Archiv für November 2008

Dem Christkind untern Rock geschaut

Sonntag, 30. November 2008

Seitdem ich den geistigen Getränken aller Art meinen Rücken zugewandt habe, ist mir der Sinn von Weihnachtsmärkten vollkommen abgegangen. Zu Zeiten von Rausch an Rausch, da war ein Sinn – wenn auch nur verschwommen -  durchaus erkennbar, und er lag vor allem darin, von Glühweinbude zu Glühweinbude zu wanken, um dem Alkoholspiegel eine gewisse Konstante zu geben. Was unter den gegebenen Bedingungen eines Christkindmarktes nicht immer unter einem guten Weihnachtsstern stand. Denn Adventsmärkte sind vom Charakter her als offene Märkte zu bezeichnen, also, was ihre Besucher betrifft, nicht so von harten Gesetzestexten dranglasiert, wie beispielshalber die Erotikmessen, deren Angestellte angehalten sind, sofern die Gäste milchbärtig und pickelig scheinen, vor der Saaltüre erst mal einen kritischen Blick in deren Ausweispapiere zu werfen. Diese Gesetzeslücke führt nun indessen alljährlich dazu, dass die Weihnachtsmärkte von vollständigen Familien heimgesucht werden, während Erotikmessen allein verschwitzte Brillengläser putzenden Junggesellen um die 50 vorbehalten sind. (Ob der Gedanke, auf Erotikmessen Glühwein auszuschenken, während man auf Weihnachtsmärkten eine Live-Performance sich paarender Models präsentiert, eine Ausweispflicht für die Plätze zwischen Lebkuchen- und Christbaumschmuckbuden mit sich bringen würde, sei allerdings den kommunalen Entscheidungsträgern zur Begutachtung statt ihrer Hände in den Schoß gelegt!)

So war es halt immer so eine Art mit Kinderwagen und gutbemützten Viertelwüchsigen bestückter Parcours, daraus folgend ein Rempeln und verbales Rumpeln, um von Stand zu Stand zu gelangen, an denen es galt, für 2,50 Euro pro Becher, die Weihnachtsstimmung am köcheln zu halten. Und nicht selten erwachte man am nächsten Morgen mit dem typischen, durch den mit Zucker aufgemotzten alkoholischem Gebräu verursachtem, tiefgestimmtem Brummschädel. Und man war den dann ganzen Tag damit beschäftigt, unverpackte Schokoladenäpfel aus den Innentaschen seiner Winterjacke zu schälen, kandierte Nüsse aus den Norwegersocken zu pulen, und herauszubekommen, wer zum Teufel die Personen sind, mit denen man sich auf dem eigenen Fotohandy in mindestens zweideutigen Posen hat ablichten lassen. Auch die umgehängten Lebkuchenherzen, auf denen man mit Zuckerlasur “Ich liebe Dich!” gedruckt hatte, machten unsicher, denn man war ja den jungen Ehejahren, in denen solch Liebesbeweise gern aus Gründen stetig ungezügelter Libido verschenkt worden, längst entwachsen. Außerdem war man ja, wie die Erinnerung nur widerwillig wiedergab, nicht mit der eigenen Ehefrau, sondern den Kolleginnen und Kollegen auf Glühweinpirsch.

Heute hingegen, mit vom Alkohol ungetrübtem Blick betrachtet, erscheinen die Weihnachtsmärkte genau als das, was sie in Wirklichkeit nämlich sind: Märkte, in denen die legalen Drogen Alkohol und Zucker feilgeboten werden, um dem dadurch berauschten Kunden in den anderen Buden Tand und Schnickschnack aufzuschwatzen, um ihm somit das Weihnachtsgeld, bzw. wie in den meisten ostdeutschen Fällen, das nichtgezahlte Weihnachtsgeld aus den Taschen zu ziehen. Und um dem aufs schnöde Abzocken präparierten Weihnachtsbrimborium einen halbwegs moralischen Anstrich zu geben, werden ein Märchenwald und eine Weihnachtskrippe aufgestellt, wobei ich mir aber selten einig werde, bei welcher Schaugruppe es sich nun um die Märchen, und bei welcher es sich um die geschnitzten Missionierungsversuche handelt, da mir beide doch sehr auswechselbar und aus den Fingern einer nie bestätigten Moral gesaugt scheinen.

Auch fiel mir auf, dass der Glühwein, der pro Becher mit circa 2.50 Euro dem Portmonee zur Last fällt, im Lebensmittelhandel für 0,99 Cent pro Flasche über die Scanner der Registrierkassen geht. Und in so einer Flasche sind locker 3 Becherinhalte glasummantelt, was bedeutet, dass der Glühwein auf dem Adventsmärkten von Rostock bis München ungefähr das das Achtfache kostet.

Hieraus erschließt sich nun aber, warum auf Weihnachtsmärkten so ungeheuer gesoffen wird. Denn nüchtern lässt sich so ein Abzocken ja gar nicht ertragen. So sollten uns die “Ho! Ho! Ho!” – Rufe der Teilzeitweihnachtsmänner auf den meisten der Adventsmärkte nicht etwa dazubringen, unserer Kinder in Reichweite des Rauschebartes zu schieben. Sie sollten uns eher dazu veranlassen, unsere Geldbörsen ganz, ganz fest zuhalten.

Schönen 1.Advent!

Schneeballsystem

Mittwoch, 26. November 2008

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann es an mir war, Schnee zu hassen. Wahrscheinlich fiel es aber genau auf jenen Tag, an dem mein kindliches Spiel mit den Flocken – auf elterlichen Befehl hin – den Platz räumen musste für das Schippen des Schnees, das Befreien des Bürgersteiges von des Winters weißer, festgetretener Last. Schließlich waren meine Eltern Mieter, oder ein Teil der Mieter meine Eltern (auch hier ist meine Erinnerung recht porös!), was im Grunde aber auch vollkommen egal war, denn der Mietvertrag machte keinen großen Unterschied zwischen Mieter ohne Kind und Kind mit Eltern als Mieter. Da gab es einfach keine Grauzone, indessen nebulösem Dickicht sich die Mieter mit und ohne Nachwuchs zwischen November und März in unserem Wohnhaus verstecken hätten können. Der gestrenge Hausmeister hieß bei uns Hausordnung, welche penibel und gerahmt festlegte, wer wann und wie oft Treppe schrubben musste oder eben Schnee zu schippen hatte. Wobei das Treppe schrubben ganzjährig eingefordert wurde, während das Schnee schippen nur in der kalten Jahreszeit der Hausbewohner Laune verdarb. Auch wenn ich schon ein klein wenig argwöhnte, dass unser Vermieter letztere saisonal bedingte Reinigungstätigkeit nur in allerbösester Absicht reglementierte, denn es hätte alle Mieter doch enorm entlastet, wenn es nur im Sommer gegolten hätte, des Winters Mitbringsel per Schaufel vom vorm Haus zur Straßenmitte zu befördern. Bis zur Straßenmitte, das schafften allerdings nur die Kräftigsten, die, in deren Suppe auch über die Woche hin reichlich Fettaugen schwammen, so dass der Schnee bei den meisten aller Mieter schon am Rande des Bürgersteiges wieder zu Fall kam. So entstand des öfteren eine Schneise aus Schnee und Stein, ein halbseitig temporäres Nadelöhr, nicht gemacht für Leute, die vergaßen, dass auch Babyspeck nur in einem sehr eng gezogenem zeitlichen Rahmen der Öffentlichkeit zumutbar ist. Was damals aber nicht weiter prekär, denn zu jener Zeit, da waren eigentlich nur die richtig dick, die den Krieg überlebt hatten, die Hungerjahre, die, die die Erinnerung daran zwang, tagtäglich GUTE Butter zu essen, bis sie so breit waren, wie der Krieg lang.

Bei sechs Mietpartein war es selbstverständlich an dem, dass der Winter samt Dienst durch sechs geteilt wurde, was die Sache aber keineswegs angenehmer gestaltete, denn es war doch stets zu allen Zeiten so, dass es immer nur dann besonders ergiebig schneite, wenn man in der Hausordnung ein Kreuz neben seinem Namen fand. Gut, wenn man dann in flockenreicher Zeit Kinder hat, die hart an der Grenze zum Erwachsensein ein Bild abgeben, welches dem Betrachter wortlos sagt: sie sind reif genug, um ihres Lebens bisherige Süße in die Bitternis der Realität zu tauchen. Und dieses Bitter hieß körperliche Arbeit.

Und meine Eltern sahen, dass meine jungen Arme und die gleich alten Schultern nun wohl kräftig genug seien, um nicht nur Schneebälle zu formen, zu werfen, zu verleugnen, sondern auch endlich stark genug, um der Eltern winterliche Pflicht von deren gebeugten Schultern zu nehmen. Und damals, da waren die Winter noch Winter. Wie oft fiel über Nacht soviel Schnee, dass er bis zu den Fenstern unseres Kinderzimmers hinauf reichte. Und wir wohnten damals ganz oben! Hierbei kann es natürlich sein, dass dieses “ganz oben!” trügt, betrügt, doch wer kennt es nicht, das Gefühl, wenn man einen Weg geht, den man als Kind schon oft gegangen, der einem aber damals mindestens doppelt so lang vorkam. Sei’s den kurzen Kinderbeinen geschuldet gewesen, oder auch der Relativitätstheorie, da diese doch besagt, dass, wenn man sich bewegt, die Zeit schneller vergehe, was wiederum bedeutet, dass, wer ein bewegtes Leben hat, sehr viel mehr Zeit durchlebt haben muss, was andererseits als Entschuldigung mit sich bringt: da kann schon mal im Gedächtnis so einiges kreuz und quer geraten!

Lange Rede – kurzer Sinn: wenn das winterliche Vergnügen sich reduziert auf das Schaffen von Tunneln aus Stein und Schnee, so hat man im Leben endgültig den Punkt erreicht, an welchem man sich erstmals ernsthaft Gedanken darüber macht, eine Todesliste zu erstellen. Und die ersten drei Plätze darauf teilten sich bereits Schnee, Vermieter und Eltern. Und der Rest des Lebens besteht dann nur noch aus den Sisyphusschen Versuchen, die Liste zu Lebzeiten irgendwann fertig zustellen. Plus Schnee schippen durch sechs.

 

Anmerkung: Morgen Abend grunzt das Kolumnistenschwein in der Blankenhainer Regelschule, Beginn circa 19 Uhr. Dazu gibt es Geklimper und Völlerei.  Eintritt frei.

Blechschaden

Donnerstag, 20. November 2008

Ich bin verwirrt. Nun, so ein Zustand allein ist keineswegs Rechfertigung, um diesen schriftlich zu fixieren. Schließlich sind gerade just in diesem Moment Millionen von Menschen, wenn nicht gar Milliarden verwirrt. Leider ist es bei meiner Person aber so, dass eine nicht zu ignorierende Anzahl von Metern meines Neuronennetzes irgendwie verknotet, mutiert scheint, also so eine Art Krebs des Geistes, was dazu führt, dass ich mir meiner Verwirrtheit vollkommen bewusst bin. In meinem Umfeld jedenfalls sind die Menschen, die von sich behaupten, sie seien verwirrt und zugleich vertauenswürdiger Zeuge ihres Befindens, grundsätzlich recht dünn gesät. Und mit verwirrt meine ich nicht jene Art von Verwirrung, in dessen Fängen man in Hausschuhen und sonst nichts am Leibe auf allen Vieren Nacht für Nacht bei Vollmond ums Viertel kriecht, um an jedem Baum und Pfahl sein Bein zu heben. Auch hierbei ist das Erkennen der von der Gesellschaft gebrandmarkten Verhaltensweise beim beinhebenden Protagonisten nicht immer gegeben. Was unter anderem dazu führte, dass in Städtischen Tierheimen nicht nur Zwangsjacken, sondern auch Zuckersäcke voller Diazepam längst zur regulären Grundausstattung gehören.

Aber solcherlei Gemütsstörungen sind allerdings heilbar, so dass einer meiner näheren Verwandten, den jener unheimliche Drang mittig des Lebens zum Sklaven machte, insoweit gesundete, dass er nebst Hausschuhen nun wenigstens auch eine Mütze bei seinen nächtlichen Ausflügen trägt.

Seine eigene Verwirrtheit indes zu spüren, dies ist eine Erfahrung, die, wenn man sie erst einmal macht, leichthin zum Ausspruch führt, man hätte gern darauf verzichtet. Eventuell ist es damit vergleichbar, dass, wenn man einem Blinden von Kindesbeinen an im Glauben erzieht, sein Zustand des Nichterkennens sei nichts Außergewöhnliches, sondern allgemeiner Standard bei der Spezies Mensch, und ihn dann aber eines schönen Tages kurz vorm zu Bett gehen mit der Nachricht überrascht, man sehe etwas, was er nicht sieht.

Doch nicht nur mein geistiges Wirrwarr erkannte ich, auch der Grund dafür offenbarte sich mir. Denn es scheint zu heutiger Zeit nichts leichter, als einem gesunden Menschenverstand mit nur wenigen, einander zuwiderlaufenden Aussagen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und wir wissen doch alle: liegt der Verstand erst einmal auf der Schnauze, dann ist’s mit Sprachreise und Abendschule alsbald Essig, weil man alldieweil nur noch nackert ums Viertel kriecht. Die Kausalität meiner gedanklichen Desorganisation liegt indes darin begründet, dass man mir noch vor wenigen Wochen wortgewaltig implantierte, dass Geiz doch nur so was von geil wäre, während man mich nun auf Knien darum bittet, ich möge doch endlich wieder konsumieren, bis auf dass meine Kreditkarte mindestens weißglüht.

Das Geiz geil sei, wagte ich schon bei Aufkommen dieses Werbeslogans zu bezweifeln, da ich selbst eine Frau kenne, die ihre Teebeutel immer zweimal aufbrüht, Zahnpastatuben am Pfalz aufschneidet, um auch an den letzten Rest der minzigen Polierpaste zu gelangen, und Lebensmittel immer nur kurz vor Ladenschluss kauft, wenn beispielsweise der Salat, welcher schon gegen Mittag einen qualvollen Tod durch Verdursten erlitt, zum halben Preis rausgeht. Das finde ich aber überhaupt nicht erotisch. Wenn ich bei dieser Dame auf einen dünnen Tee und dürren Salat eingeladen bin, da ist es ja dann nicht so, dass ich da nun immer mit einer Mordserektion herumsitze. Auch wenn es uneingeschränkt den Tatsachen entspricht, dass die Dame weit knackiger als ihr Tee und ihr Salat ist. Doch nicht nur ihre Lebensmittel wählt sie stets in der Preiskategorie zwischen geschenkt und verramscht, auch ihre Textilien, in welche sie ihren wohlgeformten Körper hüllt, ordert sie mit finanzschonender Bedacht nur im Second-Hand-Geschäft. Sogar, wie sie mich im engsten Vertrauen wissen ließ, ihre Slips und auch ihre recht gewaltigen Büstenhalter. Doch meine Libido ist nun einmal eine überaus zarte Pflanze, und was von Unbekannten Getragenes verdeckt, ist nimmer der Dünger, der dieses zierliche Gewächs zum Mammutbaum hochschießen lässt.

Das nun aber von der deutschen Wirtschaft festgestellt, bzw. festgelegt wurde, das Geiz ab sofort nicht mehr geil, sondern als Charakterzug zu meiden sei wie mechanisches Peeling bei offenen Geschwüren, lässt mich nachdenklich in meinen Sitzsack sinken. Denn war der Werbespruch “Geiz ist geil” in punkto Verbindung von Sparsamkeit und Erotik doch eher ein derber Schlag ins Fruchtwasser, so machte er doch aber wenigstens mein Sparschwein grinsen. Doch nun, wo es eine, wenn auch recht dünne Speckschicht angesetzt hat, soll ich dieses schlachten, um mir ein Auto zu kaufen. Doch vorausgesetzt, ich täte dem Ruf der in einer Flaute verharrenden Automobilindustrie folgen, und mein Nachbar und dessen Nachbar auch, so würden doch die Damen und Herren von Opel und Konsorten sofort wieder die Produktion hochfahren, eventuell in neue Produktionsstätten investieren, weil ja schließlich nun enorme Nachfrage herrscht, auf dass noch mehr Fahrzeuge produziert werden, die dann natürlich, wenn ich und mein Nachbar und dessen Nachbar ein neues Auto haben, auf Halde stehen bleiben, da man einmal geschlachtete Sparschweine in nur den allerwenigsten Fällen reanimieren kann.

Doch meine gutgewachsene Bekannte meint nur, man solle abwarten und Tee trinken, und ob ich denn überhaupt wüsste, dass, wenn man Schnitzel nur von einer Seite paniere, man im Jahr bis zu 80 Cent sparen könne. Und wie sie sich bückt, sehe ich aus dem Bund ihrer 20 Jahre alten Jogginghose grobkarierte Herren-Boxer-Shorts hervorlugen.

Ich denke, an dieser Person werden sich Opel und Ford auch noch die letzten paar Zähne ausbeißen.