Schneeballsystem

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann es an mir war, Schnee zu hassen. Wahrscheinlich fiel es aber genau auf jenen Tag, an dem mein kindliches Spiel mit den Flocken – auf elterlichen Befehl hin – den Platz räumen musste für das Schippen des Schnees, das Befreien des Bürgersteiges von des Winters weißer, festgetretener Last. Schließlich waren meine Eltern Mieter, oder ein Teil der Mieter meine Eltern (auch hier ist meine Erinnerung recht porös!), was im Grunde aber auch vollkommen egal war, denn der Mietvertrag machte keinen großen Unterschied zwischen Mieter ohne Kind und Kind mit Eltern als Mieter. Da gab es einfach keine Grauzone, indessen nebulösem Dickicht sich die Mieter mit und ohne Nachwuchs zwischen November und März in unserem Wohnhaus verstecken hätten können. Der gestrenge Hausmeister hieß bei uns Hausordnung, welche penibel und gerahmt festlegte, wer wann und wie oft Treppe schrubben musste oder eben Schnee zu schippen hatte. Wobei das Treppe schrubben ganzjährig eingefordert wurde, während das Schnee schippen nur in der kalten Jahreszeit der Hausbewohner Laune verdarb. Auch wenn ich schon ein klein wenig argwöhnte, dass unser Vermieter letztere saisonal bedingte Reinigungstätigkeit nur in allerbösester Absicht reglementierte, denn es hätte alle Mieter doch enorm entlastet, wenn es nur im Sommer gegolten hätte, des Winters Mitbringsel per Schaufel vom vorm Haus zur Straßenmitte zu befördern. Bis zur Straßenmitte, das schafften allerdings nur die Kräftigsten, die, in deren Suppe auch über die Woche hin reichlich Fettaugen schwammen, so dass der Schnee bei den meisten aller Mieter schon am Rande des Bürgersteiges wieder zu Fall kam. So entstand des öfteren eine Schneise aus Schnee und Stein, ein halbseitig temporäres Nadelöhr, nicht gemacht für Leute, die vergaßen, dass auch Babyspeck nur in einem sehr eng gezogenem zeitlichen Rahmen der Öffentlichkeit zumutbar ist. Was damals aber nicht weiter prekär, denn zu jener Zeit, da waren eigentlich nur die richtig dick, die den Krieg überlebt hatten, die Hungerjahre, die, die die Erinnerung daran zwang, tagtäglich GUTE Butter zu essen, bis sie so breit waren, wie der Krieg lang.

Bei sechs Mietpartein war es selbstverständlich an dem, dass der Winter samt Dienst durch sechs geteilt wurde, was die Sache aber keineswegs angenehmer gestaltete, denn es war doch stets zu allen Zeiten so, dass es immer nur dann besonders ergiebig schneite, wenn man in der Hausordnung ein Kreuz neben seinem Namen fand. Gut, wenn man dann in flockenreicher Zeit Kinder hat, die hart an der Grenze zum Erwachsensein ein Bild abgeben, welches dem Betrachter wortlos sagt: sie sind reif genug, um ihres Lebens bisherige Süße in die Bitternis der Realität zu tauchen. Und dieses Bitter hieß körperliche Arbeit.

Und meine Eltern sahen, dass meine jungen Arme und die gleich alten Schultern nun wohl kräftig genug seien, um nicht nur Schneebälle zu formen, zu werfen, zu verleugnen, sondern auch endlich stark genug, um der Eltern winterliche Pflicht von deren gebeugten Schultern zu nehmen. Und damals, da waren die Winter noch Winter. Wie oft fiel über Nacht soviel Schnee, dass er bis zu den Fenstern unseres Kinderzimmers hinauf reichte. Und wir wohnten damals ganz oben! Hierbei kann es natürlich sein, dass dieses “ganz oben!” trügt, betrügt, doch wer kennt es nicht, das Gefühl, wenn man einen Weg geht, den man als Kind schon oft gegangen, der einem aber damals mindestens doppelt so lang vorkam. Sei’s den kurzen Kinderbeinen geschuldet gewesen, oder auch der Relativitätstheorie, da diese doch besagt, dass, wenn man sich bewegt, die Zeit schneller vergehe, was wiederum bedeutet, dass, wer ein bewegtes Leben hat, sehr viel mehr Zeit durchlebt haben muss, was andererseits als Entschuldigung mit sich bringt: da kann schon mal im Gedächtnis so einiges kreuz und quer geraten!

Lange Rede – kurzer Sinn: wenn das winterliche Vergnügen sich reduziert auf das Schaffen von Tunneln aus Stein und Schnee, so hat man im Leben endgültig den Punkt erreicht, an welchem man sich erstmals ernsthaft Gedanken darüber macht, eine Todesliste zu erstellen. Und die ersten drei Plätze darauf teilten sich bereits Schnee, Vermieter und Eltern. Und der Rest des Lebens besteht dann nur noch aus den Sisyphusschen Versuchen, die Liste zu Lebzeiten irgendwann fertig zustellen. Plus Schnee schippen durch sechs.

 

Anmerkung: Morgen Abend grunzt das Kolumnistenschwein in der Blankenhainer Regelschule, Beginn circa 19 Uhr. Dazu gibt es Geklimper und Völlerei.  Eintritt frei.

4 Antworten zu “Schneeballsystem”

  1. Hans sagt:

    Hachja, die gute alte Zeit. Bei jedem Mal erzählen gewinnen die Geschichten an Einzelheiten hinzu. Ich kann mich noch gut an meine ersten Schuljahre erinnern, kurz nach dem Krieg. Das war Mitte der 1960er. Die Winter in jenen Jahren waren besonders hart. Und da musste ich morgens im Dunkeln erst die ganze Straße – ca. 6 km – freischippen. Danach habe ich meine beiden jüngeren Brüder auf den Rücken genommen und bin in die Schule gestapft. Durch tiefen Schnee, der war einstweilen wieder gefallen, mit kurzen Hosen und barfuß. Wir hatten ja damals nichts.

    MfG
    Hans

    Anmerkung: Morgen werde ich vermutlich nicht nach Blankenhain kommen können. Bin eingeschneit. ;)

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    @Hans
    Du flunkerst wirklich eiskalt. (Willkommen im Club!)

  3. Phil sagt:

    Auf meiner Todesliste stünde der Hausmeister an erster Stelle … :-)

  4. Flyer sagt:

    Schön, daß es wieder was zu lesen gibt!

    Aufgrudn starken Schneefalls hier im Schwarzwald ist es mir leider auch nicht möglich, zu kommen: die Nachbarn haben alle keine Kinder ^^