Druckstellen
Welch grausame Laune des Schicksals nötigt Damen und Herren in gehobenem Alter – und zudem zumeist in Trainingsanzug oder aschgrauem Anorak – wohl dazu, die druckfrischen Erzeugnisse lokaler Presse in frühester Morgenstunde innerhalb der Nachbarschaft verteilen zu müssen? Wenn man meinem Alter dereinst nachsagen sollte, dass es “gehoben” sei, so möchte ich in jener Zeit doch jeden Tag schlummern, bis dass mich der Ruf meiner Rückenschmerztabletten, bzw. das Gefühl, der tägliche Verzehr von Kürbiskernbrot würde endlich seine erleichternde Wirkung zeigen, mich pein-, aber auch erwartungsvoll aus den Federn treibt. Und neben mir sollen ruhen, mein über die vielen Lenze hin geknittertes Eheweib, und – in einem Glase trüben Wasser schwimmend – meine seit Jahren von mir getrennt lebenden Zähne.
Und mit Zeitungen möchte ich in dieser heute noch recht nebulösen Zukunft, also wenn ich das biblische Alter von 58 endlich erst erreicht habe, nur in Kontakt kommen, wenn diese unheilvoll aus meinem Briefkasten lugen. Worauf ich diese mit spitzen Fingern entnehmen und nach deren Lektüre zahnlos über den Zustand der Welt und den meines Rückens zetern werde.
Warum sollte ich mir dann auch als Zeitungsausträger, und meinem über die Zeit zusammengestauchten Körper, nun auch noch die Last der in verhängnisvollen Überschriften auf den Punkt gebrachten Schlechtigkeit der Welt zumuten? Mit 58 gebeugt gehen, dies sollte doch nur körperlicher Arbeit, dem intensiven Sammeln von Pilzen, oder eben auch gewissen sexuellen Praktiken geschuldet sein, aber doch nicht den Status Quo des Hier und Jetzt manifestieren.
Und was meine bis dahin gewiss ausgefallenen Zähne betrifft: die werden mir ausgefallen sein, nicht eines Defizits an Vitamin C wegen, oder wegen dem übermäßigem und alleinigen Verzehr von Ferrero Rocher, sondern, weil ich mir meine Zähne allesamt am beinharten Überbau meines bundesdeutschen Seins ausgebissen haben werde. (Man beachte die Bissspuren am Jenaer Finanzamt!)
Die Überbringer schlechter Nachrichten aber sollten selbst als Frau das Bild von einem Mann sein, um so dem schweren Übel in ihrer vom Verlag gesponserten Schultertasche muskulös Paroli bieten zu können. Hiob zum Beispiel, der hatte ein Kreuz wie kein Zweiter, Arme wie kein Dritter und selbst seine Beine waren bekanntlich im oberen Drittel des Mittelfeldes platziert. Dies ist historisch zwar nicht belegt, doch würde es mir schon einen gehörigen Respekt einhauchen, wenn die Tageszeitung mit der hypothetischen Schlagzeile “Große Koalition beschließt Steuern auf ausgefallene Zähne” mir von einem Kraftprotz in meinen Briefkastenschlitz gerammt würde. Die Zurschaustellung seiner körperlichen Kraft könnte nämlich verhindern, dass ich den Zeitungsausträger als Überbringer des puren Bösen aus seinem aschgrauen Anorak prügele, was mir zwar unzweifelhaft das Mütchen kühlen, den Zeitungsausträger aber wegen seiner frisch ausgeschlagenen Zähne, die nun im fahlen Schein der Laterne wie Rubine auf dem Gehweg funkeln, mit sofortiger Wirkung zum Steuerschuldner macht.
Nun kann es natürlich durchaus sein, dass Hiobs Urahnen heutzutage nicht allein aus reiner Boshaftigkeit nachts um 3 Uhr aus ihren körperwarmen Steppdecken steigen, um, zipfelbemützten Wichtelmännern gleich, im Hybrid von Nacht und Tag Kassandras gedruckte Rufe zu verteilen. Wahrscheinlich tun sie es ja nur, um ihr mageres Konto mit den Brotsamen einer angeblich freien Berichterstattung vorm Hungertod zu bewahren. Sie sind sozusagen die fleischgewordene Erfüllung der von ihnen ausgetragenen Prophezeiungen. Alles wird schlechter. Und ihnen geht es schon so. Doch da gilt es nicht händereibend hinter Gardinen und Haustüren sich an der Drangsal der nach Druckerschwärze riechenden Arbeitsbienen zu erwärmen. Denn in der Tageszeitung kann man zwischen allen Zeilen lesen: auch in deinem Kleiderschrank hängt bald ein grauer Anorak.
22. Oktober 2008 um 18:40
Bei Oma gab es früh Brötchen ,Milch und die Zeitung (je nach Gesinnung) am Türdrücker.
Wer betrauert den heutigen Rest?
22. Oktober 2008 um 18:48
Es ist der Lauf der Dinge. Sie zu beweinen, würde allenfalls unsere Äcker versalzen, aber nicht das Rad der Zeit zurück drehen können. Aber nehmen’s wir, wie die Banker die Milliarden: leicht.
23. Oktober 2008 um 22:49
Na, ich hoffe doch mal, ich muss niemals so einen grauen Anorak tragen…das gibt mir ja schon zu denken…obwohl…bis ich so weit bin, kann ich mir warscheinlich nicht mal mehr den grauen Anorack leisten oO
26. Oktober 2008 um 9:49
Zu der Zeit als Nobbi Blüm sagte “Die Renten sind sischer” da waren sie es wohl noch. Aber heute – 2008 – sieht man alte Leute Zeitungen austragen und auch Pfandflaschen aus dem Altglas-Container fischen. Otto von Bismarck würde einen Tobsuchtsanfall kriegen, könnte er sehen wie seine Sozialgesetze von verantwortungslosen Politikern pervertiert wurden.
MfG
Hans
26. Oktober 2008 um 10:23
Und von verantwortungslosen Bürgern. Stichwort: Wahlurne.