Das Wort zum Sonntag
Sonntag, 16. November 2008ich kenne Charaktere, die sind so mies, dass, wenn deren Besitzer auch einhundertprozentig der letzte Mensch auf Erden wäre, und man vor die Wahl gestellt würde, ob man mit diesem, oder einem Stück Scheiße den Rest seines Lebens verbringen will, man sich eben so einhundertprozentig für die Exkremente entscheidet, weil dies eindeutig die bessere Wahl ist. Und mit schlechten Charakteren, da meine ich nicht etwa diejenigen, die einem im Kino stetig daran erinnern, dass man nicht allein im abgedunkelten Saale sitzt, da sie ständig mit ihrem Bonbonpapier rascheln, oder die Menschen, die sich im Urlaub am Büffet immer vordrängeln müssen: dies alles ist zwar unangenehm zu erfahren, aber leicht verzeihbar, denn sowohl Kino, wie auch Urlaubsbüffet, sind zeitlich zu gering bemessen, um einem das Leben auf immer und ewig zu vergällen. Auch ich knistere zuweilen mit Bonbonpapier im Kino. Besonders während der furchtbar unrealen Szenen, in denen es um platonische Liebe, oder auch Revolver geht, die laut Hersteller mit maximal 6 Patronen aufmunitioniert werden können, der Protagonist aber mit diesem Schießeisen mindestens 3 Dutzend Bösewichter erledigt, ohne einmal nachzuladen zu müssen. Und ich drängele auch gerne einmal am Büffet, wenn ich in fremden Ländern meinen schrundigen Geist samt Körper zur Regeneration ausbreite, denn es zählt zu den Binsenweisheiten eines jeden Pauschalurlaubers, dass die Meeresfrüchte und die Lendenstücke anderer leckerer Tiere, im Laufe des Abends nicht nur kälter, sondern auch immer kleiner werden.
Doch wirklich unangenehm sind die von Grund auf verdorbenen Charakter, denen man zudem Tag für Tag – durch des Lebens Zwänge in Beugehaft genommen – ins von Boshaftigkeit verzerrte Gesicht gezwungen ist zu schauen, welche als einzigen Sinn ihres Lebens auserkoren haben, ihren Hass auf ihren eigenen kümmerlichen Zustand, auf ihre Mitmenschen zu projizieren. Jede Münze, die man mehr als sie im Portmonee trägt, jedes Wort, welches naturbedingt geistvoller als das ihrige ist, jede Freude am Moment, die sie nicht in der Lage sein wollen sie zu verspüren, potenziert ihren Grimm ins Gigantische, lässt sie keifen und geifern, bis sie fast am eignen Gift ersticken. Sie haben nichts im Kopf, aber auch keinerlei Hemmungen, dieses Nichts als eine besonders hässliche Form von Selbstbewusstsein zu präsentieren, aufgemotzt mit den stumpfen Glasperlen der Unhöflichkeit und der Impertinenz, mit denen sie erhoffen, sich stillschweigende Pseudoanerkennung zu erkaufen. Ein fauler Apfel, so heißt es, verdirbt die ganze Kiste, was – sofern an dieser Bauernregel auch nur das geringste dran sein sollte – zwangsläufig dazu führen wird, dass alsbald selbst die edelsten Menschen sich das Bitte und das Danke abgewöhnen, sich zu einer Kommunikation herablassen, welche nur aus Beleidigungen, Vulgaritäten und Denunziationen besteht, und überhaupt gegenüber einem Haufen Scheiße als Charakter sehr blass aussehen werden. Und dann gehören wir alle zu einer Art Menschen, die einen dazu bringen, wenn man gezwungen ist, einen Großteil seines Lebens mit ihnen zu vergeuden, sich bei tief ins Gesicht gezogene Mützen tragenden und zumeist in dunklen Bahnhofsecken stehenden Mitbürgern zu erkundigen, wo es denn die legendären, sechschüssigen Revolver, mit denen man, ohne ein einziges Mal nachzuladen zu müssen, mindestens drei Dutzend Menschen ins Jenseits befördern kann, zu kaufen gibt. Man hätte nämlich gern davon 4 Stück. Denn schon der französische Bühnendichter Pierre Corneille hat gewusst, dass, wer von allen gehasst wird, nicht erwarten kann, lange zu leben.
Aber vielleicht sind ja auch nur die verdammten Bauernregeln das Problem.
Amen.
