Blues
Donnerstag, 30. Oktober 2008Mir würde es bestimmt besser gehen, wenn es mir schlechter ginge. Satt sein und ein Dach überm Kopf: das sind die unsichtbaren Wurzeln aller subjektiver Übel, die Gicht des Geistes, denn nur der Satte, der sorgsam Überdachte, hat den Kopf frei, um sich endlos Gedanken um den Sinn seiner Existenz zu machen. Wer dagegen Tag für Tag in karger Klimazone mit Magen in den Kniekehlen herumläuft, der denkt nicht oft über den Zweck seines Daseins nach, sondern vielmehr darüber, wie er sein fragiles Leben möglichst über den Tag retten kann. So betrachte ist es jedoch sehr fraglich, ob man diesen Menschen mit dem Abwerfen von Lebensmitteln wahrhaft einen großen Gefallen tut. Chemnitzer zu sein allein ist schon eine herbe Prüfung. Dann dazu auch noch depressiv: da ist das Ende der Fahnenstange, an der doch der fein gesponnene Spaß am Leben im Winde des Alltags flattern soll, aber verdammt schnell erreicht.
Übers Leben zu grübeln bringt unter anderem das Gemüt dadurch zum straucheln, weil es seit Menschengedenken ein impertinentes Missverhältnis zwischen durchaus berechtigten Fragen und wohlfeilen Antworten gibt.
Wie kann es zum Beispiel sein, so frage ich mich, dass der Mensch glaubt, er wäre als Spezies mit einem Übermaß an Intelligenz gesegnet, nur weil es seinen Vorfahren gelang, das Rad zu erfinden!? Man sollte doch zweiflerisch bedenken, dass das Rad unter anderem auch dazu genutzt wird, um, zigfach unter Reisebussen montiert, das Duo Die Amigos durchs Land touren zu lassen. Und damit wird doch das Rad – galvanisiertes Symbol eines vermeintlichen menschlichen Genius – dazu missbraucht, die Kultur einer ganzen Nation mit laienhaft gezupften Gitarren und gleichsam gezupften Stimmbändern in die kulturelle Steinzeit zurück zuschnulzen! (Ach, könnte man die Aggressivität der Hooligans doch nur in zweckmäßigere Kanäle leiten! Welch famoser Gedanke: Hassgesänge und brennende Amigo-Fanschals vor Deutschlands grell ausgeleuchteten Schlagerbühnen!)
Und wie kann es zum Beispiel sein, so frage ich mich weiter, dass der Mensch glaubt, er müsse unbedingt an etwas glauben? Nach Stand der heutig erkennbaren Dinge ist doch die Wahrscheinlichkeit, dass Barbara Salesch nach der nächsten Bundestagswahl zur Bundesjustizministerin berufen wird, ungleich größer, als die Annahme, nach einem fiktiven Jüngsten Gericht jemals noch einmal einen Tutti-Frutti-Eisbecher zu verzehren! Das Leben nach dem Tode ist nämlich ein Scheck, der, ausgestellt gegen lebenslange Kirchensteuer, spätestens nach der letzten Ölung platzt. Dies sind natürlich nur sehr subjektive Gedankengänge. Doch scheint es mir überaus logisch zu sein, an einem übermächtigen Schöpfer zu zweifeln, der es zulässt, dass die Zeitschrift “FREIZEITSPASS” in Ausgabe 44 dieses Jahres schlagzeilt “Semino Rossi : Durch diese Münze spreche ich täglich mit Papa im Himmel”, ohne die Redaktionsräume dieser Gazette – Himmel hin – Himmel her – allein durch ein einziges Fingerschnippen in Flammen aufgehen zu lassen.
Ich weiß selbstverständlich, dass meine Sichtweise religiösen Brauchtums einen recht gut mit Problemen gefüllten Eimer in die Flure gottesfürchtiger Mitbürger stellt. Denn die von mir angesprochene Problematik des Fehlens höherer Mächte, die lässt auch mächtig an einem Leben nach dem Tode zweifeln. Und dann wäre es schließlich auch Essig mit der angeblichen himmlischen Belohnung für all die irdische Schinderei, für das frühkindliche Spinatvertilgen, das spätpubertäre Mit-der-Mode-gehen (Karottenhosen!) und dem Stecken im Sumpfe der Leiharbeit. Besonders ärgerlich, da ernährungswissenschaftliche Untersuchungen längst ergaben, dass Spinat weit weniger Eisen enthält, als von Mutter und deren Mutter vermutet. Wer seinem Nachwuchs sonach unbedingt Eisen zukommen lassen will, der solle diesen lieber an freiliegenden Stahlträgern nagen lassen!
Natürlich ist es dem Plebs überlassen, meine Aussagen zu bezweifeln, vielleicht, weil er den Ernst der Lage (nicht zu verwechseln mit Klaus Lage!) zweifelsohne nicht erkannt hat. Sollte er aber nach einem tödlichen Hirnschlag – wenn seine Zuckerstange namens Dolce Vita also definitiv zu Ende gelutscht ist – feststellen müssen, dass er nun quasi mit einem Schlag vor dem Nichts steht – Willkommen im Club! Wer es aber vor Neugierde nicht mehr lebend aushält, und dem Pro und Kontra einer Auferstehung endgültig auf den Grund gehen will, dem empfehle ich einen halbstündigen Aufenthalt in einer geschlossenen Garage bei laufendem Motor seines Kleinwagens. Alternativ reicht es auch aus, sich einige Minuten an den Rand einer gut befahrene Straße in Mexiko-City zu setzen. Auspuffgase belasten zwar die Umwelt, aber, im Gegensatz zu Klinge und Patrone, nicht die Putzhilfe des suizidal veranlagten Haushaltsvorstandes.
Ich selbst werde allerdings warten, bis Naturforscher in den noch weitgehend unbekannten Wäldern von Rumänien eine Frucht namens Orgas finden, damit man sich endlich sexuelle Höhepunkte aufs Brot schmieren kann. Dies wird dann ein Ah! und Oh! an meinem Frühstückstische geben, und mir hoffentlich für die Länge zweier Bemmen die Schwere aus der Birne treiben.
