Blechschaden
Ich bin verwirrt. Nun, so ein Zustand allein ist keineswegs Rechfertigung, um diesen schriftlich zu fixieren. Schließlich sind gerade just in diesem Moment Millionen von Menschen, wenn nicht gar Milliarden verwirrt. Leider ist es bei meiner Person aber so, dass eine nicht zu ignorierende Anzahl von Metern meines Neuronennetzes irgendwie verknotet, mutiert scheint, also so eine Art Krebs des Geistes, was dazu führt, dass ich mir meiner Verwirrtheit vollkommen bewusst bin. In meinem Umfeld jedenfalls sind die Menschen, die von sich behaupten, sie seien verwirrt und zugleich vertauenswürdiger Zeuge ihres Befindens, grundsätzlich recht dünn gesät. Und mit verwirrt meine ich nicht jene Art von Verwirrung, in dessen Fängen man in Hausschuhen und sonst nichts am Leibe auf allen Vieren Nacht für Nacht bei Vollmond ums Viertel kriecht, um an jedem Baum und Pfahl sein Bein zu heben. Auch hierbei ist das Erkennen der von der Gesellschaft gebrandmarkten Verhaltensweise beim beinhebenden Protagonisten nicht immer gegeben. Was unter anderem dazu führte, dass in Städtischen Tierheimen nicht nur Zwangsjacken, sondern auch Zuckersäcke voller Diazepam längst zur regulären Grundausstattung gehören.
Aber solcherlei Gemütsstörungen sind allerdings heilbar, so dass einer meiner näheren Verwandten, den jener unheimliche Drang mittig des Lebens zum Sklaven machte, insoweit gesundete, dass er nebst Hausschuhen nun wenigstens auch eine Mütze bei seinen nächtlichen Ausflügen trägt.
Seine eigene Verwirrtheit indes zu spüren, dies ist eine Erfahrung, die, wenn man sie erst einmal macht, leichthin zum Ausspruch führt, man hätte gern darauf verzichtet. Eventuell ist es damit vergleichbar, dass, wenn man einem Blinden von Kindesbeinen an im Glauben erzieht, sein Zustand des Nichterkennens sei nichts Außergewöhnliches, sondern allgemeiner Standard bei der Spezies Mensch, und ihn dann aber eines schönen Tages kurz vorm zu Bett gehen mit der Nachricht überrascht, man sehe etwas, was er nicht sieht.
Doch nicht nur mein geistiges Wirrwarr erkannte ich, auch der Grund dafür offenbarte sich mir. Denn es scheint zu heutiger Zeit nichts leichter, als einem gesunden Menschenverstand mit nur wenigen, einander zuwiderlaufenden Aussagen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und wir wissen doch alle: liegt der Verstand erst einmal auf der Schnauze, dann ist’s mit Sprachreise und Abendschule alsbald Essig, weil man alldieweil nur noch nackert ums Viertel kriecht. Die Kausalität meiner gedanklichen Desorganisation liegt indes darin begründet, dass man mir noch vor wenigen Wochen wortgewaltig implantierte, dass Geiz doch nur so was von geil wäre, während man mich nun auf Knien darum bittet, ich möge doch endlich wieder konsumieren, bis auf dass meine Kreditkarte mindestens weißglüht.
Das Geiz geil sei, wagte ich schon bei Aufkommen dieses Werbeslogans zu bezweifeln, da ich selbst eine Frau kenne, die ihre Teebeutel immer zweimal aufbrüht, Zahnpastatuben am Pfalz aufschneidet, um auch an den letzten Rest der minzigen Polierpaste zu gelangen, und Lebensmittel immer nur kurz vor Ladenschluss kauft, wenn beispielsweise der Salat, welcher schon gegen Mittag einen qualvollen Tod durch Verdursten erlitt, zum halben Preis rausgeht. Das finde ich aber überhaupt nicht erotisch. Wenn ich bei dieser Dame auf einen dünnen Tee und dürren Salat eingeladen bin, da ist es ja dann nicht so, dass ich da nun immer mit einer Mordserektion herumsitze. Auch wenn es uneingeschränkt den Tatsachen entspricht, dass die Dame weit knackiger als ihr Tee und ihr Salat ist. Doch nicht nur ihre Lebensmittel wählt sie stets in der Preiskategorie zwischen geschenkt und verramscht, auch ihre Textilien, in welche sie ihren wohlgeformten Körper hüllt, ordert sie mit finanzschonender Bedacht nur im Second-Hand-Geschäft. Sogar, wie sie mich im engsten Vertrauen wissen ließ, ihre Slips und auch ihre recht gewaltigen Büstenhalter. Doch meine Libido ist nun einmal eine überaus zarte Pflanze, und was von Unbekannten Getragenes verdeckt, ist nimmer der Dünger, der dieses zierliche Gewächs zum Mammutbaum hochschießen lässt.
Das nun aber von der deutschen Wirtschaft festgestellt, bzw. festgelegt wurde, das Geiz ab sofort nicht mehr geil, sondern als Charakterzug zu meiden sei wie mechanisches Peeling bei offenen Geschwüren, lässt mich nachdenklich in meinen Sitzsack sinken. Denn war der Werbespruch “Geiz ist geil” in punkto Verbindung von Sparsamkeit und Erotik doch eher ein derber Schlag ins Fruchtwasser, so machte er doch aber wenigstens mein Sparschwein grinsen. Doch nun, wo es eine, wenn auch recht dünne Speckschicht angesetzt hat, soll ich dieses schlachten, um mir ein Auto zu kaufen. Doch vorausgesetzt, ich täte dem Ruf der in einer Flaute verharrenden Automobilindustrie folgen, und mein Nachbar und dessen Nachbar auch, so würden doch die Damen und Herren von Opel und Konsorten sofort wieder die Produktion hochfahren, eventuell in neue Produktionsstätten investieren, weil ja schließlich nun enorme Nachfrage herrscht, auf dass noch mehr Fahrzeuge produziert werden, die dann natürlich, wenn ich und mein Nachbar und dessen Nachbar ein neues Auto haben, auf Halde stehen bleiben, da man einmal geschlachtete Sparschweine in nur den allerwenigsten Fällen reanimieren kann.
Doch meine gutgewachsene Bekannte meint nur, man solle abwarten und Tee trinken, und ob ich denn überhaupt wüsste, dass, wenn man Schnitzel nur von einer Seite paniere, man im Jahr bis zu 80 Cent sparen könne. Und wie sie sich bückt, sehe ich aus dem Bund ihrer 20 Jahre alten Jogginghose grobkarierte Herren-Boxer-Shorts hervorlugen.
Ich denke, an dieser Person werden sich Opel und Ford auch noch die letzten paar Zähne ausbeißen.
22. November 2008 um 23:17
Nicht dass ich der geistigen Desorientierung weiteren Vorschub leisten möchte; aber “Geiz ist geil” geht nur solange, wie ameisenfleißige Asiaten für einen Hungerlohn Dinge produzieren die wir hier auf der anderen Seite des Globus eigentlich gar nicht brauchen. Am Produzieren hapert es freilich nicht, die könnten sogar noch mehr wenn es sein muss. Es gebricht am Transportieren. Seit letzten Mai ist der Seehandel wegen der Bankenkrise um 90% eingebrochen. Soll heißen, es wird nicht mehr genug von dem herangeschifft an dem wir unseren – offenbar aus Schottland importierten – Geiz üben könnten. Künftig wird wieder tiefer in die Tasche gegriffen und auf Qualität geachtet. Und der Geiz? Den können die Schotten zurück haben. Wir lassen bodenständige Sparsamkeit als Tugend neu erstehen.
MfG
Hans
23. November 2008 um 8:22
Das die “Geiz ist geil”-Aktion nur auf gierige Märkte und billige Produzenten fusst, ist Allgemeinplatz. Nun gut: wir arbeiten ja momentan daran, dass auch wir Deutschen demnächst billig produzieren (siehe Problematik Leiharbeit) auf das der Rest der Welt ins Sparvergnügen kommt. Sofern er noch ein paar Dollars hat. 90% des Seehandels eingebrochen? Da müssen die Piraten ja bald betteln gehen, oder?
28. November 2008 um 13:20
Die Piraten wollen ja nicht originär geil werden, sondern reich. Reich macht dann sozusagen nebenher gewisse Frauen geil, was diesen Werbespruch einerseits konterkariert. Andererseits: Der Fernseher, den man bei dieser “Geiz ist geil”-Kette für 450 Euro kaufen kann, kostet beim großen Internethändler 200 Euro weniger. Macht in der Summe ziemlich viel Kohle für die geizigen Führungsoberhäupter, die ihren Reichtum häufen und damit immer geiler werden, s.o.
Alles nur eine Frage der Sichtweise.