Dem Christkind untern Rock geschaut

Seitdem ich den geistigen Getränken aller Art meinen Rücken zugewandt habe, ist mir der Sinn von Weihnachtsmärkten vollkommen abgegangen. Zu Zeiten von Rausch an Rausch, da war ein Sinn – wenn auch nur verschwommen -  durchaus erkennbar, und er lag vor allem darin, von Glühweinbude zu Glühweinbude zu wanken, um dem Alkoholspiegel eine gewisse Konstante zu geben. Was unter den gegebenen Bedingungen eines Christkindmarktes nicht immer unter einem guten Weihnachtsstern stand. Denn Adventsmärkte sind vom Charakter her als offene Märkte zu bezeichnen, also, was ihre Besucher betrifft, nicht so von harten Gesetzestexten dranglasiert, wie beispielshalber die Erotikmessen, deren Angestellte angehalten sind, sofern die Gäste milchbärtig und pickelig scheinen, vor der Saaltüre erst mal einen kritischen Blick in deren Ausweispapiere zu werfen. Diese Gesetzeslücke führt nun indessen alljährlich dazu, dass die Weihnachtsmärkte von vollständigen Familien heimgesucht werden, während Erotikmessen allein verschwitzte Brillengläser putzenden Junggesellen um die 50 vorbehalten sind. (Ob der Gedanke, auf Erotikmessen Glühwein auszuschenken, während man auf Weihnachtsmärkten eine Live-Performance sich paarender Models präsentiert, eine Ausweispflicht für die Plätze zwischen Lebkuchen- und Christbaumschmuckbuden mit sich bringen würde, sei allerdings den kommunalen Entscheidungsträgern zur Begutachtung statt ihrer Hände in den Schoß gelegt!)

So war es halt immer so eine Art mit Kinderwagen und gutbemützten Viertelwüchsigen bestückter Parcours, daraus folgend ein Rempeln und verbales Rumpeln, um von Stand zu Stand zu gelangen, an denen es galt, für 2,50 Euro pro Becher, die Weihnachtsstimmung am köcheln zu halten. Und nicht selten erwachte man am nächsten Morgen mit dem typischen, durch den mit Zucker aufgemotzten alkoholischem Gebräu verursachtem, tiefgestimmtem Brummschädel. Und man war den dann ganzen Tag damit beschäftigt, unverpackte Schokoladenäpfel aus den Innentaschen seiner Winterjacke zu schälen, kandierte Nüsse aus den Norwegersocken zu pulen, und herauszubekommen, wer zum Teufel die Personen sind, mit denen man sich auf dem eigenen Fotohandy in mindestens zweideutigen Posen hat ablichten lassen. Auch die umgehängten Lebkuchenherzen, auf denen man mit Zuckerlasur “Ich liebe Dich!” gedruckt hatte, machten unsicher, denn man war ja den jungen Ehejahren, in denen solch Liebesbeweise gern aus Gründen stetig ungezügelter Libido verschenkt worden, längst entwachsen. Außerdem war man ja, wie die Erinnerung nur widerwillig wiedergab, nicht mit der eigenen Ehefrau, sondern den Kolleginnen und Kollegen auf Glühweinpirsch.

Heute hingegen, mit vom Alkohol ungetrübtem Blick betrachtet, erscheinen die Weihnachtsmärkte genau als das, was sie in Wirklichkeit nämlich sind: Märkte, in denen die legalen Drogen Alkohol und Zucker feilgeboten werden, um dem dadurch berauschten Kunden in den anderen Buden Tand und Schnickschnack aufzuschwatzen, um ihm somit das Weihnachtsgeld, bzw. wie in den meisten ostdeutschen Fällen, das nichtgezahlte Weihnachtsgeld aus den Taschen zu ziehen. Und um dem aufs schnöde Abzocken präparierten Weihnachtsbrimborium einen halbwegs moralischen Anstrich zu geben, werden ein Märchenwald und eine Weihnachtskrippe aufgestellt, wobei ich mir aber selten einig werde, bei welcher Schaugruppe es sich nun um die Märchen, und bei welcher es sich um die geschnitzten Missionierungsversuche handelt, da mir beide doch sehr auswechselbar und aus den Fingern einer nie bestätigten Moral gesaugt scheinen.

Auch fiel mir auf, dass der Glühwein, der pro Becher mit circa 2.50 Euro dem Portmonee zur Last fällt, im Lebensmittelhandel für 0,99 Cent pro Flasche über die Scanner der Registrierkassen geht. Und in so einer Flasche sind locker 3 Becherinhalte glasummantelt, was bedeutet, dass der Glühwein auf dem Adventsmärkten von Rostock bis München ungefähr das das Achtfache kostet.

Hieraus erschließt sich nun aber, warum auf Weihnachtsmärkten so ungeheuer gesoffen wird. Denn nüchtern lässt sich so ein Abzocken ja gar nicht ertragen. So sollten uns die “Ho! Ho! Ho!” – Rufe der Teilzeitweihnachtsmänner auf den meisten der Adventsmärkte nicht etwa dazubringen, unserer Kinder in Reichweite des Rauschebartes zu schieben. Sie sollten uns eher dazu veranlassen, unsere Geldbörsen ganz, ganz fest zuhalten.

Schönen 1.Advent!

9 Antworten zu “Dem Christkind untern Rock geschaut”

  1. Hans sagt:

    Gerade wollte ich im Geiste das erste Kerzchen auf meinem nicht vorhandenen Adventskranz anzünden. Nach der Lektüre dieses desillusionierenden Textes fehlt mir dazu allerdings auf einmal die Stimmung. Wo ist er auf einmal? Wo ist der Charme von Christbaumkugeln und von Kerzen hinterlegt mit dem Duft von frisch geschnittenen Tannenzweigen? Wo sind die glockenhellen Kinderstimmchen, die Stihille Naaacht intonieren? Wo sind Nürnberger Lebkuchen, Lübecker Marzipan, Aachener Printen, Pfeffernüsse und Dominosteine? Achso, das gibt es alles seit September im Supermarkt.

    Die richtigen leckeren Spekulatius, die ich noch von früher kenne, hat man aus fadenscheinigen medizinischen Gründen in langweilige Teigplatten undefinierbaren Geschmacks verfälscht. Das Christkind von früher ist zu einem übergewichtigen alten Knacker aus der Coca-Cola-Werbung mutiert. Die ganze Vorweihnachtszeit verströmt mittlerweile die Aura eines Ramschverkaufes.

    Verdammt Kolumnistenschwein, jetzt hast Du mich zum Nachdenken gebracht. Fehlt mir bloß noch dass jemand das Christkind leugnet. Dann werfe ich mich hinter die nächste U-Bahn.

    ;)

    MfG
    Hans

  2. Kolumnistenschwein sagt:

    Jede Wette: der U-Bahnfahrer hat eine rote, mit blinkenden Sternen besetzte Zipfelmütze auf!

  3. Hans sagt:

    Ehrlich? (schluchz) Ach das schreibst Du doch jetzt nur so.

    MfG
    Hans

  4. Gilbert sagt:

    Also gut, hier was stimmungsvoll-Romantisches

  5. Kolumnistenschwein sagt:

    Ja, Gilbert, da wird’s selbst dem Atheisten warm ums Herz!

  6. Hans sagt:

    Danke Gilbert. Wenigstens ein Mensch, der noch eine romantische Ader pflegt.

    MfG
    Hans

    PS.: Die nächsten paar Monate werde ich keinen Jägerbraten essen. Man weiß ja nie …

  7. Sash sagt:

    Herrlich! Habe mich amüsiert über den Eintrag, zugleich aber feststellen müssen, wie realistisch er eigentlich ist… schön, dass sowas noch geschrieben wird!

  8. Sennerin sagt:

    Ha, ich wurde heute im Büro mit Weihnachtsliedern quasi dauerbeschallt und dachte kurzfristig an, das Gerät durchs Fenster zu schleudern. Dummerweise hat der werte Herr Kollege quasi die Sendersuchhoheit und grinste nur maliziös. Der Eintrag spricht mir sowas von aus der Seele, möge das Weihnachtsgedöns möglichst schnell vorübergehen…

  9. spill sagt:

    Wieso heißt es eigentlich Glühwein?
    Oh, nachgelesen gerade:
    Das hat nichts mit glühenden Bäckchen nach Gebrauch zu tun, sondern.

    “Glühwein (<19 Jh.) Univerbiert aus älterem Wein -geglühtem Wein-(17 Jh.), also ‘auf Glut erhitzter Wein’. “