Archiv für September 2008

Verkatert

Montag, 15. September 2008

An manchen Tagen, da ist mein Kopf beim morgendlichen Füttern unseres Katers mit so Gedanken teilzeitbeschäftigt, ob denn mein eigenes Leben für mich nicht um einiges angenehmer zu leben, zu erleben sei, wenn ich nicht als Mensch auf diese krude Welt gekommen wäre, sondern als eines ihrer verhätschelten Haustiere. Bei diesen Gedankenspielen schließe ich aber selbstverständlich alle tierischen Daseinsformen, welche in gläsernen Aquarien und Terrarien gehalten werden, grundsätzlich aus. Die Vorstellung nämlich, ich würde als Gecko die Innenseiten meines durchsichtigen Gefängnisses emporklettern, und meine Genitalien würden dabei für jeden sichtbar auf den Glasscheiben schleifen, macht nur sexuell schräg veranlagte Terrarienbesitzer glücklich, aber nicht das in einer gläsernen Vollzugsanstalt gehaltene Objekt seiner kranken Begierde. Ob ein Gecko natürlich ein Ich-Gefühl, also ein Selbstbewusstsein hat, um die Peinlichkeit der Zuschaustellung seiner Fortpflanzungsorgane auch als unangenehm zu empfinden, mag vom momentanen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse her stark bezweifelt werden. Aber als Mensch käme ich jedenfalls nie auf die Idee, splitterfasernackt die Fenster zur Straße hin zu putzen. Da würde meine Gattin auch gar nicht mitspielen wollen, da sie, was die Sauberkeit der Fenster zur Hauptstraße hin betrifft, immer sehr pingelig ist, und definitiv bestimmt nicht sehr erfreut, wenn die körperlichen Symbole meiner Männlichkeit übers zu polierende Glas rutschen täten. Im Fall der Fälle könnte man dann auch zu 100 Prozent davon ausgehen, dass sie die Halbliterflasche Sidolin streifenfrei im Putzmittelschrank unseres Bades, garantiert ganz, ganz schnell gegen eine 5-Literflasche Sidolin Steifen-frei austauscht. Denn Fenster putzt man generell im die Sexualhormone provozierenden Frühjahr. Und unsere Strasse führt nun einmal direkt zum Mädchen-Pensionat angehender AOK-Mitarbeiterinnen. Und dieses sind, im Gegensatz zu den bereits finanziell fest im Gesundheitswesen Verankerten, noch nicht offiziell am fettäugigen Beitragstopf der Krankenkassen zum Schöpfen zugelassen, und somit wegen pekuniärer Flaute dazu verdonnert, statt im Mercedes SL, noch auf eigenen Füßen kurz berockt an unserem Fenster vorbei zu flanieren.

Auch ein Leben als Goldfisch, welcher sich Zeit seines Daseins im klassischen Goldfischglas stetig in gebetsmühlenartiger Bewegung befindet, mag zwar auf den ersten Blick befriedigend sein. Schließlich bekommt er unter günstigsten Bedingungen einmal täglich reichlich Schwarze Mückenlarven und Schlammröhrenwürmer ins Wasser gekippt, planscht dazu den ganzen Tag unbeschwert im zimmerwarmen Pool, und die einzige Unbequemlichkeit seines Daseins besteht darin, den entgegenkommenden eigenen Verdauungsresten auszuweichen. Doch dieses ist viel zu kurz gedacht, denn konservative Goldfischgläser haben zumeist an allen Seiten konvexe Flächen, welche also wie eine Brillenglas wirken dürften. Und müsste ich als Goldfisch Tag für Tag durch eine Brille blicken, obwohl meine Sehkraft ohne jeglichen Fehl und Tadel: ich würde wohl vor lauter Schwummrigkeit vor Augen ständig halbverdaute Mückenlarven und Schlammröhrenwürmer ins heimische Gewässer kotzen. Und im vermeintlichen Schlaraffenland zu verhungern, dass ist doch ein Status, der in unserer Gesellschaft nur für Menschen auf unterster sozialer Stufe vorgesehen ist.

Nur so ein Haustier wie unser Kater hingegen, der führt ein Leben, wie ich es mir seit Erhalt meines ersten Personalausweises schon immer erträumt habe: er nimmt all die jungen Dinger in seinem Revier reihenweise ungefragt von hinten, dazu verliert ungestraft in allen Räumen unseres Hauses büschelweise Haare, und scheißt zudem – wohl als markantestes Attribut eines zügellosen Lebemanns – den Nachbarn, ohne auch nur ansatzweise rot dabei zu werden, ins makellos geharkte Beet. Allein sein Unvermögen, die Büchsen mit Kitakat ohne fremde Hilfe aufzubekommen, ist für mich gewichtiger Grund, mittels Voodoo oder anderer Schwarzer Magie keinen Seelentausch zu versuchen. Denn es locken des Nachbarn Rabatten doch vollkommen vergebens, wenn man dann als Katze nichts im Darm hat.

PS: Das mit dem Pensionat angehender AOK-Mitarbeiterinnen in Nähe meines Wohnortes ist erstunken und erlogen! Leider …

Auf den Flammpunkt gebracht

Donnerstag, 11. September 2008

In einem Alter, in welchem meine Oberlippe noch vollkommen frei von jeglichem Haar, genau wie meine Achseln und auch die Körperregion, von der ich damals noch gar nicht wusste, dass ich sie überhaupt hatte, widerfuhr mir ein Geschehnis, welches mich bis tief ins Erwachsenenalter hinein prägte, und mir von Zeit zu Zeit mehr als nur unangenehm gedanklich aufstößt. Damals oblag es mir nämlich, meiner im Herzen des Thüringer Waldes wohnenden Großmutter tagtäglich warmen Kuchen und kühlen Wein zu bringen. Was, bei genauerer Überlegung, natürlich beispielloser Quatsch ist. Denn meine Großeltern lebten bis sie starben in der Erfurter Altstadt. Und der frische Kuchen, der war zumeist nur ein steingraues Dreipfünder Brot a la DDR, der Wein nur laue, lauwarme Limonade; aber es ist halt alles schon so verdammt lange her, und mein Gedächtnis ist nur ein Fass ohne Boden! Doch überaus detailliert kann ich mich daran erinnern, dass mich mein Weg zu den Großeltern – und natürlich auch der Weg zurück – stets an einem mit wild ins Kraut schiessenden Büschen zugewachsenem Zaun vorbei führte, an welchem eines hellen, heißen Sommertages zwischen all dem üppigen Grün eine schmiedeeiserne Bratkasserolle stand. Und aus dieser Bratkasserolle drangen über viele Meter hinweg die wie blutgetränkte OP-Kittel gefärbten Schwaden unangenehmer Gerüche, und zwar in den Duftnoten Verwesung und Tod. Über mehrere Tage hinweg schlich ich mich stets in respektvoller Entfernung an der geschlossenen Bratpfanne vorbei, zu ungefähr zu 50 Prozent erfüllt von der brennenden Neugier, was denn wohl in dem Topfe stinkend vor sich hin verderben mag, aber andererseits eben auch zu 50 Prozent von dem Ekel, welcher mich wohl noch auf das Allerheftigste durchschütteln würde, wenn es meiner Neugier denn erst obliegen sollte, über meinen Ekel zu siegen.

Selbstverständlich siegte meine Neugier, denn ich sagte zu mir, wie albern es doch wohl schließlich sei, wenn man doch einen Großteil seiner Kindheit bei den Großeltern verbrachte, sich also quasi bereits täglich im Dunstkreis von Tod und Verwesung aufhielt. Da konnte der Inhalt von in der Sommersonne brutzelnden, herrenlosen Töpfen einem doch auch nicht mehr mit seinem nach Endlichkeit stinkendem Inhalt schockieren. Und mit einem langen Stock schob ich also den Deckel von der Pfanne und sah: darin schwamm eine Katze in ihrem eigenen, von der Augusthitze ausgelassenem Fett, halb skelettiert, halb von Abertausenden von Würmern überdeckt, die der seit Tagen toten Kreatur so etwas wie Leben wiedergaben. Besonders die Maden im obenliegende Auge, die wirkten auf mich, als zwinkere mir der vor die Hunde gegangene Mäusefänger neckisch zu.

Dieses Erlebnis meiner Kindheit hinterließ freilich Spuren, die zwar nicht für jedermann sichtbar, dennoch aber tief genug waren, um meinen nachfolgenden Verhaltensweisen in unvermeidliche Richtungen zu weisen. So habe ich bis heute seit jenem Tage eine ungeheuer mächtige Abneigung gegen Kesselgulasch. Überhaupt bin ich gegenüber Gerichten, welche in geschlossenen Töpfen serviert werden, die lebende Antithese von aufgeschlossen. Und was mein sicherlich baldiges Ableben betrifft: ich möchte danach alsbaldig bis aufs letzte Sackhaar verbrannt werden. Der Gedanke nämlich, ich könne als wehrlose Leiche von Fliegenmaden und Fadenwürmern nach und nach verzehrt werden, ist mir, wenn auch logisch kaum begründbar, trotzdem sehr unangenehm. Aber vielleicht liegt es ja auch daran, dass wir als Thüringer einen ausgesprochenen Hang zu auf dem Rost Gegrilltem haben. Zu Lebzeiten wird man dagegen hier ja nur in die Pfanne gehauen.

Selbst Heidi Klum! (2)

Samstag, 06. September 2008

Nach dem schicksalsschwangeren Ertönen des Weckers bleiben einem nicht mehr als zwei Möglichkeiten: entweder, man überhört geflissentlich die lästigen Schellen seines wochentäglich immer im gleichen Takt aufspielenden Titanic-Orchesters, um somit weiterhin unbehelligt von den Stürmen des Seins im sicheren Hafen von Traum und Laken zu ankern. Oder man stellt sich einem Sisyphus gleich am Hange des neuen Tages auf, um die kaum zu schulternde Last seines Lebens wiederum diesen Hang hinauf zu tragen, mit der Aussicht, am nächsten Morgen abermals am Fuße dieses vermaledeiten Gefälles aufzuwachen.

Ich habe bis zum heutigen Tage – wann immer und immer wieder ich vor ein und dieselbe Wahl gestellt wurde – mich immer und immer wieder für zweite Möglichkeit entschieden. Ob dieses allerdings stets freiwillig geschah, lässt sich ohne ein sicherlich sehr zeit- wie auch kostenintensives Studium der Geisteswissenschaften wohl kaum beantworten. Denn da wären ja der Selbsterhaltungstrieb, der einen über kurz oder lang aus dem Bette treibt, da der Körper der Kohlenhydrate wegen nach unverschämt dick mit Nutella bestrichenen Toastscheiben verlangt. Und Toast und Nutella fallen unter die Ordnung der Lebensmittel, die nicht direkt vom Himmel ins Schlafgemach hungriger Alltagssatter fallen, sondern müssen allenthalben durch den Einsatz von physischen und psychischen Kräften am Arbeitsmarkt mal mehr und mal weniger sauer verdient werden. Und Lebensabschnittspartner, die sich Tag für Tag dazu hinreißen lassen, ihre vom Grau des Banalen gezeichnete bessere Hälfte mit durchzufüttern, also tagtäglichen einen Hang zu besteigen, der für sie allein gleich doppelt so steil ist, fallen gleichfalls nicht vom Firmament. (Auch wenn mir selbst das Bild von vom Himmel fallenden getreuen Gespielinnen, die in ihren Händen große mit Toast und Nutella gefüllte Weidenkörbe halten, ein nicht sonderlich Unangenehmes ist! Ich würde sogar soweit gehen und dieses Bild mit den Farben meiner Fantasie insoweit ausmalen, dass diese Frauen halbnackt und rothaarig sind, BHs in einer ungefähren Größenordnung von Doppel-D tragen, und, neben den Körben mit Nutella und Toast in den Händen, einen voluminösen Rucksack auf den entzückenden Rücken geschnallt haben, in welchem sich Parma-Schinken, mit Knoblauchbutter bestrichene Baguetten und druckfrische Ausgaben von Musikmagazinen mit dem inhaltlichen Schwerpunkt auf Death- und Blackmetal befinden!).

Wahrscheinlich stellt sich im Laufe der Zeit – wenn man die Stillung menschlicher Bedürfnisse jetzt einmal außen vorlässt – so etwas wie eine Gewöhnung ein, eine Art unwiderstehlicher Drang das Bett zu verlassen, auch wenn man weiß, da draußen, da warten nur charakterliche Ruinen, im Volksmund auch Arschlöcher genannt, um dir jeden einzelnen deiner Tage zu seelischen Nächten zu machen. In mir macht sich jedenfalls auch ohne Wecker beim Schein des ersten Tageslichtes beharrlich so ein Gefühl breit, als würde ich etwas Außerordentliches verpassen, wenn ich bist zum Sonnenhöchststand zwischen Nachtschrank und Weib liegen bleibe, dabei hat mir doch die Erfahrung eines halben Lebens längst gezeigt: nirgends ist Besseres zu finden, als dieses köstliche Nichts zwischen Holz und Fleisch.

Außerhalb dieses friedlichen Ortes ist doch nur Zerstörung, Chaos, Halbwertzeit, aufgefüllt mit den Deppen, die dir auf Teufel komm raus einen Lebenssinn implantieren wollen, auf dass sie sich daran ergötzen können, wie du Tag für Tag am selben Hang scheiterst. Doch ich klettere und klettere, denn ich weiß, selbst eine Heidi Klum wird tagtäglich sich an diesem Hang versuchen müssen. Doch solange sie dieses auf den Laufstegen dieser Welt in äußerst knapp bemessenen Schlüpfern und gleichsam ausgestatteten Büstenhaltern tut, solange möchte ich darauf verzichten, unser Bemühen ensthaft zu hinterfragen.