Zur Lage der Nation
Wer mich einen Schlaumeier ruft, der riskiert alsbaldigst strafrechtliche Konsequenzen, und zwar wegen eklatanter Vortäuschung falscher Tatsachen. Denn wenn es gelte, mir einen meinem Wissensstand äquivalenten Beinamen zu verpassen, so käme maximal eventuell nur Halbwissenschulze, oder auch Da-muss-ich-das-Publikum-befragen-Müller in Betracht. Schließlich war mein Bildungsweg doch recht kurz, und das, was man mir damals von allen möglichen Seiten zurief, das ging zum einen Ohr hinein, zum anderen hinaus und war danach noch so gut wie neu!
Dementsprechend lernte ich auch nicht im Geografieunterricht, dass Deutschland unter anderem an die Länder Frankreich, Polen und die Niederlande grenzt, sondern entnahm es den Geschichten meines Großvaters, weil der als junger Mann vor gut einem halben Jahrhundert in die benannten Länder einmarschiert war. Und da Opa nie besonders gut zu Fuß war, so schlussfolgerte ich daraus, dass Frankreich, Polen und die Niederlande nicht allzu weit entfernt sein konnten. Denn sonst wäre er ja in diese Länder keinesfalls einmarschiert, sondern, auf Grund seiner senkspreizfußbedingten Mobilitätsprobleme, in diese höchstens eingefahren, eingeflogen oder nötigenfalls sogar einraketet.
So kann ich also behaupten, dass ich, was die orthografische Lage Deutschlands in Europa angeht, dank meines Großvaters Hilfe einen Berg an Gelehrsamkeit angehäuft habe, der zwar nicht besonders hoch ist, aber allemal ausreicht, um von diesem voller Überheblichkeit auf die noch Dümmeren herabzuschauen.
Leider ist aber mein Wissen über die Lage dieses Landes im Inneren nicht einmal halb so hoch, was als Konsequenz mit sich bringt, dass ich mich in die große Gruppe der Dummen, auf die ich doch so voller Hochmut mit meinem Wissen über die äußere Lage herabblickte, einreihen muss. Wie soll man also, so frage ich mich unwissend, den Zustand eines Landes benennen, in welchem das Kapital die Legislative in Beugehaft nahm, diese am Nasenring durch den Zirkus einer angeblichen Volksherrschaft führt, und sich an einem doch schon bis ins Gebälk maroden Wirtschaftssystem seit Jahren gesund stößt? Und wie ist bitteschön zu verstehen, dass, wo doch angeblich jeder Cent für Bedürftige mindestens dreimal umgedreht werden muss, diese aber danach in den Taschen windiger Finanzjongleure verschwinden, und jene dann locker mal so um die 500 Millionen Euro auf Nimmerwiedersehen in die Rachen noch gefräßigerer Systemschmarotzer schmeißen?
Auch wenn nun kräftig zurück gerudert, der Hafen der Unschuld angelaufen wird, die Rede davon ist, dass man die ungeheure Summe doch nur “irrtümlich” überwies. Hat man aber je auch nur einmal davon gehört, dass man auch nur eine einzige Million, oder gar nur ein paar Tausend Euro, “irrtümlich” an UNICEF überwies? Oder an “Brot für die Welt“? Oder an eine vielköpfige Hartz4-Familie? Merkwürdigerweise fließen die vom Volk erwirtschafteten Beträge nämlich nur stets in eine Richtung: der Weg des Kapitals scheint ein Fluss, der gegen alle Physik und Vernunft nur nach oben fließt.
Doch ist es nicht – wenn man bedenkt, wie viele hohlwangiger Mäuler dieser Welt man mit diesen 500 Millionen Euro hätte stopfen können, doch dieses Geld nur Wenigen zu Fettleber und Gicht verhelfen soll - eine Art Totschlag auf hohem Niveau?
Und sollte man nicht endlich, angesichts solcher Zustände, die RAF – nur ihre Ziele im Auge, nicht ihren Weg – als gemeinnützigen Verein nachträglich von der Steuer befreien?
Und haben wir nicht ein geradezu unheimliches Glück, dass solch ein Finanzgebaren dem großen Geschick von Experten zu verdanken ist? Nicht auszumalen, es wären nur blutige Laien gewesen: wahrscheinlich würde man unsere 16 Bundesländer schon seit Monaten an der Börse handeln! In China werden solcherart Experten allerdings hingerichtet. In Deutschland werden sie nur versetzt. Nun gut, da scheinen 500 Millionen Euro nicht allzu teuer; so viel sollte uns die Humanität schon allemal wert sein. Bleibt allerdings nur die Frage: warum zahlen eigentlich immer nur dieselben? Das Verursacherprinzip scheint in Germany nur bei Vaterschaftsklagen zu gelten; Betrug am kleinen Mann hingegen wird höchstens als Mundraub geahndet.
Und da ich gerade dabei bin, meine riesigen Wissenslücken hier ohne Scham zu offenbaren: an welcher Stelle des Weges von “Wir sind das Volk” bis “Du bist Deutschland” haben wir eigentlich zugelassen, dass die Banken und Börsen das Parlament in Berlin zum Bierzelt degradieren?
Und wenn ich auch weiß, dass Deutschland außen an Frankreich, Polen und der Niederlande liegt, so frage ich voller Begier meine Neugierde zu stillen: befindet sich dieses Land innen nicht in einer argen Schieflage?
Ja, ich muss in all diesen Frage leider das Publikum befragen. Und wer mich dennoch einen Schlaumeier nennt, dem haue ich aufs Maul.
19. September 2008 um 20:01
Seit der Zeit Deines Großvaters hat sich Deutschland zu einem Vasallenstaat entwickelt, in dem nur vorankommt wer dem neuen Rom alles ausliefert was es verlangt. Geld ist dabei nur ein Detail. Nach reiflichem Nachdenken glaube ich mittlerweile sogar, dass die Überweisungen tatsächlich versehentlich stattfanden. Diese geistigen Sitzriesen sind so daran gewohnt, Geld an die Neue Weltordnung abzuliefern, die kämen nicht im Traum auf die Idee den Geldfluss zu stoppen. Vor allen Dingen dann nicht, wenn es sich um eine Bank von armen verfolgten Auserwählten handelt.
MfG
Hans
19. September 2008 um 20:02
Ich bin erstaunt Kolumnistenschwein: Für einen, von dem ich bisher glaubte, er würde sich am liebsten den “Golden Schuss” möglichst bald in die Venen jagen, schreibst Du erstaunlich lebhaft.
19. September 2008 um 20:23
@Hans
Eigentlich wollte ich mich über diese Thematik auch gar nicht auslassen. Ich habe mich hinreißen lassen. Daran erkennt man, wie mannigfaltig und einfach die Möglichkeiten sind, unsereins zu manipulieren.
@Mo
Der “goldene Schuß” ist sicherlich eine durchaus süße Alternative zum bitteren Sein. Und aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.
19. September 2008 um 20:48
*murmel & grummel*
Leuna-Millionen…
Spendenaffäre…
Zumwinkel…
Rostockaffäre…
Wenn ich recht informiert bin, dann wurde jüngst eine neue Steuererleichterung für notleidende Millonardäre geschaffen. Die Abgeltungssteuer – jetzt sind 25% für jeden von den Zinsen weg, von jedem, absolut jedem Zins-Teuro. Vorher waren es 33% die pauschal abgezogen wurden, da gab es die Möglichkeit sich das zuviel gezahlte Geld vom Finanzamt wieder zu holen, sofern man einen Steuersatz hatte der unter jenen 33% lag; respektive Sparerfreibetrag.
Und jetzt, no, nochmalmal kurz ne halbe Milliarde versaubeutelt, vorher butterte der Steuerzahler 8000 Millionen rein, wenn ich mich recht entsinne.
Seltsam, wieso fällt mir grad jetzt das Zitat ein: ‘ich kann gar nicht soviel saufen wie ich kotzen möchte!’
Na dann, nix für ungut!
*fump* <– bier aufmach
19. September 2008 um 21:21
Kolumnistenschwein, ich mag Deine sachlichen Antworten, auch wenn sie mir nicht unbedingt zwingend angebracht erscheinen.
19. September 2008 um 21:25
Zu diesem Thema erlaube ich mir auf einen anderen – in meinen Augen sehr empfehlenswerten – Blog hinzuweisen, bei dem ich bereits zu diesem Thema meine Meinung breitgetreten habe:
http://frederichormuth.wordpress.com/2008/09/18/duftkroten/
Diese erneut zu schreiben, ist mir zuviel Arbeit ^^
19. September 2008 um 21:49
Bravo, Kolumnistenschwein, laß Dich öfter mal hinreißen. Du hast auch meine Meinung zum Thema wohlfeil formuliert auf den Punkt gebracht. Außer Kopfschütteln fällt mir langsam auch bald nichts mehr ein.
19. September 2008 um 22:10
Kolumnistenschwein, Du solltest Dich ruhig öfter hinreißen lassen. Wie man sieht, hast Du den richtigen Durchblick. Und verpackt in Deine Art zu schreiben, gewinnt das Ausgesagte noch.
MfG
Hans
20. September 2008 um 0:08
ja aba hallo!
sehr gut, danke dafür!
meine meinung, nur das meine nicht den halben ausdruck hat wie Ihre!
20. September 2008 um 1:47
Ich erlaube mir kundzutun, dass es mitlerweile egal ist wohin das Geld des gemeinen Steuerzahlers verschachert wird, denn ihm kommt es ganz sicher nicht zugute.
20. September 2008 um 8:35
@Werter Hans,
ich schreibe in letzter Zeit ungern über politische Themen, da mich meine Hilfslosigkeit angesichts dieser Zustände ankotzt. Immer nur anprangern ist nicht mein Ding, da ich bei so vielen Dingen auch nicht weiter weiß. Meine einzige Hoffnung ist das physikalische Experiment bei Genf. Vielleicht verschwinden die Erde ja samt aller Problematiken in einem Schwarzen Loch.
@Paul
Wie schrieb ich einmal in einer heiteren Musestunde:
Wirft der Staat Geld aus dem Fenster, so steht der Bürger selten darunter.
20. September 2008 um 11:45
auch ich hab am letzten ersten versehentlich 500 mios an meinen vermieter überwiesen statt 500, und – schon abgeschrieben. ich mein, was soll der geiz.
20. September 2008 um 12:58
Kolumnistenschwein, anprangern ist das Einzige was uns Normalsterblichen bleibt. Gehört wird nur der, der seine Stimme erhebt. Es mag sein, dass man alleine hilflos ist. Aber wir sind Viele. Rund um den Globus.
Falls Du dennoch Interesse an einem Schwarzen Loch hast, ich hätte da eines anzubieten:
http://nonfug.eigensinnig.org/?p=14
MfG
Hans
21. September 2008 um 23:06
Wollte ick nock einmal sagen viel Danke fur de Uberweisung. Endlick ick habe wieder Sex.
22. September 2008 um 10:59
Das mit den Banken und Börsen war schon immer so, nur haben die sich früher nicht getraut es so schamlos offen zu treiben wie es heutzutage geschieht. Diese neue Offenheit gegenüber dem Volk hat Papa Kohl erstmals salonfähig gemacht. Im übrigen habe ich schon während meiner Schulzeit feststellen dürfen, daß das deutsche Volk verblödet werden soll. Das hat dann ja auch, hinlänglich nachgewiesen durch Pisa und Konsorten, prima geklappt. Und die paar Denkenden die noch rumlaufen bzw bloggen werden einfach durch eine Expertenstudie wiederlegt. Gerade deshalb aber geniesse ich die Lektüre dieses Blogs regelmäßig. Es ist für mich so etwas wie der Besuch einer Selbsthilfegruppe in der die Therapie lautet:
Du bist nicht allen!
Danke dafür!
22. September 2008 um 18:37
Banken und Börsen haben es getrieben?
Ich dachte immer, das waren die Bienen und die Blüten…
23. September 2008 um 9:22
Der Markt wirds schon richten.
Hinrichten wirds der Markt.
Die Firmen kriegen Fördergelder fürs Ansiedeln, fürs Plattmachen und neuerdings sogar für die Insolvenz. Um wieviel geringer wäre die Schere zwischen arm und reich, wenn das Wirtschaftsfördergeld in den privaten Konsum gesteckt würde, was dann auch der Wirtschaft gut tun würde? Solange sich der Volkszorn aber auf BILD-Niveau abspielt und kein realer Sozialismus weit und breit droht wird es weitergehen.
Vernetzt ist blöderweise nur das Kapital aber nicht die Verarschten. Die sind dick vom Zuckerbrot, über die Peitsche wird nur hilflos gemeckert. Keine Jugend da, die aufbegehrt. Na gut, überhaupt keine Jugend da. Insoweit ist die demographische Entwicklung von Vorteil für die Globalisierung. Wir werden wohl warten müssen, bis die Chinesen rebellieren.
23. September 2008 um 17:46
Zum Thema hab ich grad noch was gefunden, wie es sich abgespielt haben könnte:
http://www.abload.de/img/pic26924j2j.jpg
^^
24. September 2008 um 14:50
[...] September 2008 Linktipp Posted by graipfruit under im Netz um die Ecke Zur Lage der Nation ist ein sehr lesenswerter Text drüben auf http://kolumnistenschwein.de/blog. “…der Weg [...]
01. Oktober 2008 um 3:56
Also ich finde ja schon seit langem das dieses Kommunistenschwein vorläufig festgenommen werden sollte !
Ja wo simmer denn !
Leider wird ja Stammheim gerade weggesprengt, insofern..
Tja.
Bleibt noch Mallorca, Ballermann.
Da wird dem so Folter quasi pauschal verschwiegen geliefert ey.
Wehret den Anfängen !