Posttraumatisch

In einer gerechten Welt hätte jeder Briefkasten zwei Schlitze. Einen für die Post, welche – egal ob genehm oder unangenehm – dem Eigentümer des Briefkastens den Zustand des eigenen Lebens quittiert. Jeder sollte doch das Gefühl kennen, wenn einem das Herz schneller schlägt, die Atmung hyperventiliert, die Hände feucht werden – und dies alles allein schon beim bloßen Anblick des Postboten. Dann erwartet man nämlich in den meisten aller Fälle entweder den Brief einer unlängst errungenen und zudem weit jüngeren Liebschaft, oder auch die schriftliche Ankündigung der nächsten Preiserhöhung seines Energielieferanten. Zweierlei Schreiben so verschiedenen Inhaltes, die uns aber selbst einzeln spüren lassen, dass man, dem harten Leben zum Trotze, noch an selbigen ist.

Der zweiten Schlitz des Briefkasten hingegen, der sollte für den zellulosehaltigen Müll, der einem Woche für Woche in einer Größenordnung von bis zu zwei Zentnern ungefragt zugesandt wird, postwendend Verwendung finden. Und an den Schlitz sollte eine Art flexible Röhre angeschlossen sein, deren anderes Ende entweder im Zentrum der Andromeda-Galaxie baumelt, oder alternativ in einem Becken des Klärwerkes Emscher endet, welches mit einer Gesamtfläche von 75 Hektar heute immer noch das zweitgrößte Klärwerk der Welt ist*. Es gäbe mir ein ausnehmend angenehmes Gefühl, hätte ich das Wissen, sämtliche Postwurfsendungen, die darauf abzielen, die selten gut gefüllte Haushaltskasse meiner Familie mit zwielichtigen Lockangeboten zu plündern, würden in der Leere des Weltalls, oder in der Scheiße eines 865 Quadratkilometer großen Einzugsgebiets mit Städten wie Dortmund, Essen, Oberhausen oder Duisburg landen. Ich empfinde es nämlich als äußerst ungezogen, ungefragt in meinem Haushalt Konsumgüter zu bewerben, da dieser Haushalt leider Subjekte unter seinem finanziell sehr dünnhäutigem Dache beherbergt, die insbesondere technischem Schnickschnack gegenüber nicht immer so standhaft sind, wie es die Haushaltskasse eben gebietet. Man könnte es auch so formulieren, dass die innerfamiliäre Finanzlage nicht immer dazu in der Lage ist, meinem Technikdurst an den metaphorischen Theken der im Briefkasten werbenden Elektronikdiscounter eine Lage zu schmeißen.

Doch selbst wenn meine Sippe in Geld schwimmen würde, sich also mit 20-Euro-Scheinen 50-Euro-Scheine anzünden tät, um mit diesen wiederum 100-Euro-Scheine zu entflammen, um damit ihre schweineteuren Cohiba Esplendidos anzubrennen: es gehört sich einfach nicht, fremder Leute Grund und Boden mit Dollarzeichen in den Augen voll zu geifern. Dazu kommt der Effekt der willkürlichen Bewerbung potentieller Kunden, obwohl SATURN und der MEDIAMARKT ja nicht einmal wissen können, ob in meinem Hause das Wunder der Elektrizität überhaupt stattfindet! Schließlich kann es doch durchaus sein, dass ich des Stromes energetischer Wirkung gar nicht bedarf, da ich meine Sonntagsbrötchen ja vielleicht an jedem Sonntagmorgen in meinen Achselhöhlen aufbacke. Und die Büchsensuppen der Firma ERASCO erwärme ich allein mit den trostspendenden, auf Wachswalzen gespeicherten Worten unseres, dem Messwein nie abgeneigten Gemeindepfarrers. Und Pizza bereite ich über der Restglut aufgesammelter Zigarettenkippen. Vielleicht. Doch gilt es eventuell als Wiedergeburt tragischer Komödien, wenn man beispielsweise einem Impotenten Werbung für einen neueröffneten Puff in den Briefkasten steckt? Oder einem Querschnittsgelähmten den Prospekt eines Laufshops, in welchem die neusten Produkte der Firmen ADIDAS und PUMA angeboten werden. Doch warum hallt denn dann nicht an jedem neuen Morgen durch Deutschlands Strassen fröhliches Gelächter?

Wer gibt den Damen und Herren der Elektronik-Discounter also das Recht, an jedem zweiten Tag der Woche meinen Briefkasten mit vermeintlichen Sonderangeboten zu penetrieren, wo es mir doch schon allein aus räumlichen Gründen gar nicht möglich ist, mir alle zwei Tage einen neuen Laptop zuzulegen. Spätestens nach der übernächsten Version von WINDOWS stände doch die ganze Hütte voller tragbarer Rechner. Und diese sind, im Gegensatz zu Pizzas, nicht mit aufgesammelten Zigarettenstummeln dazu zu bringen, ihre wohlmeinende Wirkung zu entfalten. Falls mich jemand sucht: ich bin mit der Flex am Briefkasten.

 *Ich würde die in meinen Briefkasten versenkten Postwurfsendungen auch furchtbar gern im größten Klärwerk der Welt entsorgen, was leider allein daran scheitert, dass ich das größte Klärwerk der Welt nicht kenne. Vielleicht wird sein Standort ja auch voller Absicht geheim gehalten, denn wer möchte schon in einer Gegend wohnen, in der mutmaßlich die meiste Scheiße der Welt produziert wird. Und so schön ist es an der Wall Street oder im Frankfurter Bankenviertel ja nun auch wieder nicht.

 

 Anmerkung: In letzter Zeit konnte ich meiner Statistik entnehmen, dass ein Leser aus dem deutschsprachigem Raum des öfteren vollständige markante Kernsätze meiner Texte googelt. Hegt hier etwa jemand den Verdacht, ich würde eventuell plagiieren, also als Kolumnistenschwein in fremden Blätterwäldern nach Trüffeln graben? Folgt auf die Bankenkrise nun auch noch eine Vertrauenskrise? Über möglichst plausible Erklärungen, auch wenn nur erfunden, wäre ich erfreut.

6 Antworten zu “Posttraumatisch”

  1. spill sagt:

    Also erstens.
    Wieso heißen Postwurfsendungen eigentlich “PostWURFsendungen”?
    Ich meine wenn jeder Postwerfer den entsprechenden PostwurfsendungsSchlitz treffen würde, – wäre die F1-Industrie nix gegen diverse DartWeltmeisterschaften, – andererseits gäbe es keine Briefträger mehr hier, bzw.nur noch wenige.
    Zweitens.
    Klärwerke produzieren keine Scheiße, – die verklären die.
    So meistens zu Pizzateig(was die wenigsten wissen!).
    Desweiteren ist bekannt das Ex-Mitarbeiter von Klärwerken
    a. in scheißeverklärenden AnalForen enden oder sich
    b. als FanatenGucker von “Richterin Babsi Salesch”od. “AlexHold” finalbilden.

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    @spill
    “Klärwerke produzieren keine Scheiße”

    Habe ich auch nicht behauptet. Aber wo das größte Klärwerk der Welt steht, da sollte es wohl logischerweise auch den größten Bedarf für dessen klärende Tätigkeit geben. Ansonsten wäre es – an der dann unnützen Investition gemessen – ein großer Griff in die Scheiße.

  3. Paul Laub sagt:

    Das Schlimme an den beschriebenen Postwurfsendungen ist, dass man sich mit diesen nicht mal ordentlich den Hintern abwischen kann – denn das wäre notwendig, würde man all den verlockenden Angeboten Folge leisten, da durch die kaufrauschbedingt einsetzende Verarmung (ein geplant schleichender Prozess, um den Käufer letztlich zu Zwangshandlungen wie Ratenkauf oder ähnlichem zu bewegen) der Konsum diverser Luxusgüter wie Klopapier usw. weg fallen müsste.
    Würde man aber seinen Allerwertesten durch den permanenten Gebrauch dieses postal zugestellten Klopapiers zur Bildung einer robusten Hornhaut bringen, könnte ein Klärwerk gleich die Funktion einer Papierrecyclinganlage mit übernehmen – äußerst produktiv, wie ich finde, gerade in Zeiten schwerer Finanzkrisen (nicht die unter deinem Dach allerdings).

    Dem betreffenden Googler solltest du dieses kleine Laster lassen. Er fröhnt sicher irgend einem Selbstgeißelungsdrang – muss er doch seine Suche jedes Mal durch die Erkenntnis, dass es eben nur ein verdammtes Kolumnistenschwein gibt, abbrechen. Der arme Tropf.

  4. wurst.exe sagt:

    Anmerkung: In letzter Zeit konnte ich meiner Statistik entnehmen, dass …

    Ab und an verschicke ich Teile Deiner geistigen Ergüsse an Bekannte. Leider ohne Quellenangabe. Entschuldige bitte.
    Sicherlich wird dann ergoogelt aus wessen Feder das Erhaltene entspringt…
    Ist aus Deiner Statistik auch eine erhöhte Zugriffszahl zu entnehmen?

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    Werter wurst.exe,

    Sie wissen sicher, dass dies natürlich nicht von der feinsten Art ist. Vom Rechtlichen jetzt mal ganz abgesehen, da ich denke, wo zitiert wird, ohne eine Quelle anzugeben, Frau Justizias Augenbinde ganz schnell mal verrutschen kann. Nun gut: die Statistik zeigt wahrhaftig einen Anstieg an Lesern. Warum auch immer.

  6. Hans sagt:

    Ich habe an meinem Briefkasten einen Aufkleber angebracht. Ein kleines Stoppschild mit der Aufschrift “Keine Werbung!”. Wirkt Wunder. Und das bisschen Werbemüll, das offenbar von des Lesens Ohnmächtigen und Stoppschilder Ignorierenden durch meinen Briefschlitz wandert, das lasse ich bei der Gelegenheit des Postkastenleerens gleich in die blaue Tonne nebenan wandern.

    Schon komisch. Über jeden Furz, den eine Kuh in Argentinien macht, regen sich unsere Umweltpolitiker auf. Aber dass sie sich mal über die Megatonnen an Werbemüll Gedanken machen … ach was schreibe ich? Es sind Politiker.

    MfG
    Hans