Psst!

Man sollte mehr denken.

Wenn man bedenkt, dass circa 90 Prozent aller deutschen Männer regelmäßig onanieren, aber jeder Fünfte 2008 noch kein Buch angefasst hat. Wenn man also bedenkt, wie wenig Handgriffe es demnach bedurfte, um das Land der Dichter und Denker zum Land der Wichser und Taschentuchsprinkler verkümmern zu lassen.

Wäre es denn dagegen nicht geradezu traumhaft, wenn die Quote der sich selbst Bildenden wenigstens auch nur annährend an die der sich selbst Befriedigenden heranreichen würde? Natürlich hätten dann die geistig eher flachbrüstigen Onaniervorlagen BILD und Privatfernsehen über kurz oder lang abgefrühstückt. Denn in einem Lande, in welchem die Milch und der Honig der gediegenen Gedanken fließt, da bleibt die bewusst abgereicherte Tütensuppe der Firma “Geistlos” unbeachtet in den Regalen der medialen Essensausgaben liegen.

Man sollte mehr denken. Ich zum Beispiel denke, dass, gesetzt den Fall, wir betrachten die biblische Schöpfungsgeschichte als de facto geschehen, der größte handwerkliche Schnitzer des Schöpfers doch darin bestand, an den Anfang das Wort zu setzen. Schließlich ergibt ein Wort wiewohl das andere. Und wo ein Wort das andere ergibt, da ist – und an dieser Stelle sollte man ruhig mal endlich selbstkritisch Butter bei die Fische tun – dank an Worten und Lautsstärke kräftig werdender Wortwechsel alsbald die umgangssprachliche Kacke am dampfen. Und nicht selten reichten sogar nur fünf, manchmal sogar nur vier, und in einigen Fällen sogar nur ein einziges Wort aus, um den allergrößten Schlamassel zu verursachen. Wollt ihr den totalen Krieg? Willst Du mich heiraten? Schmeckt’s? Drei Fragen, bestehend aus nur so wenigen Worten, die seit Anbeginn der Zeit, und zum Leidwesen vieler, vom Menschen stets mit einem lauten Sieg Heil! beantwortet wurden. Die Vernunft war halt schon immer ein körperloses, machtloses Etwas, welches, sofern überhaupt vorhanden, stets ignoriert wurde, wenn es darum ging, seine Mitmenschen anzupissen, zu penetrieren, oder einfach nur den eigenen Pansen zu füllen.

Eine wortlose Stille dagegen, die wäre doch niemals als Kausalität menschlicher Raubeinigkeit denkbar. Stille, das wäre der wirklich große Wurf gewesen. Aber nein, es musste ja unbedingt ein Wort am Anfang sein, welches natürlich die günstige Gelegenheit beim Schopfe packte und sich sogleich vermehrte wie Backhefe bei ebenfalls sehr günstigen 28 Grad.

Ich jedenfalls, ich würde meine GEZ-Gebühren voller Freude und ohne jeglichen Zorn entrichten, wenn meinem Fernseher und meinem Radio die Lautsprecher fehlen würden. Welch Quell der Erholung: ein Radio, dass, statt den totalen Tonkrieg, nur friedvolle Stille senden würde. Und man stelle sich vor: eine Talkshow im TV, bei der den Politikern die Möglichkeit genommen wurde, sich verbal kenntlich zu machen: als hätte man Schlangen die Giftzähne gezogen. Bienen geben ihre Informationen weiter, indem sie einen Schwänzeltanz aufführen. Eine Art vortrefflich stiller Kommunikation, die, wenn von der Bundespolitik endlich übernommen, sicherlich bei Übertragungen aus dem Deutschen Bundestag auch für sehr hohe Einschaltquoten sorgen tät. Und wirklich gute Justizminister sollten Ketten mit abgeschnittenen Zungen als Zeichen ihrer Weisheit um ihre Hälse tragen.

Auch im privaten Bereich wäre sicherlich so manches Streites Speer die zerstörerische Spitze Knall auf Fall genommen, wenn es nur an bösen Worten fehlen würde. Kommunikation in Zweierbeziehungen sollte sich aufs Keuchen und Stöhnen beschränken, was man dann, jeweils auf die Situation bezogen, mit Ja, besorg’s mir! oder auch Schatz, mir sind die Kartoffeln zu schwer! interpretieren könnte.

So empfehle ich, sich einmal in stummen Selbstgesprächen folgende Fragen zu beantworten:

Wäre denn die heilige Nacht noch heilig, wenn sie nicht still?

Und ist das Schweigen im Walde denn nicht ein Zustand, den man sich im Kaufvertrag auch für seine eigene Immobilie unbedingt zusichern lassen sollte?

Und ist stillen denn nicht viel segensreicher als läuten?

Fragen, die auch ich mir im Stillen stellen werde, nur unterbrochen durch das dem Ohr außergewöhnlich genehme Spiel mit meiner Luftgitarre.

Und was die seit dem zweiten Satz dieses Textes im Raume stehende Frage betrifft, so sollte man einfach mal die Wahrscheinlichkeitsrechnung bemühen. Und wer die Lösung hat: ich lese dennoch ab und an zwischendurch ein Buch.

 

Anmerkung: Nein, ich habe keinen Text zum diesjährigen 3. Oktober geschrieben. Schließlich sind die Probleme stets die selben, welche jährlich aufzuwärmen, mir einfach zuwider ist. Kurz: Ich bin satt. Ich habe ein Dach überm Kopf. Und wir wissen doch: die Problematik in diesem Wirtschaftssystem besteht darin, dass Einige immer noch satter, immer noch mehr Dach überm Kopf haben wollen. Und dies versuchen sie zu realisieren, indem sie Anderen erst die Butter vom Brot, dann selbst gar das Brot nehmen, und dazu nach und nach deren Dach abdecken. Alles bekannt. Gähn. Wem trotzdem nach kritischen Worten ist, dem empfehle ich zwei alte Texte aus meiner Feder, die mir, auf Grund immerwährender politischer und wirtschaftlicher Unbill, zeitlos erscheinen.

Dem Horizont gehen die Silberstreifen aus

Das Wort zum Sonntag (An einem Donnerstag in Thüringen geschrieben)

8 Antworten zu “Psst!”

  1. Paul Laub sagt:

    Das eigentlich Erstaunliche an der menschlichen Kommunikation ist ja, dass die, die am wenigsten zu sagen haben, meist die Lautesten sind. Daraus entwickelt sich seit geraumer Zeit ein noch viel erstaunlicheres Paradox. Nämlich: Auf die Lautesten wird auch am meisten gehört. Würden wir also den Schwänzeltanz der Bienen übernehmen (komische Bilder machen sich da in meinen Gedanken breit), kämen wir nicht sonderlich weiter, wir folgtem wahrscheinlich dem besten Tänzer mit dem längsten… — wo war ich? … ach ja, ich fürchte, ich bin deiner Meinung – die Menschheit befindet sich am Rande des kommunikativen Abgrunds.
    Was tun? Endlich die Fresse halten?
    Nö… dann doch lieber die Worte sorgfälig auswählen und hoffen. Aber wem sag ich das.

    Schöner Text mal wieder.

  2. Mike sagt:

    Wenn ich deinem text recht folge haben wir uns zu analphabetischen wich….
    entwickelt. Wenn man aber kein wort mehr sagen darf, wie soll dann das geschriebene entstehen???Ich für mein teil lese ja eh nur dein gebrabel und finde du bewegst dich immer haarscharf an der Grenze zum Wahn der Wahrheit.
    Greetz mike( ich muss mir ein Taschentuch holen) ;-) )))

  3. Kolumnistenschwein sagt:

    @Paul
    Wem sagst Du das …

    @Mike
    Niemand hat die Absicht eine Grenze zu bauen …

  4. Hans sagt:

    Ich stimme mit Paul Laub überein. Würden sich manche Menschen inhaltlich auf das Wesentliche beschränken, anstatt mit vielen Worten nichts zu sagen, dann wäre es auf der Welt schnell stiller.

    MsG
    Hans

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    So gesehen, kann, nein, muss ich meinen Blog ja umgehend zu machen! Da habe ich mir ja ein schönes Ei gelegt …

  6. Hans sagt:

    Hm, warum fühle ich mich auf einmal so mies?

    Bitte mach weiter. Wir brauchen das. :)

    MfG
    Hans

  7. Paul Laub sagt:

    Würd ich auch sagen. Mach du mal schön weiter.
    Lass es mich etwas anders formulieren:
    Jeder singt auf seine Weise. Nur, wer nicht singen kann, der sollte es bitte lassen. Denn: schreiben und singen – kann man nicht erzwingen.

  8. buchstaeblich sagt:

    So eifrig, wie manche Männer es mit dem Händewaschen halten, bin ich eigentlich ganz froh, wenn sie sich mit ihren Pfoten hinterher nicht an Büchern vergreifen.