auch als jugendlich naiver Filmkonsument einst blutrünstigste Videos für meine damalig noch einsamen Abende bei gleichfalls geschmacklich noch Unreifen auslieh – das Weckerklingeln am nächsten Morgen bescherte mir immer weit, weit mehr Gruseln, als die Stapel der indizierten und nicht zurückgespulten Filme.

In diesem Sinne interessiert es mich auch herzlich wenig, dass nach dem Sinn aller Träumerein bis zum heutigen Tage noch vollkommen umsonst gesucht wurde, alle Forschungen zum Zwecke des Lösens dieses im Schlafe aufkommenden Problems im Sande verliefen, die sicherlich eine Menge Kies kamen. Ob man nun träumt, um die scheinbar unlösbaren Knoten des Wacherlebens im Schlafe zu zerschlagen. Oder ob man im Traume nur vergessen will. Oder ob Träume als Funktion inne haben, den Ängsten des Träumenden alles Angstvolle zu nehmen: ich scheiße drauf. Denn was soll es denn bitte schön bedeuten, wenn ich in der letzten Nacht träumte, dass der Bargeldautomat meiner Sparkasse defekt ist, und davor ein dunkelhäutiger, bartstoppeliger Mann saß, welcher mich aufforderte, die Geheimzahl meiner Geldkarte bei ihm einzugeben, und zwar indem ich seine Nasenspitze mehrfach so stark biege, bis diese meiner Geheimzahl äquivalent geknackt hätte!

Es sind nämlich genau solcherart Traumgespinste, welche mich morgens immer schweißnass aufwachen lassen, mit so einem Zucken in den Augenlidern, so einem Zittern der Gliedmaßen, so dass ich postwendend online literweise Kaffee und kiloweise Guarana-Kapseln im 24-Stunden-Lieferservice ordere, auf dass ich den nächsten Traum soweit wie nur möglich hinauszögere, um mich in dieser albtraumfreien Zeit einer sicherlich schon längst überfälligen psychologischen TÜV-Hauptuntersuchung, und, wenn ich schon einmal dabei, auch einem geistigem ASU unterziehe. Und dieses nicht nur, um der bunten Plaketten wegen, welche mich dann frontal und auch auf der Rückseite schmücken.

Und wenn Martin Luther King einst sagte “I have a Dream!”, so sage ich heute “Ich leider auch!”. Auch wenn ich natürlich weiß, dass mein Ausspruch, im Gegensatz zu Martin Luther Kings, niemals das Zeug dazu hat, jemals im Lexikon berühmter Zitate erwähnt zu werden.

Das Wort zum Sonntag

Samstag, 16. August 2008

Ich reihe mich nicht in die Reihe der Erregten ein, welche Gift und bittre Körpersäfte spucken, weil die Verantwortlichen der Eröffnungsfeier für die Olympischen Spiele in Peking diese Festlichkeit optisch etwas aufgehübscht haben. Da wäre zum einen das Feuerwerk, welches im Lande der Erfinder des Schwarzpulvers natürlich nicht nur puffen und paffen und glänzen und leuchten, sondern heftigst rumsen und knattern, unbeschreiblich am Nachthimmel gleißen und brennen, und dennoch unter allen Umständen kontrolliert irrlichtern sollte, auf dass es den Pyromanen vor den Bildschirmen dieser Welt feucht um die Augen herum ward.

Solche sicherlich von Größenwahn und nationalem Exhibitionismus gekennzeichnete Aufgaben lassen sich natürlich nicht bewerkstelligen, wenn das Wetter dem olympischen Gedanken seinen Mittelfinger und der Schlechtwetterfront beide hochgestreckten Daumen zeigt. Regen und Pyrotechnik vertragen sich nämlich genauso gut, wie HIV-Positiv zu sein und der geplante Abschluss einer Lebensversicherung. Auch wenn Versicherungsvertreter im Normalfall ungefragt Türen einrennen, um selbst hoffnungslos überversicherten Bürgern weitere Versicherungspolicen aufzuschwatzen. Doch im Falle eines an Aids Erkrankten, welchem dennoch der Fürsorgesinn nach einer Lebensversicherung steht, dem hängen sie die eingerannte Tür eigenhändig schnellstens wieder ein, und geben sich olympiaverdächtig flott den Laufpass, egal wie schwer ihr Aktenkoffer auch an ihrem dünnen Arme Richtung Erdmittelpunkt zerrt. Und wer das Eröffnungsfeuerwerk vorm heimischen Bildschirm bewunderte, muss offen und ehrlich zugeben: klar, sie haben uns belogen. Aber die Lüge war wunderschön!

Des weiteren der Gesang der siebenjährigen Lin Miaoke, von dem sich aber hinterdrein herausstellte, dass Lin dazu nur die Lippen bewegte, da die eigentliche Sängerin, die gleichaltrige Yang Peiyi, für die “Ode ans Vaterland” dem pingeligen Olympiakomitee einfach zu moppelig, und obendrein real von schiefen Zähnen gezeichnet war. Aber gerade wir Deutschen sollten hier Verständnis zeigen. Denn ich erinnere ungern an den 10.11.89, als auf dem Balkone des Schöneberger Rathaushauses Helmut Kohl, Willy Brandt und der damalige Berliner Bürgermeister Momper sich aus angeblich historischem Grunde dazu hinreißen ließen, gemeinsam die Bundesdeutsche Nationalhymne anzustimmen. Und was da erklang, ließ unsereins vermuten, dass nicht etwa das Verlangen der von Verzicht gezeichneten DDRler nach Bananen und Tittenheften die Mauer von Ost her zum Einsturz gebracht hatte, sondern allein die den Posaunen von Jericho gleichen Stimmen von Kohl, Brandt und Momper, die stimmschief scheinbar alles, was es doch zu Wiedervereinigen galt, widersinnig wieder auseinander treiben wollten. Und diese Kakophonie der da oben versammelten politischen wie auch gesanglichen Minderleistungen soll nicht wenige Zuhörer, so jedenfalls unbestätigte Statistiken, zu Auswanderung wie auch in den Missbrauch von Alkohol und Anvertrauten getrieben haben. Wäre es also damals nicht ungemein empfehlenswerter gewesen, die Stimmen von Kohl, Brandt und Momper nur vom Band abzuspielen, aber auf der Brüstung des Rathauses Nadja Auermann, Claudia Schiffer und Tatjana Patitz – möglichst freizügig bekleidet – dazu die Lippen bewegen zu lassen? Die halbe Nation hätte vorm Fernsehgerät eine Erektion erlitten und noch heute würden die Historiker darüber streiten, ob dieses an nun der Barbusigkeit der Models oder am Text der Nationalhymne gelegen habe.

Und überhaupt: es wird doch in jedem Lande manipuliert. Lippen werden aufgespritzt. Brüste vergrößert. Kriegsgründe herbei fanatisiert. Selbst die Jacobs-Familie, die sich im Reklamespot friedlich und festlich gekleidet um die Kaffeetafel versammelt: erstunken und erlogen. Ich wage mich sogar soweit vor und behaupte, selbst die Manipulationen sind heutzutage manipuliert. Und was die Chinesen betrifft: ich kenne mich zuwenig in der chinesischen Mentalität aus, um diese Menschen ihres Verhaltens wegen verbal zu ohrfeigen. Andererseits ist ihre permanente Angst, ihr Gesicht zu verlieren, sicherlich übertrieben. Im Falle der kleinen Yang Peiyi (wir erinnern uns: schief und moppelige Zähne) lässt sich doch vermuten, dass diese in späteren Jahren eventuell sehr froh darüber wäre, dass ihre zu verlieren.

Wie sagte doch Special-Agent Fox Mulder: Die Wahrheit ist irgendwo da draußen. Schön wär‘s ja.

Amen.

Im Trüben gefischt

Dienstag, 12. August 2008

Ich denke, man sollte das Zwischenmenschliche, statt es in den sich stetig abwechselnden Hitzigkeiten und Gefühlsfrösten unseres Miteinanders wissentlich aushärten zu lassen, unbedingt so nachgiebig und butterig wie nur möglich gestalten. Denn sonst kann es leicht passieren, dass die wie Stein werdenden Seelen, an den leider nicht immer zu umschiffenden Klippen der Gemeinschaft gnadenlos zerschmettern. Doch ganz gleich, wohin man nach seinem Tode auch gelangen mag; ich bin ungemein am zweifeln, ob sich an jenem Orte ohne Wiederkehr auch nur ein Schwanz die Mühe machen wird, und die an den Widerständen des Seins zertrümmerten Geister in schweißtreibender Tüftelei wieder zusammensetzt. Weil – wenn auch in der Ewigkeit laut Definition ja an sich genug Zeit für solch filigrane Maßarbeit vorhanden sein müsste – man nichtsdestoweniger vorsichtshalber davon ausgehen sollte, dass der irdische Spruch von der der Zeit und dem Mammon, leider auch in den beliebigen Sphären welchen ewigen Reiches auch immer goldgerahmt an jeder zweiten Wolke hängt. Und schon der linke Radaubruder Diether Dehm textdichtete einst rotweinschwanger „Das weiche Wasser bricht den Stein“, was man, wenn man die politische Botschaft gleichfalls als philosophische verdolmetscht, auch insoweit deuten kann, dass an der Sanftheit des Gemütes nämlich alle Wut und alle Boshaftigkeit zerschellt.

Klar, starke Worte sind schnell und weit gespuckt, doch – eine unerbittliche Entschlossenheit vorausgesetzt – es lässt sich allein an den Unmengen der Details des menschlichen Beisammenseins Milde und Flaumigkeit der Gefühle üben. Allein in der Küche, jenem von Kaffee- und Vanillekipfelduft durchströmten Hort sozial gesunder Familien, lässt sich durch kluge Planung verhindern, dass unterschwellig brodelnde Konflikte die Gefahr sozialer Verkühlung heraufbeschören, was aus erwünschter wohliger Zweisamkeit ganz auf die Schnelle eine unbegrenzt scheinende Einsamkeit machen kann.

Wenn es meiner Gattin beispielsweise nach Bouillabaisse gelüstet, so bereite ich ihr, statt wie ein britischer Seemann über ihren sonderbaren lukullischen Wunsch zu fluchen, frohen Herzens ruckizucki einen lecker Eimer Kartoffelsalat mit zwei, drei Dutzend gut durchgebratener Fischstäbchen, natürlich “praktisch grätenfrei”.

Denn erstens ist sich meine Angetraute wahrscheinlich ja gar nicht darüber im klaren, wie aufwendig so eine Bouillabaisse überhaupt ist. Denn eine wirklich brauchbare Provenzalische Fischsuppe ist ein Gericht, dass man mittig der Thüringer kulinarischen Einkaufseinöde nicht einfach mal locker aus dem Ärmel der schmuddeligen Küchenschürze schütteln kann. Zutaten wie die Meeresfrüchte namens Drachenkopf, Venusmuscheln und Petersfisch tummeln sich eben recht selten in den Regalen und Gefriertruhen unserer Nahrungsmittelbilligheimer. Auch Taschenkrebse, Knurrhahn und Seeteufel sind der meisten Lebensmitteldiscounter empfindliche Achillesferse. Und die Fragestellung nach Meeraal, Wolfsbarsch und Langusten lässt so manchen Filialleiter erröten, als hätte ich mich bei ihm erkundigt, ob er mir nicht einmal Abends bei Kerzenschein und einer Flasche Cabernet Sauvignon sein “Angebot der Woche” zeigen möchte.

Doch stampfe ich beim Wunsche meiner Gattin nicht missmutig mit dem Fuße, sondern weise mit 2/3 Sanftmut und einem 1/3 Lehrmeisterunterton in der Stimme darauf hin, dass Drachenkopf, Venusmuscheln und Petersfisch, Taschenkrebs, Knurrhahn und Seeteufel, Meeraal, Wolfsbarsch sowie Langusten zwar die üblich gebräuchlichen Zutaten für eine schmackhafte Bouillabaisse sind, Thüringen aber, von einer weiteren grausamen Laune der Natur, weitab von einem Meer in die mitteldeutsche Pampa gesetzt wurde. Und in dieser werden zwecks Nahrungsaufnahme, mangels Fruti de Mare, als kaum ebenbürtiger Ersatz nur mit Hackfleisch und kompatiblen Gewürzen gefüllte Schweinedärme über mehr oder weniger offenem Holzkohlefeuer erwärmt. Bouillabaisse mit dem Surrogat darin umher schwimmender Bratwürste aber würde als Konservendose garantiert wie Blei in den Regalen diverser Fertiggerichte anbietender Handelsketten liegen bleiben, gleich neben ähnlich Unveräußerlichem wie Haarspray für Skinheads und Stiefelknechte für fußamputierte Zuckerkranke.

Und ich werde weiterhin mit unendlicher Geduld darauf verweisen, dass Kartoffeln und Fischstäbchen dagegen nicht nur die Grundnahrungsmittel sind, welche die Registrierkassen allabendlich bersten lassen, denn sie gehen wie das sprichwörtliche geschnitten Brot über die Scanner deutscher Ladentheken, sondern sind gleichfalls auch recht fix und unproblematisch zubereitet und serviert. Was man eben von in Thüringen zubereiteter Bouillabaisse wegen des benannten Fischmangels nicht unbedingt sagen kann. Der einzige Fisch, von welchem ich erahne, dass er recht zahlreich in heimischen Gewässern planschen muss, scheint mir die Forelle zu sein. Denn keine Speisekarte zwischen Werra und Saale, die nicht, neben den obligatorischen Bratwürsten mit gestampften Erdäpfel und Original Born-Senf, zumindest Forelle “Blau” oder Forelle nach “Müllerinnen Art” der hungrigen Laufkundschaft in Sütterlin aufs Auge drückt. Worin der Unterschied zwischen beiden fischhaltigen Speisen besteht, hat sich mir bis zum heutigen Tage nicht offenbart, liegt aber vermutlich auch nur in der Rechtschreibweise. Ich selbst esse sowieso niemals in aller Öffentlichkeit Fisch, da es mir einfach zuwider ist, eventuell vor Hinz und Kunz an einer Fischgräte zu ersticken. Wenn ich schon an so einem vollkommen unheroischen Grunde zu gleichem gehen sollte, so doch lieber im Kreise von Familie und heimischer Küchentapete. Denn da bleiben der sich über lange Minuten hinziehende Erstickungstod nur in den Erinnerungen von Frau und Kind, und nicht etwa auf der digitalen Festplatte des Fotoapparates irgendeines der sogenannten Lesereporter. Was möglicherweise auch an meinem latenten Autoerotismus liegen kann, denn als Leiche neben dem barbusigen Seite-1-Mädchen von Deutschlands auflagenstärkster Papierverschwendung ist man doch nur wie selten gegossene Petersilie neben einer buttertriefenden Forelle.

Und zweitens ruft meine Gattin gerade aus der nur wenige Meter entfernten Kochnische, dass sie soeben eine Dose mit Thüringer Bouillabaisse (welche sie angeblich beim Discounter zwischen Haarspray für Skinheads und Stiefelknechten für fußamputierte Zuckerkranke fand!!!) geöffnet und erwärmt hätte, und dass die Bratwürste darinnen binnen nur weniger Minuten Gefahr laufen zu erkalten, wenn ich nicht sofort zum Essen herbei eilen würde, was mit sich bringt, dass dieser Text an dieser Stelle nun genau so endet, wie er vor nur wenigen  Zeilen begann: nämlich relativ abrupt.