Archiv für Oktober 2008

Tür an Tür mit Alice

Donnerstag, 16. Oktober 2008

Der optimale Nachbar leiht einem anstandslos eine Tasse Mehl, an und ab sein Ohr, und kehrt nur vor der eigenen Türe. Da meiner Person die Erfüllung der benannten Kriterien recht leicht fallen sollte, offenbar ich hiermit, dass ich schrecklich gern neben mir wohnen würde. Auch wenn dieses womöglich aus Sicht von Quantenphysikern und anderer Weltenweiser nicht nur theoretisch, nein, sogar praktisch so gut wie unmöglich scheint. Worüber ich nun wieder – ganz Pragmatiker – eigentlich recht froh bin, da ich nämlich überhaupt keinerlei Lust in mir verspüre, in den noch kommenden Wintern meines harschen Daseins vor zwei Häusern Schnee schippen zu müssen. Dennoch bleibe ich dabei: eine Tasse Mehl ist nicht das Leben, Ohren sind weit belastungsfähiger als sie für gemeinhin aussehen, und kehren tue ich vor gar keiner Türe, nicht einmal vor der meines eigenen Hauses. Gäbe es Pokale aus Bleikristall und massiven Silber für den Wettbewerb “Nachbar des Monats“: die Zwischenböden meiner Schrankwand würden ächzend Zeugnis über meinen Hang zur harmonischen Zwischenmenschlichkeit ablegen müssen.

Wer es sich aber trotzdem aus einer schlechten Laune heraus bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag mit seinem Nachbarn verderben will, der sollte vorher bitte kritisch bedenken, dass es dann, vom simplen Nachbarschaftsstreit bis hin zum Auftritt in einer der unsäglichen nachmittäglichen TV-Gerichtsshows, oft nur einen unausgegorenen Gedanken weit ist. Und dann hat man sich eingereiht in die anscheinend unendliche Masse der vom Schwachsinn umgarnten, welche sich, für circa 30 Minuten intellektuell durchaus fragwürdigen Ruhm, für die nächsten drei Leben im Privatfernsehen zum Ei gemacht haben. Buddhistische Praxis vorausgesetzt.

Wer aber stets mit seinen Nachbarn gut Kirschen essen will, allzeit lieber ein warmes “Du”, statt einem harten “Sie!” aus deren Mündern hören möchte, dem gebe ich 3 goldene Regeln mit auf den Weg, welcher ihn schnurstracks ebenfalls zu ächzenden Zwischenböden wegen schwerer Nachbar-des-Monats-Pokale wegen führen sollte.

1. Vermeiden Sie Feuerübungen. Kein Nachbar hört es gern, wenn Sie nachts gegen 2 Uhr – Frau und Kind und Fernseher unterm Arm – laut “Feuer! – Feuer!” schreiend unter seinem Schlafzimmerfenster stehen. Selbstverständlich ist es lobenswert, menschliche wie auch materielle Werte vor den ungünstigen Auswirkungen offenen Feuers in geschlossenen Räumen schützen zu wollen. Doch auch die Nerven ihrer Nachbarn verdienen Schutz und Fürsorge. Besonders wenn diese auf Grund mannigfaltiger existenzieller Probleme seit Monaten schutzlos blank liegen. Hartz4 ist weit näher als man denkt.

2. Nehmen Sie an keinen Pogromen in unmittelbarer Nachbarschaft teil, ganz gleich, wie berechtigt und notwendig diese Ihnen auch erscheinen mögen. Denn wie schnell können Flammen auf Ihr Haus übergreifen. Und dann sehen Sie ganz schön alt aus, so ohne jegliche Feuerübungen.

3. Beschränken Sie ihren Alkoholgenuss auf von der Nachbarschaft organisierten Straßenfesten auf ein Minimum. Kein Mensch hört gern tränendurchweichte Geschichten von unerfüllten Lieben, viel zu früh Verstorbenen und hässlichen Ausschlägen im Bereich zwischen Anus und Skrotum. Durch übermäßigen Alkoholgenuss leichthin ausgeschwatzte Intimitäten sind einer der Hauptgründe für Pogrome! Sollten Sie dennoch nicht auf das unkontrollierte Zuführen von Spirituosen verzichten wollen bzw. können, so sollten Sie unter Umständen in Betracht ziehen, in Ihrem Hause eventuell Feuerübungen ansetzen. Sie wissen ja: ein Apfel am Tag hält den Doktor fern.

Wer diese Beratschlagung verinnerlicht, wird nicht nur Pokale ernten wie ehedem Kunta Kinte Baumwolle. Er wird auch ruhig und ohne 9mm durch die Strassen seines Viertels gehen können, denn er weiß ja nun, die Schatten da hinter den Gardinen, dass sind nur die Schatten von Freundlichkeit und Zuneigung. Nur schade, dass man gerade kein Mehl braucht. Selbst jungen Nachbarn, welche mit Shirts herumlaufen, auf denen man so ähnlich klingende Sprüche wie

 Rum und Ähre der Waffel – Eß – Eß!

 lesen muss, sollte man wohlgesonnen sein. Nicht jedem ist es schließlich in die Wiege gelegt, deutsche Militärgeschichte ohne Fehl und Tadel zu interpretieren.

Und so lege ich nochmals allen in Reihen- wie auch Hochhäusern wohnenden Mitmenschen zu Bedenken ans wummernde Herz: von seiner vermeintlich besseren Ehehälfte kann man sich notfalls scheiden lassen. Nachbarn hat man immer.

Nachtrag: Dieser Text wurde von mir am 17.10.08 überarbeitet, da mir noch so manche Idee hinterdrein kam. Wem dieses missfällt, der sollte sich bitte per Mail bei mir melden, auf dass ich ihm meine Kontodaten zulassen komme. Mit dem Geld, welches man mir dann hoffentlich überweist, kaufe ich mir Ginko-Präperate. Diese sollen ja dem Denken mächtig auf die Sprünge helfen. Auf dass ich mir zukünftig solcherart Nachträge sparen kann.

Schweinerei des Tages (1)

Dienstag, 14. Oktober 2008

Angela Merkel – unser bundesdeutscher Esel-streck-Dich – braucht nur mal kurz mit den parlamentarischen Hufen zu scharren, und schon darf sie den Bankern und Brokern einen Haufen güldener Dukaten in den Hals scheißen, auf dass diese weiter Alles-oder-Nichts spielen können. Erstaunlich, erstaunlich, wo doch noch vor Kurzem, als es darum ging, den verarmten Wanderarbeitern dieses Landes ihr gestohlenes Wegegeld zurück zugeben, dem Esel eine eiserne Hartleibigkeit attestiert wurde, nebst chronischer Unterernährung. Zweierlei finanzpolitische Großtaten, die zeigen, dass, wo es um die nackte Haut geht, nur Nadelstreifen bestens schützen. Vielleicht sollte man ja dem Esel bei nächster Gelegenheit – und natürlich vollkommen demokratisch – das dicke Fell abziehen. Aber Vorsicht: da sitzt viel Ungeziefer drin!

via

Konsequent

Samstag, 11. Oktober 2008

Nein, ich werde mir keinen Text zum momentanen, weltweiten finanziellen Desaster aus den lyrischen Rippen schwitzen.

Auch wenn mir es schon gehörig in den dunklen Falten meines Hirnes juckt, dazu anzumerken, dass der Gedanke, durch geschicktes Anlegen seines Ersparten, in nur etwas mehr als Nullkommanix zum Krösus zu werden, ungemein instabil und damit zum sofortigen Abriss bestimmt ist. Im Prinzip müssten Banken also eigentlich, welche auf Grund solch maroder Reflexionen gierig ihre Portale erstmalig öffnen, davor schon geschlossen werden. Aber Pustekuchen. Dabei sollte es doch schließlich zum durch Bildung errungenem Allgemeingut gehören, dass Geld sich nicht einfach so vermehren kann. Wer an diesem zweifelt, der sollte sich in aller Ruhe und der Aura einer mindestens 100 Watt starken Glühlampe einmal einen Zwanzig-Euro-Schein aus seiner kunstledernen Geldbörse ziehen, um diesen im Lichte der Lampe einer erschöpfenden Untersuchung zu unterziehen. Er wird – auch ohne unzählige Semester in einer den Naturwissenschaften geneigten Studieneinrichtung abgerissen zu haben – erkennen, dass der Zwanzig-Euro-Schein weder über eine Gebärmutter, auch über keinen Eileiter, noch über Schamlippen, und auch über keinerlei männliche Geschlechtsorgane verfügt. Dies gilt im übrigen auch für die Fünfzig- sowie die Einhundert-Euro-Scheine und auch für alle anderen gültigen Zahlungsmittel innerhalb und außerhalb der Europäischen Union. Der Begriff “Hartgeld” hat dementsprechend überhaupt nichts mit Erektionen gemein, was man ja auch allenfalls daran erkennt, dass es als Substantiv nicht männlich, sondern sächlich ist. Insofern ist es doch, wenn man Geldscheinen demzufolge keinerlei Geschlechtsmerkmale attestieren kann, dem Glauben an Feen und Wichtelmännern gleich, zu vermuten, auf unseren Sparkonten und an den Börsen würde unser sauer Verdientes Geld beständig rund um die Uhr rudelgebumsen, auf dass es Zinsen über Zinsen zeugt, welche auf die wahrhaft inflationären Vornamen Euro und Cent hören.

Zinsen entstehen nämlich keineswegs durch natürliche Zeugung, sondern sind die Produkte unsere gedanklichen Umständlichkeit. Im Grunde aber ist es doch so, dass das Finanzinstitut unseres Misstrauens, in den auf der Bank mit heißer Nadel gestrickten Sparstrumpf, nur das zur Sparsumme X dazulegt, was sie unseren Nachbarn bei Vergabe eines Kredites als Zinsen abknöpft. Es wäre als weit weniger kompliziert, wenn man seinen Nachbarn persönlich ausrauben tät. Damit würde man sich nicht nur unnötige Wege ersparen – Nachbarn wohnen ja schließlich, vorausgesetzt man nistet nicht gerade in Alaska, immer gleich nebenan – sondern auch der Umwelt gegenüber großes Leisten, da schwer abbaubare Haargels nicht mehr so massig in diese gelangen, weil es ja dann auch weniger Kundenberater hinter den Bankschaltern gäbe. (Persönlich vermute ich ja, dass nur deshalb in all den, den finanztechnischen Hasardeuren ein Parkett gebenden Einrichtungen soviel Haargel Verwendung findet, weil den Brokern und Zertifikateschwindlern angesichts ihre Geschäfte, ohne dieses schmierige Hilfsmittel beständig die Haare zu Berge stehen, was in den tagtäglichen Börsenberichten der Medien natürlich kein gutes Bild abgegeben würde! Auch wenn in meinen kurzsichtigen Augen eben nicht nur ihre Geschäfte sehr spekulativ sind, sondern auch die Annahme, man würde schon ein einziges gutes Haar an ihnen lassen, sofern dieses nur liegt.)

Auch die Idee, ich könne mein Geld dadurch vermehren, dass ich es in Aktien der Firma XY stecke, sollte Menschen, denen es glücklicherweise vergönnt ist, 1 und 1 zusammenzurechnen, nur ein müdes “Ach, lass mal …“ abnötigen. Denn wer wildfremden Menschen sein Geld anvertraut, der kann auch seine fast volljährige und bis dato noch unbefleckte Tochter nackt zur Weihnachtsfeier des örtlichen Fußballvereines schicken, in der wirklich vagen Hoffnung, sie käme noch als Jungfrau zurück. Dies alles juckt mir schon gewaltig in den dunklen Falten meines Hirnes.

Aber nein, ich werde mir keinen Text zum momentanen, weltweiten finanziellen Desaster aus den lyrischen Rippen schwitzen.